Wir haben mit 5 Frauen über ihr soziales Engagement gesprochen

10.07.2018 Leben, Gesellschaft

Nicht nur ein Mal habe ich in meinem Leben schon die Hände über den Kopf geschlagen und mich gefragt, was ich hier eigentlich mache, ob es da einen höheren Sinn gibt für den Job, den ich gerade ausübe und dass ich statt des nächsten Serienmarathons doch meine Zeit weitaus sinnvoller investieren könnte. Ja ich weiß, jede*r trägt einen Teil zum großen Ganzen bei und zum Glück habe ich sogar einen Job, in dem ich immer wieder die unheimlich beeindruckenden Geschichten von anderen Frauen bewundern und beklatschen darf. Gemerkt habe ich vor allem: Das Herz dahinter ist das, was letztendlich zählt, ob du nun in deinem Kiez mit anpackst oder am anderen Ende der Welt. Denn hinsetzen und Däumchen drehen kann letztendlich jeder. Ich wollte es genauer wissen und vielleicht ein bisschen Inspiration von ebenjenen abgreifen, für die das Däumchendrehen eben nur eine kleine Verschnaufpause, aber keinesfalls Dauerzeitvertreib ist.  Aber lest selbst – ich habe nämlich fünf wunderbare Frauen zu ihrem sozialen Engagement befragt.

Anna aus Berlin für Kotti Paten e.V.

„Ela ist neun und von Geburt an schwerhörig, trägt nur widerwillig ihr Hörgerät und geht ein Mal in der Woche zur Logopädin. Außerdem macht sie Karate und tanzt Ballett. Sie lebt zusammen mit ihren Eltern, ihrer Tante, ihrer Oma und ihren drei jüngeren Geschwistern am Moritzplatz. Letztes Jahr zu Weihnachten hat Ela mir eine „Best Friends“-Kette geschenkt. Seitdem trage ich sie jedes Mal, wenn wir uns sehen, meinen „Best Frie“-Teil und wir halten zu Beginn für einen kurzen Moment beseelt unsere zwei Herzhälften aneinander. Obwohl wir nur einen Katzensprung voneinander entfernt wohnen, wären wir uns vermutlich ohne „Kotti Paten“ nie begegnet. Das gemeinnützige Projekt hat es sich zur Aufgabe gemacht, Ehrenamtliche jeden Alters und Kinder rund um den Kotti im Rahmen von 1:1 Patenschaften zusammenzuführen. Bei den wöchentlichen Treffen geht es weniger um Hausaufgabenbetreuung oder Lernunterstützung als um die ungeteilte Aufmerksamkeit und den Zugewinn einer Vertrauensperson. Das funktioniert durch das sorgfältige und liebevolle Matching der Patenschaften in der Regel auch erstaunlich gut.

Anna ist Psychologin und angehende Psychotherapeutin und unterstützt sowohl als Patin als auch als Vereinsmitglied den Kotti Paten e.V. in Berlin-Kreuzberg

 

 

Die Liste der gemeinsamen Aktivitäten gibt nach 1,5 Jahren schon Einiges her: vom Fernsehturm aus Berlin von oben betrachten, „Wilde Maus“ auf dem Rummel fahren, nach Ringen tauchen im Prinzenbad, grillen wie die Profis auf dem Tempelhofer Feld mit Elas wunderbaren Familie, Müll sammeln am Kotti und heruntergekommene Fahrgeschäfte im Speepark bestaunen. Wenn es nach Ela gehen würde, würden wir aktuell jede Woche das gleiche machen: Schleim, ein klassisches Internet DIY. Mein persönliches Highlight geht dann doch in eine andere Richtung: Die Einladung zu einer mehrtägigen türkischen Hochzeit von Freunden der Familie und stundenlanges ekstatisches Halay tanzen. Was ich durch die Patenschaft gelernt habe? Soziales Engagement bedeutet nicht nur Geben. In erster Linie habe ich durch die Patenschaft dazugewonnen, viele inspirierende Leute getroffen und Einiges gelernt. Wie man Halay tanzt eben. Oder wie sich ein kleiner Mensch in nur 1,5 Jahren entwickeln kann. Oder dass man sich auch im stressigsten Alltag zwei Stunden in der Woche freischaufeln kann, um Schleim aus Rasierschaum und Kontaktlinsenflüssigkeit zu produzieren.“

Übrigens: Der Kotti Paten e.V. ist dringend auf der Suche nach neuen Räumlichkeiten in Kreuzberg für die Arbeit hinter den Kulissen und als Begegnungsstätte für die Tandems, da der aktuelle Mietvertrag nicht verlängert wird. Über Hinweise jeglicher Art würden wir uns unglaublich freuen – dafür bitte hier klicken.

Ronya Ottmann aus Leipzig

„Als ich nach Leipzig kam, um zu studieren, begegnete ich zum ersten Mal anderen Studierenden, die von ihrem politischen oder sozialen Engagement erzählt haben. Das waren oft weiße Kinder aus Akademikerfamilien um ganz ehrlich zu sein. Seit ich mich erinnern kann, gehen meine Eltern mit Verwandten oder Bekannten auf Behörden, übersetzen, helfen dabei Papiere auszufüllen, versuchen unsere Verwandte aus Syrien nach Deutschland zu bringen, was oft mit großem bürokratischen Aufwand verbunden ist. Auch Freund*innen und deren Eltern, die nicht in Deutschland geboren sind, tun das; sie übersetzen aus dem Albanischen, Kurdischen, Arabischen, Dari, Farsi etc. Ich kenne niemanden, zumindest nicht aus meiner Familie, der das als politisches oder soziales Engagement bezeichnen würde. Eher als etwas, das halt notwendig ist und deswegen selbstverständlich. In meiner Studienzeit in Leipzig organisierte ich kurdische Filmtage, nahm regelmäßig an einer Solidaritätslesung für einen inhaftierten Blogger teil, meldete eine Kundgebung an und vieles mehr. Politisches und Soziales Engagement nannte ich das zum ersten Mal, als ich mich für ein Studienstipendium bewerben wollte. Ich schreibe Gedichte, Erzählungen, Essays, in denen oft politische Themen vorkommen. Aber als engagierte Literatur bezeichnen würde ich es nicht. Die Texte sind für mich in erster Linie literarisch. Es geht mir auch um Ästhetik und um Sprache.

Das Bild wurde aufgenommen bei Newroz, dem kurdischen Neujahr, ein Sal û Sapik, wie es mein Großvater getragen hat. Diese Kleidung zu tragen war sehr besonders für mich, weil sie auch eine politische Dimension hat. Sal û Sapik war lange in der Türkei verboten.

 

Ronya Ottmann lebt in Leipzig und ist Schriftstellerin. Sie Setzt sich in ihren Texten mit politischen Themen auseinander und organisiert in ihrer Heimatstadt kurdische Filmtage, Solidaitätslesungen für politisch benachteiligte und politische Kundgebungen.

 

 

 

Das Leben in meiner Familie ist stark geprägt von politischen Umständen. Mein Vater war als Kurde und Ezîde in Syrien Mensch zweiter Klasse, durfte dort nicht studieren und arbeiten und kam als politischer Flüchtling nach Deutschland. Hier lebte er zehn Jahre ohne gesicherten Aufenthaltstitel und durfte weder studieren noch arbeiten. Meine Brüder werden ständig in der S-Bahn nach München von der Polizei kontrolliert, racial profiling, nennt man das. Gegen Rassismus zu stehen, gegen Diskriminierung, ist für mich keine Frage des Engagements, sondern schlichtweg notwendig. Dasselbe gilt für mich als Frau für Sexismus, als Lesbe für Homophobie und auch andere Diskriminierungsformen, von denen ich nicht betroffen bin. Es gibt ein Zitat von Audre Lorde, das mir sehr gefällt: „I am not free while any women is unfree, even when her shakles are very different from my own.““

Alina hat den Verein Mukta Nepal e.V. aus ihrem studentischen Engagement heraus gegründet. Er setzt sich in erster Linie dafür ein, dass die Kinder aus  Kharipati/Subidanagar (ein Dorf zwischen Bhaktapur und Nargarkot), die Möglichkeit bekommen, die Schule zu besuchen.

 

Alina, Gründerin von Mukta Nepal e.V.

„Jede*r sollte sich engagieren. Egal in welchem Bereich. Mir ist schnell klar geworden, dass auch mit wenig Geld, aber großer Willenskraft so viel möglich ist. Mein Engagement macht Spaß, bringt neue Herausforderungen mit sich und macht mich selbst und andere Menschen glücklich. Es ist toll zu sehen, was wir als Verein schon alles umsetzen konnten und was man auch mit kleinen Beträgen in armen Ländern, wie Nepal alles bewirken kann. Im Jahr 2009 flog ich das erste Mal nach Nepal, habe dort eine mittellose Mutter mit ihren Kindern kennengelernt, die mir sofort ans Herz gewachsen sind. Ich entschloss mich dazu, den Kindern den Schulbesuch zu bezahlen. Seitdem können sie zur Schule gehen und lesen, schreiben und rechnen lernen und das Beste: ich kann mich, seitdem sie zur Schule gehen auf Englisch mit ihnen unterhalten! Mit dieser Familie fing alles an und ich fliege seitdem jedes Jahr nach Nepal. Im Jahr 2014 entschloss ich mich mithilfe von meinen Freunden und meiner Familie den Verein Mukta Nepal zu gründen. Wir haben bis heute eine Schule, die durch das schlimme Erdbeben im April 2015 komplett zerstört wurde, wiederaufbauen können, Familien, die durch das Erdbeben alles verloren haben, neue Häuser bauen können, Soforthilfe nach dem Erdbeben geleistet und wir können bis heute 37 Kindern den Schulbesuch zahlen.

Natürlich ist man als Verein immer auf Spendengelder angewiesen und befasst sich mit neuen Aufgaben, die die Vereinsarbeit betreffen. Neben dem „normalen“ Berufsleben ist das sehr viel Aufwand, aber es macht Spaß sich damit zu beschäftigen und auseinander zu setzen. Mir war es schon immer wichtig nachhaltig und langfristig zu spenden. Die Kinder, die wir unterstützen sollen die Möglichkeit bekommen bis zur 12 Klasse die Schule zu besuchen. Dafür sammeln wir Spenden und machen auf uns aufmerksam. Im April und Mai 2015 stand Nepal im medialen Fokus und viele Menschen haben gespendet. Die Spendenbereitschaft hat natürlich wieder abgenommen und wir müssen selbst sehr aktiv werden, um Gelder zu generieren. Zurzeit planen wir eine Schule, die in einer sehr armen Bergregion liegt und 2015 komplett zerstört wurde, immer noch einsturzgefährdet ist und keinerlei staatliche Hilfen bekommt. Die Schule besuchen über 600 Kinder und es wäre toll, wenn wir es schaffen, ihnen wieder einen sicheren Raum zum Lernen bieten zu können. Dafür sammeln wir gerade fleißig Spenden und drehen die Werbetrommel.“

Sookee, Rapperin aus Berlin

*** Sookee ist mit der deutshen Orthographie als restriktives Regelwerk ein bisschen auf dem Kriegsfuß und nutzt die englishe Shreibung „sh“ statt „sch“, um mit der Vershriftlichung von Lautsprache zu experimentieren und im Kleinen zu kreativen Umgängen mit Sprache aufzurufen! ***

„Ich bin 34 Jahre und ein kindlicher Mensch. Ich albere gerne rum, tobe, mache Quatsh. Aber eines ist mir bei allen Flausen klar: Das Leben ist entsetzlich kurz. Das gibt meinem ganzen Dasein einen ernsthaften Boden, einen Grund, diese knappen Jahrzehnte überlegt zu nutzen. Wie jedes Kind bin ich darauf angewiesen umsorgt zu werden. Als Erwachsene zwar nicht mehr auf die eigenen Eltern, aber auf eine Gemeinshaft, eine Gesellshaft. Der Neoliberalismus tut, als wären wir alle kleine Superheld*innen, die alles shaffen können, wenn wir uns nur genügend anstrengen. Aber ich glaube daran, dass Wechselseitigkeit, Freiwilligkeit, Solidarität die größere Superkraft ist. Leben muss – wenn wir Sinnfragen stellen –  mehr sein als Überleben. Diese Überzeugung ist der Motor für mein politishes Denken und Handeln. Von der WG bis in die globale Gesellshaft: Alle Menshen sind sozioemotional bedürftig, alle sehnen sich nach dem shönen Leben. Alle bringen andere an Erfahrungen gebundene Themen ein. Die meisten dieser Themen sind miteinander verknüpft. So geht für mich etwa Psychiatriekritik nicht ohne Kapitalismuskritik. Weg von der Arbeitsfähigkeit, hin zu Heilung. Weg von der Pathologisierung hin zur Spezifik. Oder die Auseinandersetzung mit Geshlecht ist für mich eng an Körperbilder und Shönheitsnormen gebunden.

Neue alte Frisu. #freesoo

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Soekee ist eine deutsche Rapperin. Sie engagiert sich gegen Homophobie und Sexismus im deutschen Hip-Hop, sowie gegen Rassismus und Antisemitismus in Deutschland.

 

 

Erfolg macht sexy auf der männlichen Seite, das shöne Geshlecht auf der weiblichen. Weiblichkeit braucht keine Kompetenz um Verführung zu atmen, Weiblichkeit braucht sich nicht das hübshe Köpfchen zu zerbrechen. Wenn wir über Nationalismus sprechen, können wir von Rassismus nicht shweigen. Nicht ohne Grund, plakatierte die AfD zur Bundestagswahl einen shwangeren, weißen Bauch untershrieben mit „Wir machen unsere Deutshen noch selber.“ Mir stehen glücklicherweise gute Ressourcen, Strukturen und Kanäle zur Verfügung um laut nachzudenken, mit Anderen in den Dialog zu gehen und dabei möglichst viele Menshen in diesem Ringen um Themen, Lösungen, Umsetzungen hin zu einem besseren Leben miteinzubinden. Meine Musik ist womöglich das zentrale Medium, aber jedes Podium, jedes Posting, jeder Workshop, jeder Artikel ist eine Möglichkeit Shritte zu machen. Wenn Groshen fallen, wenn ich aufatme, wenn Dinge in Bewegung geraten, wenn Hände gereicht oder auch klare Grenzen gezogen werden, wenn nicht einfach nur roh konsumiert und engstirnig gedacht wird, dann ist das meine Zeit.“ 

Ann-Kathrin von Kleiner Fünf

„Seit einigen Jahren beobachte ich sorgenvoll, wie Diskussionen in meinem erweiterten Umfeld, im Netz und in den Medien immer weiter nach rechts rücken. Bis vor Kurzem noch unvorstellbare Forderungen werden nun zur besten Sendezeit diskutiert, Gefühle scheinen wichtiger als Fakten zu sein und viele sehen die Welt nur noch in schwarz/weiß. Der Erfolg der AfD in Deutschland, der Front National in Frankreich, Donald Trump und viele weitere haben mir gezeigt, dass die Entwicklung nach rechts und der Erfolg der Rechtspopulist*innen nicht einfach eine Laune der Zeit ist, die man aussitzen kann. Im Gegenteil: Freiheit, Diversität und Gleichberechtigung müssen verteidigt werden und das ist eine aktive Aufgabe, der sich noch viel mehr Menschen widmen sollten. Aus dieser Erkenntnis heraus engagiere ich mich seit März 2018 bei Kleiner Fünf. Diese Initiative hat sich vor der Bundestagswahl gegründet, mit dem Ziel durch Kampagnen, Aktionen und Aufklärungsmaterial rechtspopulistische Parteien unter fünf Prozent zu halten, sodass sie nicht in den Bundestag einziehen.

 

 

Kleiner Fünf engagiert sich über die vorangegangene Bundestagswahl hinaus mit interaktiven Workshops für den Umgang mit Rechtspopulismus, Rechtspopulismus in sozialen Medien und der Stärkung von sozialem Engagement. Weitere Infos gibt es hier.

 

Leider hat das nicht geklappt und Menschen wie Alexander Gauland mischen nun im Bundestag als stärkste Oppositionspartei mit. Für Kleiner Fünf gibt es aber trotzdem noch, oder gerade deshalb, viel zu tun. Wir entwickeln Workshops, wie man mit rechtspopulistischen Aussagen im eigenen Umfeld umgeht, organisieren eine Kampagne zur Europawahl und zeigen aktuell auf Facebook, was es heißt „radikal höflich“ zu argumentieren. Es ist toll zu sehen, dass die Gesprächsleitfäden von Kleiner Fünf anderen helfen, Diskussionen zu führen und so rechtspopulistische Aussagen nicht einfach unkommentiert stehen gelassen werden. Die Arbeit mit vielen engagierten, ausschließlich ehrenamtlich arbeitenden und begeisterten Menschen, bereichert mich und ich habe in der kurzen Zeit schon einiges übers Thema aber auch über mich gelernt. Dass rechtspopulistische Parteien europaweit nach wie vor breiten Zuspruch erhalten, frustriert mich zwar, steigert aber auch meine Motivation, meine Energie in Aktionen gegen Hass und Hetze zu stecken und die Arbeit von Kleiner Fünf zu unterstützen. Ich würde mich freuen, wenn noch mehr Menschen Zeit, Wissen oder auch Geld in Initiativen investieren würden, die für eine offene Gesellschaft stehen. Denn wie der Name des Vereins, dem Kleiner Fünf angehört, schon sagt: Tadel Verpflichtet (e.V.)!“

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