Buch-Tipp // „What Would the Spice Girls Do? – How the Girl Power Generation Grew Up“ von Lauren Bravo

20.11.2018 Buch, Feminismus

Wer 2018 an Großbritannien denkt, denkt vor allem an den Brexit: Wann wird er passieren? Wie wird er passieren? Was bedeutet das für Großbritannien? Und für die Europäische Union? Die Brexit-Misere ist real und deprimierend – umso besser, dass es im Zusammenhang mit Great Britain zuletzt zumindest eine gute Nachricht gab: Die Spice Girls gehen 2019 auf Welttournee! Zwar ohne Victoria (die sich vermutlich um ihr Modeimperium kümmern muss), aber die beiden Mels, Emma und Geri sind dabei!

Wer ist hier die wahre Geri?

Die Spice Girls und mich verbindet eine lange, leidenschaftliche Geschichte. Initiiert wurde ich 1997 im zarten Alter von neun Jahren durch den Film Spiceworld. „We‘re the Spice Girls, yes indeed. Just Girl Power is all we need“, sprachen Emma, Geri, Victoria, Mel B und Mel C – und ich war ihnen verfallen. Es folgte: der Kauf beider Alben, das Sammeln jedes noch so kleinen Schnipsels über die „Girls“, Streits mit meiner Freundin Ann-Kathrin darüber, wer von uns beiden denn nun Geri war (ich natürlich, Ann-Kathrin sah das naturgemäß anders). Ich konnte kein Englisch, aber ich konnte alle Songs auswendig. Irgendwann wurde ich erwachsen – oder was ich so darunter verstand: Die Spice Girls-Poster verschwanden von den Wänden und die CDs verstaubten im Regal. Lediglich auf 90er und 2000er Parties gab (und gebe) ich mich meiner Vergangenheit als Girlgroup-Groupie voll hin. Wannabe? Ab auf die Tanzfläche!

 
 
 
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Die Spice Girls haben mich geprägt und ich bin fest davon überzeugt, dass sie nicht nur einen kleinen Anteil daran haben, dass ich mich heute Feministin nenne. Wenn ich das erwähne, ist die Skepsis groß: „Spice Girls? Aber das war doch nur so eine gecastete Retorten-Gruppe! Reines Marketing! Das hat doch mit Feminismus nichts zu tun!“ Hat es nicht? Beglückt entdeckte ich letzte Woche das Buch What Would the Spice Girls Do? How the Girl Power Generation Grew Up der britischen Autorin Lauren Bravo. Genau wie ich ist Bravo Anfang 30, genau wie ich war für sie „Girl Power“ viel mehr als nur ein Marketing-Instrument. Bravo stellt fest: „Vieles an ihrer Philosophie fühlt sich auch heute noch relevant an“, stellt Bravo fest. Die Musik der Spice Girls hätte sich nicht darauf konzentriert, was wir Mädchen und jungen Frauen alles nicht waren – sondern darauf, was wir alles sein konnten. Bravo stellt die Frage „Was haben die Spice Girls für uns getan“ und untersucht in zehn Kapiteln („Who do you think you are? The Spice Girls and Identity“ oder „Getting what you really really want. The Spice Girls and Sex”), inwiefern Geri, Victoria und Co Dinge thematisierten, die für Mädchen und junge Frauen eine Rolle spielten, ob durch ihre Musik oder ihre Persönlichkeiten, und inwiefern das inspirierend und empowernd war, oder eben nicht.

Margaret Thatcher, Spice Girl

 
 
 
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Das Vermächtnis der Spice Girls kann man nur verstehen, wenn man einen Blick zurück wirft. Damals, Mitte der Neunziger, gab es noch keine Beyoncé, keine Rihanna, keine Taylor Swift, die selbstbewusst feministische Botschaften verbreiteten. Stattdessen gab es Boygroups (Take That) und Boybands (Oasis). Ja, in den USA zogen die punkigen Riot Grrrls ihr eigenes Ding durch und Alanis Morissette sang in „You oughta know“ ihre Wut hinaus – das war vielen aber zu edgy. Susan Faludi schrieb das Buch Backlash über den Rückschlag, den die feministische Bewegung erfuhr: Feminismus war ein Schimpfwort, Feminismus wurde nicht gebraucht. Hier kamen die Spice Girls in Spiel.

Schon klar, das hat jetzt nicht ganz das Niveau von Judith Butlers Das Unbehagen der Geschlechter. Und: Die Spice Girls waren ganz sicher keine perfekten Feministinnen. Sie distanzierten sich zugunsten von Girl Power vom Begriff „Feminismus“ und erklärten „Iron Lady“ Margaret Thatcher zum „ersten Spice Girl“. Später ruderten sie zurück, etwas, das Lauren Bravo nutzt, um ganz grundsätzlich nach den Erwartungen an feministische Vorbilder zu fragen: „So lange, wie sie oben stehen, werden sie als feministische Superheldinnen gefeiert. Die Zukunft der Frauen ruht auf ihren Schultern. Aber der erste fragwürdige Kommentar, die erste Schwachstelle in ihrer Rüstung, jeder halbgare Gedanke oder jede nicht recherchierte Theorie, und schon werden sie, statt ruhig herausgefordert oder korrigiert zu werden, in die Mülltonne der Berühmtheiten-Schande verbannt.“

Wütende Frauen

Die Spice Girls lagen also, feministisch gesehen, manchmal daneben. Girl Power sei einfach ein „Neunziger“ Ausdruck für Feminismus, schrieben sie in ihrer Biografie. Trotz oder gerade deswegen schafften sie es, feministische Botschaften in den Mainstream zu bringen: Unabhängigkeit, Chancengleichheit, Redefreiheit und weibliche Solidarität. Sie taten es ohne Scham und schienen dabei jede Menge Spaß zu haben. Immer noch wird von Frauen in der Öffentlichkeit erwartet, dass sie nicht zu laut, zu auffällig sind. Den Spice Girls war’s egal, sie verhielten sich genauso, wie sie gerade Lust hatten. Immer noch wird von Frauen erwartet, dass sie sich zurückhalten und vor allem ihre Wut und Unzufriedenheit nicht zeigen. Die Spice Girls waren offen wütend und angriffslustig. Lauren Bravo nennt eines ihrer Kapitel „Five Angry Women“ und weist darauf hin, wie befreiend es für sie und so viele andere Mädchen war, weibliche Popstars zu sehen, die ihre Wut auch vor laufender Kamera einfach mal rausließen. Die Wut rauszulassen, das würde nämlich schon kleinen Mädchen beigebracht, sei schlecht und könne Probleme mit sich bringen: 

„Das Risiko, das wir eingehen, jedes Mal, wenn wir die Beherrschung verlieren und unseren Ärger zeigen, ist, dass es uns schaden könnte. (…) Wir könnten gedemütigt, arbeitslos oder (oh, Mist), undatebar enden.“ Natürlich, die Spice Girls waren zusammengecastet, um junge Frauen anzusprechen und jede Menge Platten zu verkaufen. Trotzdem machten sie daraus ihr eigenes Ding. Als ihr Management und ihre Plattenfirma sich weigerten, mit ihnen zusammen ihre künstlerische Vision umzusetzen, schnappten sich die Girls ihre Aufnahmen und suchten selber nach einer neuen Plattenfirma. Im Prinzip waren die Spice Girls wie ein Trojanisches Pferd. Schleichend infiltrierten sie mit ihrer feministischen Haltung den Mainstream. Ihre Art des Feminismus machte Spaß und war zugänglich; sie sprach Mädchen und Frauen an, die sonst vielleicht nicht auf die Idee gekommen wären, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Lauren Bravo schreibt: „Sie haben uns gezeigt, dass es für Frauen verschiedene Arten gab, zu sein, und dass alle zulässig und gleichwertig waren.“ Die Wege zum Feminismus sind vielfältig – und einige davon führen eben eher über fünf laute, britische Mädels, als über Judith Butler.

Feminismus für Anfänger*innen

 

 
 
 
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Girl Power mag nicht alles sein, was wir brauchen und mit dem wir uns zufrieden geben sollten – aber angesichts der Tatsache, dass sich in Sachen Gleichberechtigung immer noch vieles viel zu langsam bewegt, kann eine gehörige Portion davon auch nicht schaden. What Would the Spice Girls Do? ist ein teils nostalgischer, teils kritischer Rückblick auf die eineinhalb Jahre währende Weltherrschaft der Spice Girls. Dabei schafft es Lauren Bravo, einen Bogen von der Vergangenheit in die Gegenwart zu schlagen, über Leoparden-Einteiler genauso zu sprechen wie über #MeToo, mangelndes Selbstbewusstsein und all die Herausforderungen, denen junge Frauen heute noch begegnen. Für Bravo waren die Spice Girls, war Girl Power, jede Menge Spaß – aber eben auch der Katalysator für etwas größeres: „Wenn das, was die Spice Girls uns gaben, ein feministisches Starter-Set war, so haben sich viele von uns später den ganzen verdammten Lifestyle gekauft“.


Lauren Bravo: What Would the Spice Girls do? The Girl Power Generation Grows Up, erschienen am 18. Oktober 2018 bei Bantam Press, 208 Seiten.

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