Ein Interview über die (gescheiterte) Liebe mit Sophia Hembeck, oder: „I still have your Netflix Account.“

13.11.2018 Buch, Leben

Sophia Hembeck ist einer dieser Schrägstrich-Menschen: Sie arbeitet als Autorin/ Regisseurin/ Podcasterin in Berlin und wer ihr auf Instagram folgt weiß, dass sie seit neuestem auch noch Zines bastelt. Die 28-Jährige hat in Bochum und Wien Medien- und Theaterwissenschaften studiert sowie anschließend Szenisches Schreiben an der Universität der Künste Berlin. Ein Thema, welches sich durch ihre Arbeit zieht, ist die Liebe: vor allem die unglückliche, gescheiterte. Ein traurig-tragisches Thema – und eines, dem Sophia sich in ihrer ersten Graphic Novel sowie ihrem Podcast widmet. Bei KiBa und Cappuccino im Prenzlauer Berg erzählt sie, was Liebe und Pfandflaschen gemeinsam haben und warum Tinder besser ist als sein Ruf.

Sophia, du hast dieses Jahr deine erste Graphic Novel veröffentlicht: This feeling of emptiness. Like shopping for groceries and forgetting to bring the Pfandflaschen. Erstmal: Wie ist bitte dieser geniale Titel entstanden und inwiefern lässt er auf den Inhalt schließen?

(lacht) Naja, der Titel beschreibt sehr gut dieses klassische Gefühl von Traurigkeit nach einer Trennung. Aber er ist natürlich auch witzig gemeint – die Ironie darf nicht zu kurz kommen, gerade wenn man versucht, über eine Trennung hinwegzukommen. Die Metapher mit der Pfandflasche fand ich einfach gut, auch wenn sie ungewöhnlich ist: Man holt sich etwas auf Pfand und dann muss man es zurückgeben. Mit der Liebe ist es ähnlich: Man verliebt sich und wenn Schluss ist, muss man die Liebe, die Beziehung, eben auch zurückgeben. 

Wie ist die Idee zu dem Projekt entstanden?

Ich wollte schon länger eine Graphic Novel machen, die Idee spukte seit vier, fünf Jahren in meinem Kopf herum. Dafür fehlte mir aber vor allem der richtige Text. Ich habe dann fürs Theater einen Monolog geschrieben, in dem es um eine Trennung ging. Inspiriert war das Ganze von einem Briefroman: Fast ganz die Deine (geschrieben 1930, Anm.) von Marcelle Sauvageot. Ich fand die Idee toll, so einen Trennungsmonolog aus heutiger Perspektive zu schreiben. Tja, und während ich an diesem Text arbeitete, ist mir tatsächlich eine Trennung passiert. 

Von der Realität eingeholt…

Ja! Das war schlimm, vor allem, weil ich mich voll im Probenprozess für die Inszenierung meines Monologs befand. Ich habe mich von meinem damaligen Freund getrennt und war dann erstmal eine Woche lang zerstört. Ich bin zu meinen Eltern ins Ruhrgebiet gefahren und als ich zurück nach Berlin kam, dachte ich: Es muss irgendwie weitergehen. Den Theatermonolog hatte ich erst zur Hälfte fertig geschrieben – ein Glück, denn durch meine eigene Trennung war ich sehr inspiriert. Das Ganze hat meinen Text leidenschaftlicher gemacht. Ich war in diesem Gefühl so drin, alles hat so gut gepasst. Für mich war es krass zu sehen, wie bei der Aufführung meine Worte von einer Schauspielerin gesprochen wurden. Ich hatte also diesen Text – und daraus ist die Graphic Novel geworden. 

Warum eine Graphic Novel? Warum keine Kurzgeschichte, kein Roman – oder was auch immer?

Ich bin einfach totaler Fan von Graphic Novels! Ich mag, dass sie oft sehr autobiografisch sind. Eine meiner liebsten Graphic Novels ist Persepolis von Marjane Satrapi. Toll finde ich auch Ghost World von Daniel Clowes, obwohl das nicht autobiografisch ist, oder At a Crossroads von Kate T. Williamson. Und dann gibt es noch von Du kannst natürlich heute noch hier schlafen von Tanja Esch. Durch die Verbindung von Text und Bild wird nochmal eine andere Ebene aufgemacht. Es entsteht eine emotionalere und unmittelbarere Verbindung, man kann bestimmte Dinge besser hervorheben. 

Die Illustrationen im Buch stammen von Julia Feller. Wie habt ihr zueinander gefunden?

Total millenialmäßig – auf Instagram! (lacht). Eine Freundin von mir hatte eine Tasche, die mit einer ihrer Illustrationen bedruckt war. Das hat mir super gefallen und so bin ich auf ihren Account gestoßen. Ich fand die Zeichnungen wahnsinnig gut, ich mochte Julias Stil: eher romantisch und skizzenhaft, nicht so poliert und perfekt, mit knalligen Farben. Ich habe Julia  einfach mal meinen Text geschickt – und sie fand ihn gut. 

 

 
 
 
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Du hast dich dazu entschieden, das Buch selbst zu verlegen. Wie schwierig oder leicht war das?

Das war schon etwas kompliziert. Ich habe viel gegoogelt und gelesen. Am Ende hat alles geklappt und ich habe durch den Prozess viel gelernt. Ich wollte keinen Verlag, weil ich keine Lust hatte, dass mir jemand reinquatscht. Ich habe mir selbst vertraut, dass ich das kann – und der Erfolg des Buches hat das bestätigt. Das Marketing läuft komplett über Instagram und mittlerweile verkaufen 15 Buchhandlungen in Deutschland sowie drei in der Schweiz das Buch. Mit der Resonanz bin ich total zufrieden! Im Januar kommt meine zweite Graphic Novel, diesmal aber mit einer anderen Illustratorin. 

This feeling of emptiness ähnelt einem stream of consciousness, in dem sich präzise, nüchterne Beobachtungen, trockene und manchmal fiese Bemerkungen, aber auch Gefühlsausbrüche und bissige SMS mischen. Warum hast du die Graphic Novel so geschrieben und nicht anders?

Das hat sich einfach so ergeben! Die Zwischenkapitel in Form von Zitaten sind teilweise echte SMS – allerdings nicht von mir, ich habe sie in einem Google Document namens Things I want to text my ex gefunden. Da schreiben Leute ihre nichtgesendeten SMS rein, das ist eine superlange Tabelle. Teilweise habe ich mir aber auch selber solche SMS ausgedacht. Die SMS sind auf Englisch, weil sie im Original eben auf Englisch waren – und es passte gut, weil diese SMS ja nicht direkt etwas mit dem Hauptmonolog des Buchs zu tun haben, mit der Ich-Erzählerin. Sie sind eher Stimmungen, kurze Unterbrechungen. 

Das große Thema deiner Graphic Novel ist Fremdgehen. Es geht aber auch darum, das war zumindest mein Eindruck, sich von Beziehungsillusionen oder einer gewissen Art von Wunschdenken zu verabschieden. 

 

 
 
 
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Absolut, es findet eine Verarbeitung statt. Erstmal geht es darum zu merken: Ich hatte diese Illusion von meinem Partner oder meiner Partnerin – und jetzt ist da plötzlich diese ganz andere Person. Man fragt sich: Was war das jetzt eigentlich? Es geht um die Flüchtigkeit von Worten und Versprechungen. Und da ist diese große Wut, dass es Menschen gibt, die einem Dinge versprechen, die sie dann nicht halten. Wenn man betrogen wird, wird quasi eine Abmachung, die man mit seinem Partner oder seiner Partnerin hatte, nicht eingehalten. Wobei Betrug für mich nicht unbedingt vorliegt, sobald eine*r der beiden Partner*innen mit jemand anderem schläft. Es geht vielmehr darum: Was hat man vorher als Paar ausgemacht? Ich bin zum Beispiel fest davon überzeugt, dass so etwas wie Polyamorie funktionieren kann – aber da muss es eine entsprechende Abmachung geben. Nicht jeder Betrug muss in einer Trennung enden! 

Ich selbst wurde zweimal betrogen und habe nach dem ersten Mal versucht, meinem Partner zu verzeihen. Aber dann wurde mein Vertrauen ein zweites Mal missbraucht. Was schwer zu verstehen ist, aber leider wahr: Es gibt Menschen, die lügen. Sie machen nicht das, was sie sagen. Und das muss man dann vielleicht so akzeptieren und für sich die Konsequenzen daraus ziehen. 

Das Thema Liebe ist offensichtlich eines, das dich sehr beschäftigt. Seit kurzem gibt es deinen neuen Podcast Hart romantisch, den du zusammen mit deinem Kumpel Julius Kraft machst. Ihr quatscht über das Leben, aber vor allem über die Liebe, das Motto lautet: „Liebeskummer lohnt sich nicht, my darling“. 

Der Podcast hat tatsächlich auch was mit einer Trennung zu tun. Damals habe ich viele Podcasts gehört, vor allem Dear Sugars von Cheryl Strayed und Steve Almond. Die Hörer*innen können ihnen schreiben und dann wird das diskutiert – ein bisschen wie bei Dr. Sommer. Ich habe mir die ganzen Folgen zum Thema Betrug angehört und mich da total zu Hause gefühlt. Ich hatte ja schon einen Podcast und dachte: Ach, wäre das schön, ein ähnliches Format auf Deutsch zu haben. Im gemeinsamen Sommerurlaub haben Julius und ich versucht, einer Freundin zu helfen, die Liebesprobleme hatte. Julius ist eher so der Typ, der jede RomCom verschlungen hat und fest an ein Happy End glaubt. Ich bin etwas härter, weil ich nicht will, dass die Leute sich Illusionen machen – aber liebevoll bin ich dabei auch! 

 
 
 
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Julius ist also eher romantisch, du bist hart.
Naja (lacht), so in etwa. Jetzt schicken uns völlig Unbekannte anonym Mails mit ihren Liebessorgen. Wir schaffen es, pro Folge ungefähr zwei bis drei der Mails zu besprechen, alle zwei Wochen gibt es eine neue Folge. Dabei suchen wir uns schon die Mails raus, von denen wir glauben, dass sie viele Menschen ansprechen. Es geht nicht unbedingt darum, Fragen direkt zu beantworten oder Lösungen zu liefern, sondern eher, eine Art sicheren Ort zu schaffen, an dem die Menschen sich wohl fühlen. Wir wollen eine Art Beistand leisten und unseren Hörer*innen zeigen, dass sie verstanden werden.

Und was für Zuschriften bekommt ihr so?

Um ehrlich zu sein: ganz schön traurige. Die Leute schreiben uns eigentlich nur, wenn etwas schief läuft: Wenn du mit dem Partner zusammenziehst und es ist furchtbar, wenn die Partnerin dich verlassen hat… Am Anfang habe ich den Fehler gemacht und die Mails morgens gelesen. Ich war wirklich geschockt und habe zu Julius gesagt: Oh nein, den Leuten geht es echt schlecht! Am liebsten hätte ich den Menschen dann sofort geantwortet, aber das geht ja nicht, weil die Mails anonym bei uns ankommen. Immerhin habe ich so das Gefühl, dass wir gebraucht werden. 

Wie sieht es bei dir denn momentan mit Dating aus?

Tatsächlich date ich wieder, was mehr oder weniger durch den Podcast inspiriert ist. Wenn man so viel über Dating redet wie ich, dann hat man irgendwann das Bedürfnis, es selbst mal wieder zu versuchen! Viele jammern ja über Tinder, ich auch, aber generell muss man einfach etwas spielerischer damit umgehen. Online-Dating ist eben immer Trial und Error. Was ich wirklich interessant finde: Wenn du rausgehst, also, in die reale Welt, in eine Bar oder was auch immer, bist du ganz oft nicht dateable. 

 
 
 
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Niemand spricht dich an, niemand will deine Nummer?

Ja, ist das mein Gefühl. Aber sobald du online bist… (lacht) Was ich feststelle, ist, dass Leute heute eher privater weggehen. Das heißt, sie sind mit Freund*innen unterwegs und wollen eher was mit denen machen, als potenzielle Partner*innen kennenzulernen. Tinder kann natürlich unheimlich frustrierend sein. Das hat aber nicht unbedingt was mit Tinder zu tun, sondern damit, wie man an die Sache rangeht. Manche setzen sich da sehr unter Druck – und dann ist natürlich jede Möglichkeit, die nicht klappt, ein Rückschritt. Es ist wie beim Spielen: Wenn du unbedingt gewinnen willst, tut das Verlieren sehr weh. 

Du als jemand, der sich beruflich viel mit Liebe beschäftigt: Was hast du bisher über die Liebe gelernt?

Auf jeden Fall, dass ich sehr wenig weiß. Mit fast 29 stehe ich fast noch ratloser vor dem ganzen Ding als noch vor ein paar Jahren. Das finde ich aber gut, weil ich vorher so viele Illusionen hatte, wie Liebe und Beziehungen aussehen sollen. Ich dachte immer: Man datet ein paar Wochen, verliebt sich, man sagt „Ich liebe dich“, dann zieht man zusammen, dann kommen Kinder und so weiter. Ich lebe lieber in der Ratlosigkeit als in einer Illusion. Was ich auch gelernt habe: Es war für mich nach wie vor richtig, meinem Partner nach dem ersten Betrug zu verzeihen, ihm eine zweite Chance zu geben. Eine zweite, keine dritte oder vierte. Und: Wenn Leute dir zeigen, wer sie wirklich sind – glaub ihnen. 

 
 
 
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Ein Beitrag geteilt von Sophia Hembeck (@sophiahembeck) am

Danke, liebe Sophia.

Ein Interview über die (gescheiterte) Liebe mit Sophia Hembeck, oder: „I still have your Netflix Account.“

  1. Nora

    Ich habe den Artikel sehr gerne gelesen und finde Sophia, der ich auch schon laenger auf Instagram folge, super sympathisch. Ich bin mir sicher, das ging vielen anderen LeserInnen auch so. Vielleicht hat der Kommentar also 0 Mehrwert, da ich nichts hinzuzufuegen habe zu ihren spannenden Gedanken, ich wollte nur mal meine Wertschaetzung ausdruecken, da hier gar nicht kommentiert wurde, der Artikel aber toll ist. Kann man ja vielleicht auch einfach mal so stehen lassen 🙂

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