Books that saved & shaped my life // Mit Edith Löhle, Autorin & Journalistin

30.05.2018 Buch, box2

Für unsere neueste Ausgabe von „Books that saved & shaped my life“ haben wir uns Edith Löhle geschnappt und zwar vor allem deshalb, weil wir ihre Geschichten mögen. Denn diese lebhafte, leidenschaftliche und liebenswerte Löhle kann so gut wie alles in Worte fassen: Etwa wie es ist, eine ehemalige Beschneiderin zu treffen, irgendwo im äthiopischen Yanfa. Wie es sich anfühlt, wenn eine gute und kluge Freundin plötzlich für einen Fernsehsender blank zieht. Oder aber auch, wie das so klappen kann, binnen 60 Sekunden zum Höhepunkt zu gelangen. Das Potpourri der Journalistin und Autorin ist augenscheinlich vielfältig – logisch, nach zehn Jahren Redaktionserfahrung. Einen Fokus hat Edith sich trotzdem gesetzt: Am liebsten schreibt sie über starke Frauen und jene, die sonst keine Stimme hätten. Den Rest erzählt sie uns besser selbst:

„Ich habe anscheinend Entscheidungs-Probleme: 6 Bücher auszuwählen fiel mir außerordentlich schwer. Klar, ich habe viele Romane gelesen, die mich beeindruckt haben (zum Beispiel „Die Spionin“, „The Girls“, „Gute Geister“, „Little Bee“, „Valley of The Dolls“, „Die Päpstin“…) – aber wo fängt man nur an und wo hört man auf? Ich habe versucht, ein bisschen nach Dekaden beziehungsweise Lebensabschnitten zu gehen. Schließlich geht es um Bücher, die geprägt haben. Und die in dieser Rubrik noch nicht genannt wurden.

Man merkt schon an meinen Lieblingsbüchern, dass mich starke Frauen faszinieren. Das war schon immer so, ich stand immer auf die Mädchen, die sich was trauen und irgendwie rausstechen. Deshalb habe ich mich als Journalistin auch thematisch dahin bewegt, was mich selbst bewegt: Als Autorin schreibe ich viel über herausragende Ladies, versuche Geschlechterrollen zu erneuern und hole Inspiration durch die weibliche Kraft.

Tatsächlich schreibe ich gerade selbst an einem Roman. Drei mal darf man raten, welches Geschlecht da die Hauptrolle spielt. Um alle meine Herzensprojekte unter einen Hut zu bekommen, in der Natur schreiben zu können und Geschichten auf Reisen zu mir kommen können, fühle ich mich nur ganz, wenn ich selbstständig bin. Nach knapp 1 1/2 Jahren bei Refinery29 (ich war als Chefautorin & Features Editor festangestellt) entschied ich mich, wieder als freie Journalistin und Autorin zu arbeiten. Ich und Großraumbüro schmeckt für mich mittlerweile wie Nutella und Käse zusammen auf einem Brot. Unabhängig von einander ist es leckerer. Jetzt bin ich wieder umtriebig, wenn ich in Berlin bin, schreibe ich von meinem Garten-Office und außerdem werde ich heute Hundemama.“

 

Ein Beitrag geteilt von Edith Loehle (@_edditude_) am

Roald Dahl: Mathilda

Der Stoff, der mich in meiner Kindheit am meisten geprägt hat und mich dazu ermutigt hat, ein neugieriges und freches Mädchen zu sein, gab’s erst mal nur auf Kassette: Bibi Blocksberg war meine Kinderzimmerheldin Nummer 1. Als ich in der Schule dann mein erstes Referat, eine kleine Buchbesprechung, halten sollte, wählte ich eben inhaltlich Verwandtes: „Matilda“. Sie ist blitzgescheit, ein regelrechtes Wunderkind, und während sie sich gegen ihre beschränkten Eltern und die böse Schuldirektorin Fräulein Hammerschmidt behaupten muss, entdeckt sie ihre übersinnlichen Kräfte. Dem ein oder anderen dürfte die Verfilmung aus den 90ern mit Danny DeVito noch bekannt sein. Der Kinderroman des norwegisch-walisischen Schriftstellers Roald Dahl ist von 88 und schafft es, Fantasie und Mut in Kids zu wecken. So sah zumindest bei mir Female Empowerment in der Grundschule aus.

Waris Dirie: Wüstenblume

Ich erinnere mich noch ganz genau, wie es mir mit 15 den Magen zusammenzog, als ich „Wüstenblume“ las. Und wie viele Tränen auf die Seiten floßen. Die Geschichte von Waris Dirie und ihr Mut, gegen traditionelle Gewalt gegen Frauen zu kämpfen, hat mich damals wie heute tief berührt: Mit 5 Jahren wurden sie in Somalia beschnitten, heute ist sie UNO-Sonderbotschafterin gegen die Genitalverstümmelung, die täglich 6000 Mädchen weltweit erleiden müssen. „Ich weiß, dass „Wüstenblume“ eine wichtige Botschaft hat, die von allen Menschen geteilt wird: die Achtung vor der menschlichen Würde“, sagt Waris Dirie. Mich hat dieses Buch so sehr geprägt, dass ich 15 Jahre später mit der Stiftung „Menschen für Menschen“ nach Äthiopien geflogen bin und ein Interview mit einer Frau gemacht habe, die junge Mädchen beschnitten hat. Die Annäherung und die Kommunikation mit der Frau mit den warmen Augen werde ich niemals vergessen und das Stück, das dabei rauskam, ist für mich das emotionalste meiner journalistischen Laufbahn.

Hermann Hesse: Siddharta

Ein zeitloser Klassiker, der dem Moment Sinn gibt. Die Sprache Herman Hesses in „Siddhartha “ist für mich so malerisch, golden und fließend, dass einen die Geschichte über das Sein einfach sein lässt und liebevoll in die Landschaft Indiens im 6. Jahrhundert vor Christus versetzt. Die vielen Weisheiten und Impulse fühlen sich wie schöne Souvenirs dieser Reise an, ohne die Last von Dogmen im Gepäck zu haben. Die Geschichte des Samanen (Asketen) Siddhartha ist eine Einladung zur Entschleunigung und gleichzeitig ein wunderschönes Argument sich dem Fluss des Lebens hinzugeben. Wir sagen so oft „go with the flow“– von Herman Hesse habe ich Inspiration dazu bekommen.

Naomi Alderman: The Power (Die Gabe)

Das war das Buch, das mich zuletzt völlig umgehauen hat. Mein Freund schenkte es mir mit den Worten „Obamas Lieblingsbuch 2017“ zu Weihnachten und ich muss schon sagen: Der Herr Ex- US-Präsident und ich haben den gleichen Geschmack. Naomi Aldermans Dystopie „The Power“ (im empfehle es, in englisch zu lesen) ist schonungslos und stellte pünktliche zur „Me too“- Debatte die Geschlechterrollen komplett auf den Kopf. Alderman zeichnet eine Welt, in der Frauen an der Macht sind, weil sie den Männern körperlich überlegen sind: Die Anatomie der Frauen hat sich verändert und sie bekommen im Bereich des Schlüsselbeins ein zusätzliches Organ, das – wie bei einem Zitteraal – elektrische Schläge abgeben kann. Die Machtverhältnisse werden dadurch komplett umgekehrt, Männer trauen sich nachts nicht mehr auf die Straße, weil sie Angst haben, mit der Elektrizität gefügig gemacht zu werden, ausgeraubt, vergewaltigt und getötet zu werden. Und all das passiert… Seitdem ich das Buch gelesen habe, sehe ich einiges anders: Ich selbst bin aus Wut den Feminismus lang mit der Brechstange angegangen, pauschal habe ich mir wegen der Verletzung des weiblichen Prinzips in den letzten Jahrtausenden ein Matriarchat herbeigesehnt. 

Ich dachte, Frauen würden – wenn man sie nur ließe – intuitiver, naturverbundener und sanfter sein. Jetzt denke ich, dass es um eine gesunde Balance geht, denn zu viel Macht auf einer Seite führt zu Missbrauch. „The Power“ hält radikal vor Augen, dass Frauen nicht die besseren Menschen sind. Aber wie überfällig Gleichberechtigung ist.

Joey Goebel: Vincent

Schmerz und Kunst – gehören sie zusammen? Ist Leid vielleicht der Brennstoff für wahre Kunst? Eine Frage, über die ich so oft nachdenke und immer wieder mit Schaffenden diskutiere. Auch Joey Goebel beleuchtet dieses geflügelte Verhältnis in seinem Roman „Vincent“. Er ist grausam, lyrisch, satirisch, herzlich und rührend: Die Geschichte dreht sich um den jungen Vincent der an einer Schule ist, auf der hochbegabte Kinder zu echten Künstlern erzogen werden sollen – und damit der Stoff der gewaltigen Gefühle niemals ausgeht, sorgen „Beschützer“ heimlich dafür, dass den Kreativen das Leid niemals ausgeht. Bedeutet in Vincents Fall, dass der Ex-Musiker Harlan ihm das Leben gründlich versaut, weil er es gut meint. Im Laufe seines Lebens kreuzt ein Schicksalsschlag nach dem anderen und Vincent wird dadurch ein bedeutender und relevanter Künstler, aber eben auch ein gebrochener Mann. Das Buch hinterfragt und kritisiert die Unterhaltungsbranche und wirft die Fragen des Glücks und Sinns auf.

Vincent Cronin: Katharina die Große – Biographie

Die Biografie „Katharina die Große“ liest sich fast wie ein Roman. Obwohl es natürlich faktisch um die Ereignisse ihres Lebens geht, lernt man durch Korrespondenzen und Briefwechsel die Frau, die 1762 gegen ihren Mann putschte, dann Zarin und Autokratin von Russland wurde, kennen. Katharina steht als einzige Frau auf der Liste „der Großen“ der Weltgeschichte – sie hatte Eier: Für mich seht sie für eine selbstbestimmte Sexualität. Für eine Frau zu der Zeit ungewöhnlich harrte sie nicht in ihrer unglücklichen Ehe aus, sondern teilte sich das Bett mit Männern, die ihren Alltag an der Spitze Russlands aufregend gestalteten. Rund 20 Liebhaber soll sie gehabt haben, übrigens ein Grund für Karikisten sie als männerfressende Hure darzustellen. Auch wenn ich sie nicht als sonderlich sympathisch empfand – ob das am Zarenhof überhaupt möglich ist? – zieht man schon den Hut vor dem, was sie alles gefördert hat: 

Wissenschaften, Rechtsprechung und Bildungssystem. Durch ihre Reformen und ihr taktisches Geschick machte sie Russland zur europäischen Großmacht. Dieses Buch hat mal den Fokus auf eine starke Frau gesetzt, mit der ich mich zuvor nicht beschäftigt habe. Und ich bin mir sicher, ich bin nicht die Einzige, die in der Geschichtsstunde früher im Unterricht geschlafen hat…

3 Kommentare

  1. Jojo

    Hey ihr lieben! Da das hier meine absolute Lieblingsreihe bei euch ist und sie mir schon viele Stunden bereicherndes schmökern ermöglicht hat, wollte ich wissen ob ihr Janes nicht mal Teil eurer Reihe sein wollt?

    Antworten
  2. Fine

    Weil ich diese Reihe so schmerzlich vermisse, hier eine kleine Anregung: fragt doch mal BIANCA JANKOVSKA (aka die „Groschenphilosophin“). Ist eine tolle Frau, die wahnsinnig gute Aufklärungsarbeit leistet!

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Mehr von

Related