Heroine of the day // Jameela Jamils ‘I Weigh’ Instagram Kampagne

20.06.2018 Menschen, Feminismus

Anfang dieses Jahres reichte es Jameela Jamil. Endgültig. Seit Jahren hatte sie mitbekommen, wie Menschen ihren Körper bewerteten, kritisierten, diskutierten. Als Jamil 2013 als erste Frau überhaupt die beliebte britische Radiosendung Radio 1 Chart Show moderierte, interessierten viele Medien sich nicht für die außergewöhnlich guten Quoten, sondern vor allem dafür, dass Jamil ordentlich an Gewicht zugelegt hatte. Jamil konnte es nicht fassen: „Ich bin Radiomoderatorin – mein Aussehen sollte komplett irrelevant sein.“ Später, als sie verschiedene Auszeichnungen für ihre Show gewann, fanden sich keine Designer*innen, die Jamil, die damals Größe 40 trug, für Galas und Preisverleihungen einkleiden wollten. Also kaufte Jamil sich eben selbst ein Kleid und schritt darin hocherhobenen Hauptes über den roten Teppich.

„Ich wiege liebevolle Beziehungen“

Ja, Jameela Jamil weiß, wie es ist, wenn der eigene Körper im Zentrum öffentlichen Interesses steht. Im Februar hatte sie dann ein für allemal genug. Schluss. Aus. Der Grund: Jamil sah auf Instagram ein Foto der Kardashians, auf dem neben jedem Familienmitglied stand, wie viel dieses wiegt. Auf ihrem eigenen Account erwähnte Jamil das Foto und teilte ihre eigene Version davon, was sie „wiegt“:

Die Resonanz war enorm: Innerhalb kürzester Zeit erhielt Jamil hunderte begeisterte Nachrichten von Frauen, die ihrem Beispiel folgten und ihren eigenen „I weigh“-Post machen wollten. Also richtete Jamil einen neuen Account ein, der mittlerweile über 46.000 Follower hat, und auf dem sie die Einsendungen teilt. Dem britischen Independent sagte Jamil: „Ich wollte ein Mini-Online-Museum von Frauen, die sich selbst richtig wertschätzen.“ Es gehe darum, sich gegenseitig anzufeuern und zu inspirieren, statt sich immer nur zu kritisieren. Jede Minute, so sieht es Jamil, die man damit verbringt, über sein Gewicht und sein Aussehen nachzudenken, ist eine Minute, die man nicht darauf verwendet, über seinen Job, seine Bildung, seine Familie oder Spaß im Leben nachzudenken.

 

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Bis zur Unkenntlichkeit bearbeitet

Nun könnte man sagen: Jemand wie Jameela Jamil hat ja leicht reden. Die 32-Jährige trägt längst keine Größe 40 mehr (die trug sie damals, weil Asthma-Medikamente die Gewichtszunahme verursacht hatten), sie ist schlank, schön und erfolgreich. Jamil selbst wäre die Erste, die das zugibt. Aber sie weiß eben trotzdem genau wie es ist, einen Körper zu haben, der nicht dem westlichen Ideal und Standard entspricht. Als Jamil mit Ende 20 beschloss, aus ihrer Heimat England nach Los Angeles zu ziehen, um dort ihr Glück zu versuchen, wurde ihr von vielen Seiten gesagt, sie sei zu alt, zu „ethnisch“, zu dick. Tatsächlich hat Jamil einen indischen Vater und eine pakistanische Mutter und wurde auf der Mädchenschule, die sie dank eines Stipendiums besuchte, deswegen gehänselt. Mittlerweile spielt Jamil in der hochgelobten amerikanischen Serie The Good Place (u.a. mit Kristen Bell und Ted Danson) Tahani al-Jamil, eine reiche, narzisstische und von sich selbst besessene britische Philantrophin, die gerne Name-dropping betreibt („Ich bin eine Expertin in Sachen Mediation. Zum Beispiel, als meine Freundinnen Scary, Sporty, Posh und Baby ein Problem mit meinem anderen Freund, Erzbischof Desmond Tutu, hatten.“).

Doch mit dem Ruhm kommen neue Problem: In der TV- und Filmlandschaft mag langsam angekommen sein, dass das Publikum Menschen sehen will, mit denen es sich identifizieren kann – und nicht nur die immer gleichen, weißen Charaktere. Diversity, Vielfalt, lautet das Stichwort. Woanders dauert es ein bisschen länger: Regelmäßig wurden bei Fotoshootings entstandene Bilder von Jameela Jamil im Nachhinein mit Photoshop bearbeitet, damit Jamils Nase weniger „ethnisch“ aussah. „Ich fühle mich nicht geschmeichelt, wenn ein Magazin diese ‚makellose‘ Version von mir erschafft“, sagt Jamil, „ich fühle mich wirklich gekränkt, denn das ist nicht mehr mein Gesicht.“ Also bat Jamil das Magazin Vera kurzerhand, ihre Fotos – die auf dem Titel erscheinen würden – nicht nachträglich mit Photoshop zu bearbeiten. Vera war einverstanden, Jamil begeistert.

Große Macht, große Verantwortung

Ihr Instagram-Account und ihr klares „Nein“ zu Photoshop sind nur der Anfang. Jameela Jamil hat wirklich und endgültig keine Lust mehr, über Aussehen und Körper zu sprechen. In einem Gastbeitrag für die Glamour schreibt sie:

Probleme, sich mit anderen anzulegen, hat Jameela Jamil nicht. Vor kurzem kritisierte sie öffentlich Kim Kardashian West, weil diese in den sozialen Medien einen Dauerlutscher beworben hatte, der angeblich das Hungergefühl unterdrückt. Der BBC sagte Jamil: „Kim Kardashian West mag nicht darum gebeten haben, ein Vorbild zu sein, aber sobald du Geld dafür entgegennimmst, dass du in einer öffentlichen Position bist, bist du ein Vorbild. Ich denke nicht, dass sie [Kardashian West, Anm.] ein schlechter Mensch ist. Ich denke, niemand von ihnen ist ein schlechter Mensch – sie sind wahrscheinlich sehr viel mehr Opfer dieses gesellschaftlichen Problems, als alle realisieren.“

Für Jamil ist ganz klar, dass man seinen Einfluss, seine Position und Plattform nutzen muss, um etwas Gutes zu tun. Gerade, wenn man erfolgreich und privilegiert ist. Mit großer Macht, das weiß man seit Spiderman, kommt eben auch große Verantwortung. Oder, um es in Jameela Jamils Worten zu sagen: „Du kriegst nicht einfach das ganze Geld und den netten Scheiß und den 48-Dollar-Tee, ohne Verantwortung zu haben.“ Wenn es Jameela Jamil reicht, dann auch richtig.

4 Kommentare

  1. Suzie

    Nun ja – da sie schön ist, ist es natürlich einfacher, dass alles als „bullshit“ & ist doch egal, wie wir aussehen, abzutun. Wie jemand der reich ist & meint, es kommt doch im Leben nicht nur auf Geld an. Alles richtige Aussagen – aber wer hässlich ist (und machen wir uns nichts vor, das liegt nicht immer im Auge des Betrachters), sieht das Ganze vielleicht anders. Oder jemand, der dünn ist & allen anderen erklärt, man soll doch einfach seinen Körper lieben, wie er ist…

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  2. frau.martha

    großartige aktion, tolle frau! aber etwas befremdlich, dass eine größe 40 mit „zu dick“ gleichgesetzt wird (nicht nur von der öffentlichkeit, sondern auch hier im artikel nicht eingeordnet) und zum schluss auch noch entschuldigt: sie konnte ja nichts dafür, es waren die medikamente. hinterlässt einen unschönen nachgeschmack zu einer so schönen story.

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  3. Wiebke

    Dass man nicht mehr drüber sprechen muss und nur die inneren Werte zählen, davon sind wir noch weit entfernt und das zeigen Artikel wie dieser, da wird Body Positivity völlig falsch verstanden.. Nachwievor kommen kaum Menschen zu Wort, die wirklich aufgrund ihres Körpers diskriminiert werden, die beim Arzt nicht gründlich untersucht werden, weil alle Symptome aufs Gewicht geschoben werden. Leute, die nicht einfach in ein Geschäft gehen können, um sich Klamotten zu kaufen. Menschen, denen ein Bein fehlt und deswegen von anderen gefragt werden, ob sie „so“ überhaupt Sex haben können. Es geht um die Abwesenheit von Menschen mit Behinderungen in sämtlichen Medien (außer für Spenden vielleicht). Body Positivity ist eine politische Bewegung kein Selflovehashtag. Wenn dann Frauen daherkommen, die mal zwei Monate Kleidergröße 40 hatten und es als unnötig abtun, ist keinem geholfen. Sie sollte ihre Erfahrungen, ihre Verantwortung und Reichweite eher dazu nutzen, um Leuten eine Stimme zu geben, die schon ihr Leben lang stigmatisiert werden.

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    1. Wiebke

      Ich möchte ihr die negativen Erfahrungen nicht absprechen, aber 40 ist halt nicht dick und geht bei Body Positivity auch nicht immer nur ums Gewicht. Und natürlich haben auch dünne Frauen Komplexe und sind Opfer der Medien, aber es geht eben auch darüber hinaus. Eine dünne Person wird bei der Geburt ihres Kindes nicht gefragt, ob sie ganz ganz sicher keine Schwangerschaftsdiabetis hatte, wenn Ihre Blutwerte top sind. Eine dicke Person unter Umständen schon. Ist ein bisschen so, wie wenn Leute „Humanismus statt Feminismus“ brüllen.

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