„Gegen jede Regel“: Mirna Funk über die Verbindung zwischen Feminismus und Judentum

Ich packte vorsichtshalber meinen Roman in den Koffer, weil ich mir bis zur letzten Sekunde nicht sicher war, ob ich meine Kurzgeschichte „Heaven“, die ich für das „Jewish Women Empowerment Summit“ geschrieben hatte, auch wirklich vorlesen sollte. Wochen zuvor hatten mich die Veranstalterinnen gebeten, einen Text sowie einen Workshop für die mehrtägige Konferenz vorzubereiten. Ich sollte eine Short Story lesen, die sich mit feministisch-jüdischen Fragen beschäftigt, und im Workshop mein Kinderbuch „Wo ist Papa?“ vorstellen, in dem es um zwölf verschiedene Familienmodelle geht. Also: Offenheit und Progressivität in die heiligen Räume der Jüdischen Gemeinde Frankfurt bringen.

Für mich als Ost-Berlinerin mit jüdischem Vater und nicht jüdischer Mutter, die nicht innerhalb der deutsch-jüdischen Gemeinde aufwuchs, nicht bei den zweimal im Jahr stattfindenden Machanot, also den Feriencamps, war, aus denen sich die meisten meiner Generation kennen, keine Bar Mitzwa gehabt hatte und dementsprechend auch keine große Party, über die noch Jahrzehnte später gesprochen werden kann, bedeuten solche Einladungen vor allem Angst. Angst davor, die Chance auf Inklusion, die mir gegeben wird, zu vertun oder eben mit meinem Denken, Handeln und Sprechen die Grenzen, die extra für mich erweitert wurden, dennoch zu überschreiten. Was ich auf keinen Fall wollte, war Unmut unter all diesen tollen und interessierten Frauen zu schüren, die gekommen waren, um sich über Feminismus und Empowerment vor einem jüdischen Hintergrund auszutauschen. Ich wollte auch nicht anecken oder mit meiner Geschichte, die sehr wohl das Potenzial dazu hatte, provozieren. Schließlich wurde die Veranstaltung von vielen innerhalb der Gemeinde schon als Provokation empfunden.

Darüber hinaus zeugte die Einladung auch davon, dass notwendige Veränderungen in einem alten System voller geschriebener und ungeschriebener Gesetze, eingeleitet werden. Denn innerhalb der jüdischen Gemeinde in Deutschland gibt es progressive Kräfte, aber auch regressive. Inwieweit sollen Vaterjuden inkludiert werden, was ist mit Mischehen und wie geht man mit Homosexualität oder Transgender um? Das sind alles Fragen, die seit Jahrzehnten drängen, beantwortet zu werden. Stück für Stück, insbesondere durch die 3. – und sogar schon 4. – Generation angestoßen, werden diese Fragen nicht nur laut gestellt, sondern manchmal sogar schon gelöst. Auch, wenn es Widerstand gibt.

Wenige Minuten nachdem das Schabbat-Dinner zu Ende war, saß ich in dem sogenannten Spiegelraum der Jüdischen Gemeinde vor etwa 100 Frauen und las meine Geschichte „Heaven“, in der es um zwei junge jüdische Mädchen, die das London der Neunziger-Jahre unsicher machen, geht, vor. Eine der beiden schnappt sich im Laufe der Nacht zwei Männer für einen Dreier und sitzt zwölf Stunden später brav am Tisch ihrer Eltern, um die Kerzen anzuzünden und die Bracha, den Segen, zu sagen.

 

Es dauerte viele Minuten, bis die ersten Frauen ihre Arme hoben, um ins Gespräch zu kommen. Aber die Diskussion, die anschließend entstand, war von Offenheit und Neugier geprägt. Sofort diskutierten wir darüber, wie man seine eigenen Grenzen, seine ganz persönlichen nämlich, und nicht diejenigen, die einem auferlegt werden – durch Religion, Gesellschaft und Elternhaus –, ausloten kann, und kamen zu dem Schluss, dass nur das bewusste Übertreten von Grenzen letztlich dazu führen könne, seinen ganz individuellen Grenzraum auszuloten. Die Regeln, nach denen man lebt, selbst zu definieren, ist „empowert“. Nichts anderes.

 

Wir diskutierten über uns als Frauen und als Jüdinnen, und darüber, wie weit die religiösen Gesetze innerhalb unseres Lebens eine Rolle spielen. Denn das kann im Judentum ganz unterschiedlich sein. Es gibt viele Facetten und Grautöne, wenn es um das Einhalten der Regeln geht, denn die Sozialisation spielt eine bedeutende Rolle. Schließlich leben Juden überall auf der Welt verteilt und passen die Regeln, an denen sie sich orientieren, mitunter ihrer Umwelt an.

Dieser Text von MIRNA FUNK stammt aus unserer VOGUE COMMUNITY.
Ihr könnt ihn HIER WEITERLESEN
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Bild: © Dafy Hagai

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