Ein Gespräch mit Paulina Czienskowski über ihr „Manifest gegen die Emotionale Verkümmerung“

29.06.2018 Buch, Leben, box1

Gestern saß ich auf einer Bank irgendwo in Berlin und weil ich schon den ganzen Tag so etwas wie eine wilde Mischung aus Liebe und Wut und tausend Fragen mit mir herum trug, musste ich wieder an Paulina Czienskowski denken, über deren neues Buch ich schon vor ein paar Tagen schrieb, ohne es zuvor gelesen zu haben. Das „Manifest gegen die Emotionale Verkümmerung“ kam mir plötzlich wie ein potenzieller Schlüssel zum Wiederaufstehen vor, weshalb ich rasch nach meiner Tasche griff und schließlich ganz selig wurde, denn da war es ja, das verspiegelte Bollwerk meiner Hoffnung. „Bitte enttäusch mich nicht, denn ich brauch dich jetzt echt, Paulina“, dachte ich noch vor dem Auffschlagen. Nach einer Stunde war ich durch ohne aufzusehen. Und plötzlich guter Dinge, obwohl ich 60 Minuten lang jede einzelne Emotion gespürt habe, zu der ein Mensch überhaupt fähig ist. Es stimmt ja. Immer wieder machen wir uns abhängig von Menschen, die am Ende ja mit großer Wahrscheinlichkeit nicht ewig bleiben werden. Vielleicht ist es also wirklich vor allem der Wahnsinn, nach dem wir so schrecklich süchtig sind. Um das herauszufinden habe ich Paulina einfach selbst gefragt. Heute Morgen. Und das ist dabei heraus gekommen:

 

Paulina, guten Morgen! Sag, trägst du heute mehr Liebe oder Schmerz in dir? Oder beides?

Guten Morgen! Ich war gestern Abend etwas traurig, wieso, das weiß ich nicht. Heute morgen ist das wieder anders. Also: mehr Liebe!

In deinem Manifest gegen die Emotionale Verkümmerung wird ja ohnehin sehr deutlich, dass wir nach beidem süchtig sind. Nach diesem Fatalismus. Liebe oder Schmerz – in einer der beiden Emotionen steckten wir ja immer knietief drin. Wie kommt das?

Ich glaube, weil wir uns alle immerzu irgendwie spüren wollen, um eine Form der Daseinsberechtigung für uns in der Welt zu sehen. Unsere Existenz in dieser mal schönen, mal schlimmen Welt will doch immer gerechtfertigt werden. Vielleicht auch, weil es sonst zu ernüchternd wäre, wenn wir unsere Geschichte bloß als Monotonie, als langweiligen Durchschnitt beschreiben könnten.

 

Das klingt sehr hoffnungsvoll. Wenn nach der Liebe der Schmerz kommt, denke ich immer: Hauptsache lebendig. Und trotzdem bleibt die Frage: Warum tun wir uns das immer wieder an? Woher nehmen wir immer wieder diese unbändige Hoffnung, dass es diesmal für immer sein könnte?

Ja! Lebendigkeit! Darum geht es. Und zur unkaputtbaren Hoffnung in uns: weil es der größte Wunsch ist, lieben zu können und geliebt zu werden. Und weil da so etwas wie der Stoff THC in unseren Körpern schwelt, der uns vergessen lässt, wie schlimm es doch erst beim letzten Mal gewesen ist. Als wir mal wieder dachten, dieses eine Aus (welches auch immer) nicht überleben zu können.

Es ist ganz wichtig zu wissen, dass dein Buch keinesfalls ein autobiographisches ist. Und dennoch: Hattest du schon einmal Angst davor, eine Trennung niemals mehr überwinden zu können?

Gut, dass du das erwähnst. Ich habe jetzt nämlich schon öfter gehört, dass man sich Sorgen um mich macht. Ha ha. Muss man nicht, auch wenn im Manifest natürlich der eine oder andere Moment aus meinem Innersten steckt. Deshalb auch die Antwort auf deine Frage: Ja, ich hatte schon Angst, vor allem dann, wenn nicht ich der Part war, der gegangen ist. Ich denke aber ganz grundsätzlich, dass all unsere Liebeserfahrungen für immer in uns bleiben werden – irgendwo in einer versteckten Windung unseres Gemüts. Und vielleicht ist das auch völlig okay so.

Durch Beziehungen, ob sie nun gesund oder ungesund sind, ob sie Glücke oder Enttäuschung bringen, vorbei gehen oder halten, lernen wir uns selbst ja jedes Mal ein bisschen besser kennen, finde ich. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass ich nach jeder Trennung wieder ein bisschen näher an mich selbst heran gerückt bin, mehr ich war. Ich muss da etwa an deine Protagonistin denken, die von ihrem Freund dazu angehalten wurde, niemals vor ihm zu kommen, beim Sex. Sie hat es über sich ergehen und alle Emanzipation links liegen lassen. Solche Dinge tut man ja auch für andere. Man schlüpft in Rollen. Eine Trennung kann also auch eine sehr befreiende Erfahrung sein.

Man wird in Beziehungen nicht selten zu jemandem, der man nie sein wollte. Deshalb kann Liebe ja auch so toxisch sein. Es ist unglaublich schwer, immer bei sich zu bleiben mit jemandem an seiner Seite und gleichzeitig die Dynamik im Team nicht ständig zu stören. Aber es funktioniert ja, wie man im Bestfall selbst schon erleben durfte. Ich bin noch nicht ganz dahinter gekommen, aber ich frage mich, ob man mit manchen zusammenpasst und mit anderen einfach nicht.

Du schreibst ja auch selbst: „Manchmal reicht Liebe nicht aus“.

Das ist das aller aller Traurigste!

Ja. Trotzdem ist genau das eine sehr erwachsene Erkenntnis für mich gewesen, von der ich zuvor nie angenommen hätte, sie jemals für voll nehmen zu können. Eine traurige auch. Und wichtige! Schon wieder so ein Gefühlscocktail also. Manchmal frage ich mich, was Liebe überhaupt bedeutet – Ist es Zufall, dass wir Menschen manchmal noch mehr lieben, wenn wir sie nicht haben oder halten oder glücklich machen können? Vielleicht ertragen wir das Scheitern viel weniger als dass wir süchtig nach echter Liebe sind?

 

Mir fällt da noch ein sehr passendes Zitat aus deinem Manifest ein:

Das kann ich mir auch vorstellen oder um bei mir zu bleiben: ich kenne das nur zu gut. Beim Scheitern spielt natürlich auch noch das elendige Ego mit hinein, ein widerlich verzerrender Protagonist in dem Spiel oder eher der Antagonist. Ich denke aber auch hier wieder an die Existenzberechtigung: Wenn wir probieren, etwas, das eigentlich viel zu kompliziert ist, aufrecht zu erhalten, spüren wir uns eben wieder sehr stark. Wer für eine Utopie kämpft, fühlt sich stark, auch wenn es immer wieder Rückschläge gibt.

Im ersten Moment klingt dein Buch ein wenig nach Dystopie. Ich dachte während der ersten Seiten: Wieso soll ich mich nach alldem überhaupt noch gegen die Verkümmerung wehren? Faszinierend ist, dass es in deinem Buch aber um viel mehr geht als um das, was dort geschrieben steht. Während des Lesens ist man nämlich permanent eingehüllt in einen Nebel aus eigenen Gefühlen und Gedanken. Deine Zeilen treten eine Gedankendauerwurst los, die zur Selbstreflexion aufrufen. Und dann irgendwann kommt der Moment, in dem man denkt: Nicht aufgeben, weitermachen. Selbst wenn da ein Berg Scheiße vor dir liegt, wird irgendwann jemand kommen und ihn wegräumen. Oder du schaffst ihn eben selbst weg. War das alles so gemeint, bzw. geplant?

 

Und was denkst du heute? Was sagst du zu dir selbst, um nicht zu verkümmern und weiter an die Liebe zu glauben?

Nicht so viel grübeln. Und weitermachen! Was allerdings meist ganz automatisch passiert, wenn man offen durch die Welt spaziert. Oder vielleicht auch gerade dann, wenn man am wenigsten damit gerechnet hätte. Das ist dann besonders ermutigend. Was ich nun verstärkt versuche, mir immer wieder bewusst zu machen, ohne pessimistisch klingen zu wollen: Nichts ist für immer und wenn doch, dann um so besser. Und: vertrauen! Was kommt, wird kommen, was nicht, das braucht man nicht.

Ich zitiere dich nochmal: „Dinge ändern sich mit den Menschen, die man trifft.“ Schon wieder so ein Satz, in dem eigentlich hundert stecken. Und vor allem: Diese Hoffnung. Die vielleicht immer wieder stirbt – es aber immer auch so sehr wert ist.

Unbedingt!

Danke, liebe Paulina.

Paulinas „Manifest gegen die Emotionale Verkümmerung“ ist erschienen im Korbinian Verlag.

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