Asia Argento & der Mythos vom „perfekten Opfer“

Sie ist eines der prominentesten Gesichter der #MeToo-Bewegung: Asia Argento. Als eine der Ersten machte die italienische Schauspielerin und Regisseurin ihre Vorwürfe gegen Harvey Weinstein öffentlich, unermüdlich war sie für #MeToo im Einsatz, hielt eine beeindruckende Rede auf dem Filmfestival von Cannes („1997 wurde ich hier in Cannes von Harvey Weinstein vergewaltigt. Ich war 21 Jahre alt. Dieses Festival war sein Jagdrevier“). Und nun das:

Argento, das Opfer, soll selbst Täterin sein. Der Schauspieler und Musiker Jimmy Bennett wirft der 42-Jährigen vor, sie habe ihn 2013 in einem kalifornischen Hotelzimmer zum Sex genötigt. Bennett war damals 17, sexuelle Handlungen mit unter 18-Jährigen sind in Kalifornien strafbar. Argentos Vorwürfe gegen Weinstein, so Bennett, hätten ein Trauma wachgerufen.

 

 
 
 
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Der Fall ist, wie die meisten Fälle, in denen es um sexualisierte Gewalt und Nötigung geht, kompliziert: Laut New York Times hat Argento im April 2018 einen Betrag von 380.000 US-Dollar an Bennett gezahlt (ein Teil der Summe stammte von Argentos verstorbenem Ex-Partner Anthony Bourdain), um einen Prozess zu vermeiden. Im Gegenzug erhielt Argento von Bennett ein kompromittierendes Selfie, auf dem beide gemeinsam im Bett zu sehen sind. Argento weist die Vorwürfe vehement zurück, spricht von Erpressungsversuchen Bennetts. Erst behauptete sie, sie habe nie eine sexuelle Beziehung zu Bennett gehabt – mittlerweile wurden Textnachrichten der Schauspielerin öffentlich, in denen sie über das Treffen mit Bennett schreibt: „Das geile Kind sprang mich an. Ich hatte Sex mit ihm.“ Und das sind nur die groben Details. Als die Vorwürfe gegen Argento öffentlich wurden, forderte Rose McGowan, prominente #MeToo-Mitstreiterin von Argento, auf Twitter erst: „Be gentle“. Mittlerweile hat sie sich von Argento distanziert, sie fühle sich von dieser „angelogen“.

 
 
 
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Hure und Heilige

Das Opfer ist plötzlich auch eine mögliche Täterin – und mal wieder zeigt sich, wie problematisch der generelle Umgang der Gesellschaft mit sexualisierter Gewalt ist. Das liegt an gewissen Mythen, die sich hartnäckig halten. Darüber, was eine „richtige“ Vergewaltigung ist – und darüber, was einen „richtigen“ Täter und „richtiges“ Opfer ausmacht. So wird grundsätzlich davon ausgegangen, dass Täter immer männlich, Opfer immer weiblich sind. Das Argument lautet oft: Es sei ja schon körperlich gar nicht möglich, dass eine Frau einen Mann vergewaltigt. Ist es aber. Genauso wie es möglich ist, dass ein Mann nicht mit einer Frau schlafen will, einfach deshalb, weil er nicht will. Das scheint Jan Fleischhauer nicht so recht zu begreifen. Über den Fall Argento schreibt er auf Spiegel Online: „Ich kann mir nicht helfen, aber das erste, was ich dachte, als ich die Schilderung der Ereignisse las, die nun als gravierender Missbrauchsfall gelten, war: Und dafür hat der Junge im Nachhinein Entschädigung verlangt? Die meisten 17-Jährigen würden es als Glücksfall empfinden, wenn sie eine ältere Frau von den hormonellen Verstörungen befreien würde, die mit der Spätpubertät einhergehen.“

In den Augen Fleischhauers ist Jimmy Bennett also kein „echtes“ Opfer. Gleiches trifft in den Augen vieler auf Asia Argento zu, der potentiellen Täterin, die außerdem nach der mutmaßlichen Vergewaltigung durch Harvey Weinstein weiterhin engen Kontakt zu ihm hielt und sogar Geld von ihm annahm, um die Betreuung ihrer kleinen Tochter bezahlen zu können.

 
 
 
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Kann so eine Frau überhaupt ein überzeugendes, ein „echtes“ Opfer sein? Die gleiche Frage stellte sich die deutsche Öffentlichkeit vor zwei Jahren, als Gina-Lisa Lohfink vor Gericht stand. Es ging um eine mutmaßliche Vergewaltigung und darum, ob Lohfink dabei mit K.O-Tropfen betäubt worden war. Der ganze Prozess war nahezu sinnbildlich für den Umgang mit einem potentiellen Opfer, das den an es gerichteten Erwartungen diametral gegenüberstand. Lohfink galt als „Hure“, ihre Sexualität als Grund, sie als mögliches Vergewaltigungsopfer nicht ernst zu nehmen. Tatsächlich ist das Bild davon, wie ein Opfer auszusehen hat, sehr eingeschränkt. In ihrem Buch King Kong Theorie schreibt die französische Autorin Virginie Despentes: „Mein Überleben an sich spricht gegen mich. Eine Vergewaltigung hat als ein traumatisches Ereignis Spuren zu hinterlassen, die man möglichst sichtbar und dekorativ zur Schau trägt: Angst vor Männern, Angst vor Dunkelheit, Angst vor Unabhängigkeit, tiefe Abneigung gegen Sex und sonstige lustige Dinge.“ 

Ein Opfer muss bestimmte Anforderungen erfüllen, um ernst genommen zu werden – es muss widerspruchsfrei sein, unproblematisch. Im Prinzip eine*r Heilige*r. Ein Opfer, das gleichzeitig Täter*in ist, passt nicht in dieses Schwarz-Weiß-Denken.

Vorstellung vs. Realität

Dass sexualisierte Gewalt Traumata auslöst ist nicht nur akzeptiert, es wird im Rahmen des Opfer-Mythos sogar erwartet: Eine Vergewaltigung muss für das Opfer ein lebensveränderndes, einschneidendes Ereignis sein. Dass dadurch erlittene Traumata aber auch bewirken können, dass das Opfer problematische Verhaltensweisen entwickelt, das hingegen erscheint inakzeptabel. Die Kulturwissenschaftlerin und Journalistin Mithu M. Sanyal schreibt in ihrem Buch Vergewaltigung. Aspekte eines Verbrechens: „(Aber) Menschen, die vorher unterschiedlich waren, die unterschiedliche Ressourcen und ein unterschiedliches Umfeld hatten, werden auch auf ein Verbrechen unterschiedlich reagieren und unterschiedliche Heilungswege gehen/brauchen.“ Das soll Asia Argentos mögliche Tat nicht entschuldigen. Es soll nur zeigen, wie rigide die gesellschaftlichen Vorstellungen eines perfekten Opfers sind – und wie wenig diese oft mit der Realität zu tun haben.

Der Fall Asia Argento diskreditiert die #MeToo-Bewegung deshalb auch nicht. Aber er zeigt, wie kompliziert und multidimensional der Themenkomplex sexualisierte Gewalt ist. Tarana Burke, die Begründerin des Hashtags #MeToo, fand die richtigen Worte. Sie schrieb auf Twitter: „Meine Hoffnung ist, dass mehr Menschen, besonders Männer, an die Öffentlichkeit gehen; und dass wir uns auf ein paar sehr anstrengende Debatten über Macht und Menschlichkeit und Privilegien und Leid vorbereiten.“ Die #MeToo-Bewegung könne nur Erfolg haben, wenn man sich bewusst mache: „Es gibt nicht den einen Weg, Täter zu sein – und es gibt auch keinen prototypischen Überlebenden.“

2 Kommentare

  1. Veronika

    Toller Artikel und sehr gut in Worte gefasst! Leider liebt der Großteil der Menschen Schubladen, Stereotypen, die Einteilung in Schemata, Schwarz-Weiß, Hure/Heilige, Femme Fragile/Femme Fatale usw.
    Dabei sind die wenigsten Situationen, Geschichten und Charaktere so einfach gestrickt sondern wesentlich komplexer und auch die Einteilung in nur gut oder nur böse wird den meisten Menschen und Situationen nicht gerecht. Da hilft nur einen offenen Blick bewahren, sich informieren, nicht alles glauben was man liest, kritisch hinterfragen, Kontra bieten und außerdem eigene Denkmuster zu durchschauen und durchbrechen. Und natürlich so ein Artikel wie dieser, der hilft ganz besonders<3

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