Books that saved & shaped my life – mit Anna Hupperth, Co-Organisatorin des #WirVsVirus Hackathons

10.04.2020 Buch, box1

Ich kenne Anna überhaupt nicht gut genug, um ihr Wesen nun für euch greifbar in angemessene Worte fassen zu können, aber ich weiß, dass es schön und bereichernd und ansteckend ist, sie zu treffen, immer wieder, weil wir ganz verschieden sind, aber dieselben Menschen mögen, die gleichen Bücher lesen und uns bei jedem Aufeinandertreffen Fragen stellen, die wir insgeheim auch an uns selbst richten könnten oder vielleicht auch: sollten. Anna sagte vor gar nicht allzu langer Zeit „Mach einfach, du magst es doch“, als ich gerade etwas verunsichert auf den selbst gekritzelten Blumenstil starrte, für den ich also an diesem sonnigen Wohnzimmertisch Platz genommen hatte, der Tätowiermaschine samt Künstlerin gegenüber. Es sollte mein liebstes Tattoo werden. Vielleicht auch dank Anna, die letztlich nur dabei saß, als mentale Stütze für eigentlich alle. Das kann Anna nämlich zweifelsohne: Zuhören, schlaue Antworten geben und motivieren, zum Sein, zum Aufbrechen, zum Großdenken. Und zum endlich Machen.

Es wunderte mich also nicht, als ich schließlich mitbekam, dass (und jetzt werden wir endlich ein bisschen offiziell) Anna Hupperth, Head of Comms bei Tech4Germany, nun auch als Co-Organisatorin des #WirVsVirus Hackathons der Bundesregierung agiert. Der #WirVsVirus Hackathon hat in 48 Stunden vom 20.-22. März mehr als 28.000 Teilnehmer:innen virtuell zusammengebracht und war damit der größte je ausgerichtete Hackathon weltweit.

Worum es da geht?

„Gemeinsam mit der Bundesregierung haben wir einen digitalen Beteiligungsprozess in der Corona-Krise geschaffen. In 48 Stunden haben wir 28.361 Menschen zusammengebracht, die an über 1.500 Lösungen gearbeitet haben.  Wir haben mutige und innovative Ideen gesucht, die der Gesellschaft dabei helfen, jetzt solidarisch zu sein und gestärkt aus der aktuellen Situation (…) hervorzugehen.

Die Herausforderungen, die beim Hackathon bearbeitet wurden, kamen aus der Mitte der Gesellschaft: von 80 Millionen Bürger:innen. Es waren alle eingeladen, die Zeit, Lust & Internetzugang hatten. (…)

Aber jetzt muss es weitergehen. Der Hackathon war erst der Startschuss. Mit unserem #WirVsVirus Programm haben wir ein umfangreiches Unterstützungsprogramm aufgebaut, das es ermöglicht, Lösungen schnell zu testen und nutzerzentriert umzusetzen.“

Alle Infos, auch zur Teilnahme, findet ihr hier. 

Und jetzt verrate uns doch bitte, liebe Anna:
Welche Bücher haben dich bisher wohl am
allermeisten geprägt?

Instagram: @annapepperspray

Twitter: @anna4germany

Hallo Mister Gott, hier spricht Anna – Autor*in Unbekannt

Während ich lesen lernte, lag “Hallo Mister Gott, hier spricht Anna” als Geschenk von meinem Papa dauerhaft auf meinem Nachtisch. Entsprechend löchrig sind meine Erinnerungen. Ich muss sogar gestehen, dass ich nicht weiß, ob ich es je durchgelesen habe. Woran ich mich aber erinnere, ist ein freches Mädchen, das ihrem neuen älteren Freund Fynn die Welt erklärt und ihrer Umwelt mit ganz viel Verständnis, Liebe und Direktheit begegnet und damit jeden Miesepeter/ jede Miesepetra in die Knie zwingt. Möglicherweise ist es aufgrund der Namensverwandtschaft: aber ich denke oft daran, dass ich heute mal wieder mehr wie Buch-Anna sein könnte. 

 

Im Herzen der Gewalt – Édouard Louis
– übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel

Ein Buch von Édouard Louis endet bei mir nie auf der letzten Seite. Seine Gabe, große und schmerzende Gefühle auf den Punkt zu bringen, hallen bei mir jedes Mal noch lange nach. “Im Herzen der Gewalt” handelt von einer spontanen nächtlichen Liebesgeschichte, einem Diebstahl und Vergewaltigung, aber vor allem – und das macht Édouard Louis so grandios – handelt es vom Umgang Dritter mit dem Gehörten. Er beschreibt, inwieweit die so persönliche Geschichte entfremdet und durch Interpretationen anderer fragmentiert wird. 

Dass auch furchtbare Geschichten manchmal einen schönen Aspekt haben, den man als Individuum trotz Verletzung beschützen möchte, webt Louis ganz nebenbei in die vielschichtige Erzählung seines Traumas.

Wohin wendet man sich in traumatischen Momenten? Von wem fühlt man sich verstanden, wenn die eigene Identität Ankerpunkte in der gegensätzlichen Welt hat? Sind es die neuen Freunde oder doch jene, die einen seit jeher kennenden? Ist es zu viel verlangt, ganzheitliches Verständnis einzufordern bei so einem individuellen Ereignis? Dieses Buch ist so viel mehr als das, aber der Kampf um das eigene Narrativ und das Gefühl der Unzugehörigkeit sind die beiden Aspekte, die mich während des Lebens am meisten in den Bann gezogen haben.

 

Another Knowledge is possible – edited by Boaventura de Sousa Santos

2016 studierte und lebte ich für 1,5 Jahre in London und stellte damit nicht nur meinen Lebensmittelpunkt, sondern auch meine Weltsicht auf den Kopf. Non-konsekutiv studierte ich “Postcolonial Culture und Global Policy” und bekam die postkoloniale Brille aufgesetzt, mit der wir fortan verschiedene Phänomene (Kapitalismus, Umwelt, Menschenrechte…) besprachen. “Another Knowledge is possible” hat mein Verständnis von “Wissen” zuerst dekonstruiert (read: gezeigt, inwieweit mein eigenes Verständnis von der westlichen Kultur geprägt ist, in der ich aufgewachsen bin), dann um 1000 Facetten bereichert und mir klar gemacht, dass es weltweit so viele Lösungen gibt, die nicht genutzt werden – weil sie nicht in das westliche Verständnissystem von “Wissen” passen. “Social justice is impossible without epistemological justice”, denn Macht hängt auch stark davon ab, was als “wahr” (read: wissenschaftlich) anerkannt wird. 

 

Antwort aus der Stille – Max Frisch

Bei manche Büchern weiß ich gar nicht, wieso sie mich so sehr begleiten. Vor gut vier Jahren sah ich “Antwort aus der Stille” als Theaterstück und blieb insbesondere an einem Dialog hängen, den der in einer Krise befindliche Protagonist mit seinem Schwarm auf einer Bergwanderung führt, weshalb ich danach das Buch verschlang. 

Mit dem Protagonisten aus Max Frisch “Antwort aus der Stille” verband mich, dass wir beide eine gewisse Unruhe in uns trugen, ob dem woher auch immer stammenden Druck, Großes bewegen zu wollen. Dieser Drang, der in seiner Konsequenz unweigerlich Unbeständigkeit und stetiges Hinterfragen mich sich zieht, steht bei mir im Widerspruch zu einem tiefen Bedürfnis nach Routine und Genügsamkeit. Ursprünglich wollte ich natürlich Passagen aus dem Dialog zitieren, bis mir klar wurde, dass diese im Zusammenhang mit der vorherigen Geschichte stehen müssen, um ihre Wirkung zu entfalten. Wer nach einem ruhigen Buch mit großer Wirkung sucht, ist hier genau richtig. 

 

Briefe an einen jungen Dichter – Rainer Maria Rilke

Just als mich ein ganzer Berg an Zweifeln ob einer Trennung und den darauf entstehenden Konsequenzen zu erdrücken drohte, las ich eine Passage von Rilke und empfand nichts als Erleichterung. Mir wurde schier ein ganzer Koloss von der Brust genommen. Ich komme immer wieder zu ihr zurück, sie ziert in regelmäßigen Abständen den Hintergrund meines Telefons, würde ich mir jemals Wörter tättowieren lassen, wären es ohne Frage diese, direkt auf die Netzhaut: Sie sind so jung, so vor allem Anfang, und ich möchte Sie, so gut ich es kann, bitten, lieber Herr, Geduld zu haben gegen alles Ungelöste in Ihrem Herzen und zu versuchen, die Fragen selbst lieb zu haben wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind. Forschen Sie jetzt nicht nach den Antworten, die Ihnen nicht gegeben werden können, weil Sie sie nicht leben könnten. Und es handelt sich darum, alles zu leben. Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein.”

Ciao vermeintlicher Kontroll-Drang immer wissen zu müssen, was als nächstes passiert. Gerade aus dem Unsicherheitsvakuum zwischendrin, in dem Erwartungen passé sind, sind bisher ein paar wunderschöne Momente erwachsen. Danke Rilke, für immer und ewig. 

 

The 5 Year Diary

Vor mehr als zwei Jahren schenkte mir eine meiner besten Freundinnen in einer turbulenten Zeit ein 5 Jahres Tagebuch. Für ein Jahr hielt ich allabendlich in Stichpunkten fest, was passierte, wie es mir ging, was ich dachte. Im zweiten Jahr riss meine Disziplin ein wenig ab, auch, weil ich an manchen Tagen nicht daran erinnern werden wollte, wie ich mich ein Jahr zuvor gefühlt hatte. Seit ein paar Monaten trage ich aber nach und komme wieder rein und bin fasziniert, wie sich meine Gedanken verändert haben und wie sehr mich ein paar abgehackte Worte in eine ehemalige Gefühlswelt, Stimmung, Lebensrealität katapultieren können. Unweigerlich merke ich in der Rückschau, wie viel Entwicklung es gab – und das ist sehr beruhigend. 

 

Londoners – Craig Taylor

An sich wollte ich Harry Potter als eines der Bücher aufführen, die mein Leben verändert haben, denn ohne Zweifel trifft das für kein anderes Buch in dieser Reihe in der Art zu. Mit elf bekundete ich eigenständig Interesse an einem Schulwechsel nach Großbritannien – ohne das Mitwissen meiner Eltern. Ein paar Wochen später standen diese dann verdutzt am Telefonhörer als ein Internatsmitarbeiter meine Eltern über meine Anfrage informierte. Jahre später bekam ich doch noch die Möglichkeit, einen Teil meiner Schulzeit in der Nähe von Manchester zu verbringen und bin seither nicht mehr davon losgekommen. Vor drei Jahren zog ich für meinen Master nach London und las “Londoners”. 80 Geschichten von Menschen, die in London wohnen, es lieben, hassen, gestalten, verändern oder einfach nur ihr Leben leben.

Das Charmante: hier werden keine bekannten Londoner interviewt, sondern solche, die alltäglich daran mitwirken, London am Laufen zu halten oder die durch ihren Job einen bestimmten Aspekt  der Stadt prägen. Die Stimme der Ansagen in der Tube, ein Landschaftsgärtner, eine Standesbeamtin, aber auch eine selbsternannte Hexe, die wöchentliche ihre verbrannten Gaben über die Brüstung der Westminster Bridge in die Themse streut. Ein Mosaik, das zeigt, wie unfassbar vielschichtig diese Stadt ist und auch wie viele Alltagsheld*innen es dort gibt. 

2 Bücher für die Zeit nach “Normal People”

Letzten Sommer las ich wie zig andere innerhalb von 48 Stunden “Normal People” von Sally Rooney und hatte dann das Glück, gleich zwei weitere Bücher zu finden, die ich ähnlich gut fand, weshalb ich sie hier empfehlen möchte. What Red was von Rosie Price und This is Yesterday von Rose Ruane (letzteres bekommt von mir zudem auch den Preis für den schönsten Einband). Beide erzählen von Irrungen, Wirrungen und dem Umgang mit traumatischen Erlebnissen in die Zeit zwischen Jugend und 30ern und darüber, wie diese Erlebnisse noch weit in das Erwachsenenleben hinein reichen.

Lieben Dank an die Buchhandlung Uslar & Rai, die mich geduldig hat in meinen Lieblingsbüchern nachblättern lassen (als das noch möglich war), da die eigenen Exemplare teilweise in meiner Heimatstadt am Niederrhein verweilen. Wer im Prenzlauer Berg wohnt und eine vollumfängliche Buchberatung oder -empfehlung erhalten möchten, ist hier genau richtig! Außerdem liefern sie gerade an alle Berliner:innen per Fahrradkurrier #supportyourlocalhero

 

 
 
 
 
 
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Ein Beitrag geteilt von Buchhandlung Uslar & Rai (@uslarundrai) am

Danke, Anna!

3 Kommentare

  1. Fine

    Yeah, ich liebe diese Kategorie!
    …werde dann wohl Dienstag mal wieder in der Buchhandlung anrufen!
    Was mich noch interessieren würde: welcher Master war das denn in London? Das klingt super interessant.

    Antworten

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