6 Bücher im Juli – Von Sex & Macht, einer großen Liebe, Rassismus und dem unbedingten Willen wieder aufzustehen

16.07.2018 Buch

Sechs sehr besondere Bücher haben mich während der vergangenen Wochen berührt, manch eines, weil ich es fast atemlos verschlingen musste, und andere, weil sie mir so wärmstens ans Herz gelegt wurden, dass man meinen könnte, die Gespräche im Nachgang der Lektüre seien fast noch mehr wert als das eigentlich Gelesene. Und das, wo doch schon das geschriebene Wort selbst bei meinem jeweiligen Gegenüber für so Vieles sorgte. Für Einsicht zum Beispiel oder herrliche Stunden der gedankenverlorenen Ruhe, wie man sich in Zeiten der Rastlosigkeit nur sehnlichst herbei wünschen kann.

„Bonsai“ zum Beispiel ist eines dieser Werke, die man, mit etwas Zeit, durchlesen kann ohne Verschnaufpause, eines, das vielleicht sogar etwas zu schnell vorüber geht, weil wir uns irgendwann als Teil der Geschichte begreifen und nur ungern wieder aufwachen aus dieser Tagträumerei, die sich vor allem um die Liebe dreht. Wichtig und groß ist auch das Gemeinschaftswerk „Sagte Sie“ von insgesamt 17 Autorinnen, von denen nicht wenige zu meinen persönlichen Heldinnen zählen. Zwar erscheint dieser Appell an unsere Stärke, diese geballte Stimme für mehr Aufklärung und Selbstbestimmung erst Ende des Monats, ich habs aber trotzdem schon heimlich verschlungen und dabei oft geweint – vor Wut einerseits, aber auch vor Rührung. Wegen der Gewissheit, dass wir hier gerade eine große Revolution miterleben und -gestalten. Und weil in diesen 17 Geschichten auch das gesagt wird, worüber wir viel zu lange geschwiegen haben. Und dann ist da noch Deborah Levy, die mich mit ihrem aktuellen Buch „The Cost of Living“ womöglich wieder ein bisschen repariert hat:

„Life falls apart. We try to get a grip. We try to hold it together. And then we realize that we don’t want to hold it together.“

Nadja Spiegelman – Was nie geschehen ist

Nadja Spiegelman erzählt mehr als ihre eigene Geschichte. Sie zeichnet die Lebenswege dreier Frauen nach, deren Schicksale kaum enger miteinander verknüpft sein könnten. Ein eindrucksvolles Debüt über die blinden Flecken in Familien, über die Unzuverlässigkeit unserer Erinnerung und über die Kraft des Erzählens. Als Kind glaubt Nadja Spiegelman, ihre Mutter sei eine Fee. Ein besonderer Zauber umgibt Françoise Mouly, die erfolgreiche Art-Direktorin des New Yorker. Erst Jahre später, als Nadja allmählich zur Frau wird, bricht dieser Zauber. Immer häufiger trifft sie die plötzliche Wut der Mutter, ihre Zurückweisung, ihre Verschlossenheit. Nadja ahnt, dass sich in Françoises Ausbrüchen deren eigene Familiengeschichte widerspiegelt, und sie beginnt, der Vergangenheit nachzuspüren. In langen Gesprächen mit ihrer Mutter und ihrer Großmutter stößt sie auf unsagbaren Schmerz und widerstreitende Erinnerungen, aber auch auf die Möglichkeit, im Erzählen einen versöhnlichen Blick auf die Vergangenheit zu finden. Ein poetisches, zutiefst ehrliches Buch, das offenlegt, warum uns die, die wir am meisten lieben, häufig am stärksten verletzen.

Sagte sie. 17 Erzählungen über Sex und Macht

Was läuft falsch zwischen Männern und Frauen? Einige der besten Autorinnen der deutschen Gegenwartsliteratur erzählen. 

17 Geschichten von 17 Autorinnen über 17 Frauen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten – sie erzählen von der brutalen Vergewaltigung, vom ungehobelten Wunsch nach Verführung, von den Berührungen, die einen ratlos zurücklassen. Doch eins eint sie: Der unbedingte Wille zur Stärke und Selbstbestimmung. In einer Zeit, in der die Neuverhandlung des Miteinanders von Frauen und Männern stattfindet, in einem Moment der größten Unruhe und Verwirrung, ist es die Literatur, die für Aufklärung sorgt. Nirgends sonst wird unsere Realität in all ihren Facetten abgebildet, nirgends sonst darf Denken, Fühlen und Handeln gleichzeitig passieren. Und nirgends sonst darf all das erzählt werden, was sonst nicht erzählt werden würde.

Mit Beiträgen von Fatma Aydemir, Antonia Baum, Kristine Bilkau, Heike-Melba Fendel, Nora Gomringer, Annett Gröschner, Anna-Katharina Hahn, Helene Hegemann, Margarita Iov, Mercedes Lauenstein, Juliane Liebert, 

 

Anna Prizkau, Annika Reich, Anke Stelling, Margarete Stokowski, Jackie Thomae, Julia Wolf.

// Hanser-Literaturverlage

Alejandro Zambra – Bonsai

Die rasanteste Liebesgeschichte der Weltliteratur:

Julio liebt Emilia, Emilia liebt Julio, beide lieben Proust – beide haben in Wirklichkeit nicht eine Seite Proust gelesen –, ein Jahr lang sind sie während ihres Studiums liiert, dann verlässt sie ihn, und er liebt sie weiter, sie geht nach Europa, und er liebt sie weiter, die Zeit vergeht, und er liebt sie weiter, sie stirbt, und er liebt sie weiter, Jahre später erinnert er sich, und er liebt sie immer weiter.

Bonsai ist die blendend schöne Miniatur einer epischen Liebesgeschichte: ein kunstvoll geraffter Roman über die erotisierende Wirkung von Lektüren, missverstandene körperliche Zuneigung und die nicht enden wollende Sehnsucht nach dem anderen.

// Suhrkamp

Julia von Loucado – Die Hochhausspringerin 

„Ein strahlender Roman über die fürsorgliche Umzingelung, in die sich die ganze Welt verwandelt hat.“ Clemens Setz

Riva ist Hochhausspringerin – ein perfekt funktionierender Mensch mit Millionen Fans. Doch plötzlich weigert sie sich zu trainieren. Kameras sind allgegenwärtig in ihrer Welt, aber sie weiß nicht, dass sie gezielt beobachtet wird: Hitomi, eine andere junge Frau, soll Riva wieder gefügig machen. Wenn sie ihren Auftrag nicht erfüllt, droht die Ausweisung in die Peripherien, wo die Menschen im Schmutz leben, ohne Möglichkeit, der Gesellschaft zu dienen. Was macht den Menschen menschlich, wenn er perfekt funktioniert? „Die Hochhausspringerin“ führt in eine brillante neue Welt, die so plausibel ist wie bitterkalt. Julia von Lucadou erzählt von ihr mit der Meisterschaft der großen Erzählungen über unsere Zukunft.

// Hanser-Literaturverlage

Deborah Levy – The Cost Of Living

// Hamish Hamilton

„Life falls apart. We try to get a grip. We try to hold it together. And then we realize that we don’t want to hold it together.“

Crystalline, witty and audacious, The Cost of Living addresses itself to the dual experiences of writing and of womanhood, examining what is essential in each. Following the acclaimed Things I Don’t Want to Know, which reflected deeply on the nature of gender politics and a life in letters, The Cost of Livingreturns to the same subject and to the same life, to find a writer in radical flux. If a woman dismantles her life, expands it and puts it back together in a new shape, how might she describe this new composition? „Words have to open the mind. When words close the mind you can be sure that someone has been reduced to nothingness.“
In this elegiac second instalment of her „living autobiography“, Deborah Levy considers what it means to live with value and meaning and pleasure. The Cost of Living is a vital and astonishing testimony, as distinctive, wide-ranging and original as Levy’s acclaimed novels.

Jesmyn Ward – Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt

Ein großer Roman aus dem amerikanischen Süden, ein zärtliches Familienporträt in einer von Armut und Rassismus geprägten Gesellschaft.

Jojo und seine kleine Schwester Kayla leben bei ihren Großeltern Mam and Pop an der Golfküste von Mississippi. Leonie, ihre Mutter, kümmert sich kaum um sie. Sie nimmt Drogen und arbeitet in einer Bar. Wenn sie high ist, wird Leonie von Visionen ihres toten Bruders heimgesucht, die sie quälen, aber auch trösten. Mam ist unheilbar an Krebs erkrankt, und der stille und verlässliche Pop versucht, den Haushalt aufrecht zu erhalten und Jojo beizubringen, wie man erwachsen wird. Als der weiße Vater von Leonies Kindern aus dem Gefängnis entlassen wird, packt sie ihre Kinder und eine Freundin ins Auto und fährt zur »Parchman Farm«, dem staatlichen Zuchthaus, um ihn abzuholen. Eine Reise voller Gefahr und Hoffnung. 

Jesmyn Ward erzählt so berührend wie unsentimental von einer schwarzen Familie in einer von Armut und tief verwurzeltem Rassismus geprägten Gesellschaft. Was bedeuten familiäre Bindungen, wo sind ihre Grenzen? Wie bewahrt man Würde, Liebe und Achtung, wenn man sie nicht erfährt? 

Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt ist ein großer Roman, getragen von Wards so besonderer melodischer Sprache, ein zärtliches Familienporträt, eine Geschichte von Hoffnungen und Kämpfen, voller Anspielungen auf das Alte Testament und die Odyssee.

// Kunstmann Verlag

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5 Kommentare

  1. Nicky

    Beste Rubrik!
    Ich hab gerade im Griechenland Urlaub „Das Glück geht aus“ von Sonja Heiss verschlungen. 10 Kurzgeschichten die unter die Haut gehen! Auch ihr neuerer Roman RIMINI hat mich richtig gekriegt.

    Antworten

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