Podcast-Tipp // „German Liebe“ – wie liebt Deutschland?

27.05.2019 Leben, Gesellschaft, Podcast

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Ich bin 31 Jahre alt und weiß noch immer nicht, was Liebe ist. Ich habe zwar eine Ahnung, aber trotzdem Zweifel. Weil ich es kaum wagen mag, etwas zu beschreiben, das ja noch gar nicht vorbei also fertig, nicht zu Ende gelebt und gefühlt ist. Etwas, das sich mit jedem Tag anders anfühlen, wachsen oder schwinden kann, das manchmal stirbt und dann wieder aufersteht, an einem anderen Ort, vielleicht in einem anderen Menschen, zu einer anderen Zeit. Liebe bleibt verwirrend. Aber auch unglaublich tragisch schön. Gut möglich, dass ich deshalb nicht kapiere, was ich wie verrückt fühle. Weil dieses Gefühl zu viel von allem ist. Oder besser: Es ist nicht nur ein Gefühl. Und auf keinen Fall etwas, das irgendeinem allgemein gültigen Glücksprinzip folgt.

Vielleicht bin ich deshalb so neugierig auf die Podcast-ReiheGerman Liebe“ (zu hören auf Audible). Weil sie Stück für Stück, mit jeder neuen Folge am Donnerstag, aufzeigen will, dass es keine einfache Wahrheit darüber gibt, wie die Deutschen lieben – sondern ziemlich viele. Und so reist die Journalistin (ZEIT, FAZ) und Autorin Andrea Hanna Hünniger quer durch Deutschland:

Sie schaut in Schlösser, Schlafzimmer und Gotteshäuser. Sie trifft Menschen, die auf die unterschiedlichsten Arten lieben oder über die Liebe nachdenken, unabhängig von Alter, Milieu und Klischees. 

Wie kann man mit Datingapps Geld verdienen? Wie lieben wir, wenn wir dem Tod ins Auge blicken? Was ist das für eine Liebe zwischen Mensch und Tier? Und wie frei ist die freie Liebe wirklich? 

Eine Fragestellung hallte besonders nach: Ist Monogamie vielleicht doch nicht die Lösung? Und Polygamie am Ende die bessere Alternative? Kann Polyamorie gut gehen? Für Außenstehende mag das Konzept der freien Liebe undenkbar wirken, gierig, sogar qualvoll oder, im Gegenteil, zu gut, um der Realität je standhalten zu können. Aber genau darum geht es ja, hier in diesem Podcast: Auf keinen Fall nur um uns. Nicht um Abziehbilder der ultimativen Romantik, nicht um das, was die Gesellschaft für akzeptabel hält. Sondern um das, was Liebe für unterschiedliche Menschen bedeuten kann. Gestern Abend, als ich mir im Regengeplätscher die Doppelfolge „Freie Liebe als Leistungskurs“ anhörte, um einen Eindruck davon zu bekommen, was wirklich hinter dieser Vermessung der Gefühle steckt, kamen gleich zu Beginn zwei Fragen auf, die mich, spätestens seit meiner letzten Trennung und Friedemann Karigs Buch „Wie wir lieben“ brennender denn je interessieren:

 

 
 
 
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Also erstmal zurück zum Urschleim, zu denen, die die freie Liebe erfunden haben: Rainer Langhans zum Beispiel ist einer, der sich auskennen muss. Ende der 60er Jahre war er Mitglied der politisch motivierten Wohngemeinschaft Kommune 1. Heute lebt er im Harem: Seine drei Frauen, mit denen er seit etwa 50 Jahren polygame, bzw. polyamoröse Beziehungen führt, wohnen in eigenen Apartments eine Straße weiter als er selbst, irgendwo in München. Als Andrea Hanna Hünniger für das Podcast-Interview auf Langhans‘ Bett Platz nimmt, andere Möbel existieren in diesem 27 Quadratmeter kleinen Zuhause nicht, wird schnell klar, dass Vorurteile zu Recht einen schlechten Ruf genießen. Wer dennoch auf wilde Geschichte und Parolen à la „Wer zwei Mal mit der selben pennt, gehört schon zum Establishment“ gehofft hatte, wird weiter hungrig nach der großen Sensation bleiben, in etwa wie all die Medien damals, die nicht verstehen, sondern nur möglichst gewinnbringend titeln wollten. Schon damals sei es nicht um Sex gegangen, erzählt der mittlerweile 78-Jährige. Sondern um ein radikales Leben, das den eigenen Vorstellungen und Bedürfnissen folgt, um die Revolutionierung des Alltags und die Abschaffung von persönlichem Besitz. Stattdessen wurde geteilt, eigentlich alles. Vor allem aber: Gedanken. Rainer Langhans sagt: „Es herrschte Allgemeine Zärtlichkeit„. Weil sie, genau wie die Liebe, das Wichtigste sei. Sex hingegen habe immer etwas mit Gewalt zu tun, der körperliche Akt also, sollte am besten so beiläufig geschehen, wie einen Schluck Wasser zu trinken. Bis heute hält er es so. Mit seinen drei Frauen verbinden ihn vor allem lange Spaziergänge und tiefe Gespräche. 

Ist Polygamie im Grunde also nur möglich, wenn kein Sex im Spiel ist oder das Körperliche, wenn überhaupt, nur eine untergeordnete Rolle spielt? Wie fühlen sich die Frauen dabei? 

Was ist mit der Eifersucht? Und kommt die große freie Liebe womöglich doch nicht ohne Schmerz aus? Es scheint beinahe so. Aber welche Liebe kann das schon? 

Vielleicht ja die von Lola Randl? In Teil 2 der Doppelfolge „Freie Liebe als Leistungskurs“ trifft Andrea Hanna Hünniger eine Regisseurin, die mit ihrem Ehemann, zwei gemeinsamen Kindern und ihrem Liebhaber in einem Dorf in Brandenburg lebt. Moment, alle unter einem Dach? Nein. Schnell wird deutlich: Ganz so einfach ist es mit der freien Lieben eben auch nicht. Damit das Konzept für alle Beteiligten funktioniert, bedarf es strenger Regeln, an jedem einzelnen Tag. Weil Gefühle sich zwar bestimmt ein Stück weit lenken, aber nie komplett kontrollieren oder den Erwartungen fremder unterordnen lassen. Genauso wenig wie die Art und Weise, auf die wir lieben wollen und können, von geltenden Konformitäten in Stein gemeißelt werden sollte. 

Und genau das zeigt „German Liebe“: Narrative, die lange fehlten, Vorbilder, Möglichkeiten. Aber auch Abgründe. Beinahe alles eben, was zur Liebe in Deutschland dazu gehört. Ein Kritikpunkt bleibt aber, obwohl ich weiterhin schwer Lust habe, jede einzelne Folge durchzuhören: Zurück im Studio, immer dann, wenn Andrea Hanna Hünniger gemeinsam mit Daniel Hirsch über all die gesammelten Eindrücke spricht, überkommt mich beim Zuhören stets das Gefühl, es würde, entgegen des beabsichtigten Anscheins, pausenlos abgelesen werden. Was schade ist, denn hier sitzen sich offenbar zwei kluge Menschen mit sehr angenehmen Stimmen gegenüber, die allemal das Zeug hätten, einfach drauf los zu reden – um mich und uns noch ein bisschen mehr zu fesseln. Durch Blitzgedanken und hörbare Gefühlsregungen etwa. Kurzum: Weniger Abgeklärtheit, mehr Spontaneität. Dann gäbe es von mir die volle Punktzahl.

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 – dieser Beitrag ist in Zusammenarbeit mit Audible entstanden – 

2 Kommentare

  1. Nora

    das klingt nach einem sehr spannenden Podcast.

    Nur eine kleine, aber doch sehr wichtige, Anmerkung: bitte nicht von Polygamie schreiben, wenn Polyamorie gemeint ist. Ersteres ist die oft streng religioese Praxis, in der ein Mann mehrere Frauen hat (aber auf gar keinen Fall andersherum), waehrend Polyamorie das Lieben meherer Menschen ist, und damit viel mehr dem von dir oben beschriebenen entspricht.

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