Ein Ode an Prinzessin Leia: „Sie ist ein Gefühl. Sie ist Stärke. Sie ist Anmut. Sie ist Witz. Sie ist Weiblichkeit in ihrer schönsten Form.“

17.12.2019 Film, Menschen, Feminismus

Als Kind wollte ich unbedingt Prinzessin sein. Und zwar so eine, wie ich sie aus den Disney-Filmen kannte: in voluminös-schwingende Kleider gehüllt, mit glänzender Haarmähne und einer beeindruckenden Singstimme. Die Kombination aus all diesen Dingen, das wusste ich, würde mir am Ende einen charmanten (und ebenfalls mit beeindruckender Singstimme ausgestatteten) Prinzen einbringen, mit dem ich sodann in den Sonnenuntergang tanzte. Hach. Dummerweise scheiterte meine Prinzessinnenwerdung schon an meinem unkooperativen Haar, das sich hartnäckig weigerte, sich in die so typische Disney-Mähne zu verwandeln und stattdessen bei jedem Friseurbesuch praktisch kurz geschnitten wurde. Ein Drama, immer wieder. Auch, dass ich von meiner Umgebung eine Zeitlang verlangte, mich doch bitte ‚Prinzessin Rosa‘ zu nennen, machte aus mir keine Cinderella oder Belle. Zur großen Erleichterung meiner Eltern wurde ich also wieder Julia.

Und diese Julia ließ ihre Prinzessinnenphase irgendwann hinter sich. Sie spielte mit ihren Kumpeln Tomb Raider auf der PlayStation, lief in bollerigen Hosen rum und gründete mit ihrer Schwester eine (nur semi-erfolgreiche) Detektei. Aus der Möchtegern-Prinzessin wurde ein Tomboy – aber einer, der sich heimlich immer noch nach bauschigen Kleidern und Krönchen sehnte. Wie passte all das zusammen? Für mich eine Frage, auf die ich keine Antwort fand.

Die geborene Anführerin

Bis ich eines Abends im Fernsehen ihr begegnete: Leia Organa, Anführerin der Rebellion gegen das Imperium – und eine echte Prinzessin. Über den Bildschirm flimmerte Star Wars Episode IV: Eine neue Hoffnung und Leia erschien dort zuerst als Hologramm, als Hilferuf an Obi-Wan Kenobi, versteckt im Droiden R2-D2. Wie Luke Skywalker betrachtete ich bewundernd dieses mythische Wesen im weißen Kleid und mit auffälliger Schnecken-Frisur und fragte mich: Wer ist sie? Zuerst einmal eine Prinzessin in Nöten, da von imperialen Truppen verhaftet. Doch schnell stellt sich heraus, dass Leia sehr viel mehr ist als das: Sie ist die geborene Anführerin, kämpferisch und schlagfertig.

 

 
 
 
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Finger weg vom Bikini!

Leia war eine Prinzessin, ja, aber eine, die wenig mit den Prinzessinnen aus meinen geliebten Disney-Filmen gemein hatte. Statt singend durch den Wald zu tänzeln, hatte sie eine Mission. Statt sehnsüchtig auf ihren Prinzen zu warten, entschied sie sich lieber für einen sexy Schmuggler mit Riesen-Ego („Ich liebe dich“ – „Ich weiß“) und haarigem bestem Freund. Prinzessin Leia war auch deshalb so einzigartig, weil sie von Carrie Fisher gespielt wurde. Carrie Fisher, die 2016 viel zu früh verstarb. Die sich stets weigerte, ihren Marktwert in Hollywood darauf reduzieren zu lassen, wie jung und dünn sie war. Die stattdessen lieber auf Humor und harte Arbeit setzte, zu einer der gefragtesten script doctors wurde, und so aus mittelmäßigen Drehbüchern doch noch das Beste rausholte. Die keinen Hehl daraus machte, dass sie Probleme hatte, unter einer bipolaren Störung litt und Drogen nahm

 
 
 
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Für ihre Rolle als Leia war Fisher dankbar, aber sie scheute sich nicht, in Sachen Star Wars Klartext zu sprechen: Ihrer jungen Kollegin Daisy Ridley, die in der aktuellen Star Wars Trilogie die Hauptrolle der Rey spielt, riet Fisher: „Sei keine Sklavin, wie ich es war. Kämpfe weiter gegen das Sklavinnen-Outfit!“ Gemeint war natürlich das freizügige goldene Bikini-Kostüm, das Leia als Gefangene von Jabba the Hutt trägt – und das sie zur sexuellen Fantasie Millionen männlicher Teenager machte. Wiederholt hat Carrie Fisher deutlich gemacht, dass sie beim Dreh des ersten Star Wars-Films jung und unerfahren war und viele Dinge hinnahm, die sie später nicht akzeptiert hätte. Der goldene Bikini ist eines davon. Nicht nur, weil er offenbar dazu dient, den Körper einer jungen, hübschen Frau zur Schau zu stellen. Sondern auch, weil er Prinzessin Leia, die vorher als eine selbstbewusste Frau in einer Machtposition dargestellt wird, zum Objekt macht. Zu viel weibliche Macht ist eben… zu viel. Es scheint, als sei den männlichen Star Wars-Machern damals ihre emanzipierte Kreation plötzlich selbst unheimlich geworden.

Cool und rebellisch

Trotz des goldenen Bikinis: Leia war und ist einer meiner liebsten weiblichen Charaktere in der Popkultur. Weil sie mir zeigte, dass Prinzessinnen cool und rebellisch sein können – und dass kniehohe Stiefel und eine Weste im Kampf gegen das Böse nicht nur praktisch sind, sondern auch stylisch. Prinzessin Leia hat, seit ihrem allerersten Auftritt in Eine neue Hoffnung, vor allem in vielen (jungen) Frauen etwas ausgelöst – das zeigt der Fan-Kult, der von jeher um sie betrieben wurde. Dass das gelang, ist vor allem Carrie Fisher zu verdanken, die sich eine Figur, bei der eine Menge Potential verschenkt wurde, aneignete und sie mit Wärme und Witz füllte. Billie Lourd, Carrie Fishers Tochter, fasst zusammen:

„Ich merkte, dass Leia mehr ist als nur ein Charakter. Sie ist ein Gefühl. Sie ist Stärke. Sie ist Anmut. Sie ist Witz. Sie ist Weiblichkeit in ihrer schönsten Form. Sie weiß, was sie will, und sie bekommt es. Sie braucht niemanden, der sie verteidigt, weil sie sich selbst verteidigt. Und niemand hätte sie spielen können wie meine Mutter. Prinzessin Leia ist Carrie Fisher. Carrie Fisher ist Prinzessin Leia. Die beiden gehen Hand in Hand.“

Generalin des Widerstands

Das wissen auch die Macher*innen der neuen Star Wars-Trilogie (seit 2015), die Leia in Das Erwachen der Macht zur Generalin des Widerstands machten, ihr Macht und Autorität verliehen – und sie als Frau zeigten, die gelitten und verloren hat, die weiser, aber auch abgekämpfter ist. Der letzte Teil der aktuellen Star Wars-Trilogie, der am 19. Dezember in Deutschland anläuft, sollte ihr Film werden – Leias Film. So war es geplant. Das Erwachen der Macht erzählte Han Solos Geschichte zu Ende, Die letzten Jedi die von Luke Skywalker. Leias Geschichte wird nun anders erzählt werden als beabsichtigt, Carrie Fishers Tod kam zu früh und plötzlich. Aber sie wird erzählt werden.

Und ich werde aufgeregt, aber auch wehmütig im Kino sitzen. Aufgeregt, weil der Anblick von Prinzessin Leia in mir immer noch kindliche Freude auslöst. Wehmütig, weil durch Carrie Fishers Tod klar ist: Hier geht etwas definitiv zu Ende. Gleichzeitig gibt es noch so viel zu entdecken – über Leia, über Carrie. Vielleicht ist jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen, mal wieder The Princess Diarist zu lesen, Carrie Fishers unterhaltsamer und brutal ehrlicher Bericht vom Dreh des ersten Star Wars-Films. Oder die soeben erschienene Biografie Carrie Fisher. A Life on the Edge von Sheila Weller.

Ich möchte heute keine Prinzessin mehr sein. Aber ein bisschen so sein wie Prinzessin Leia, wie Carrie Fisher, wie diese humorvollen, warmherzigen, renitenten Frauen – das möchte ich schon.

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Ein Ode an Prinzessin Leia: „Sie ist ein Gefühl. Sie ist Stärke. Sie ist Anmut. Sie ist Witz. Sie ist Weiblichkeit in ihrer schönsten Form.“

  1. Marion

    Liebe Julia, vielen Dank für diesen Artikel. Ich bin großer Fan von Carrie Fisher, die mich beeindruckt hat, seit ich mit zarten 16 Jahren den ersten Star Wars Film 1978 im Kino gesehen habe. Wir haben am selben Tag Geburtstag, was ich als ein weiteres Zeichen für eine innere Verbindung werte. Sie hatte es sicherlich nicht leicht, als Tochter einer berühmten Schauspielerin und viele ihrer Probleme hatten ihren Ursprung in diesem spannungsgeladenen Aufwachsen. Ich liebe ihren Humor und die distanzierte Haltung, die sie zur Hollywood Scheinwelt aufgebaut hat, obwohl sie von diesem Business auch gelebt hat. Ihr Auftritt in den letzten Star Wars Teilen war so würdevoll und authentisch, daß ich im Kino Tränen in den Augen hatte. I will miss you …. beloved Princess.

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