Hanau – eine Leseliste

25.02.2020 Gesellschaft, Politik

Seit letzter Woche, seit am 19. Februar neun Menschen in Hanau ermordet worden, bin ich sprachlos. Mehrfach habe ich angesetzt, habe etwas aufgeschrieben, habe versucht, meine Sprachlosigkeit in Worte zu fassen. Es hat nicht funktioniert. Und das ist gar nicht schlimm, denn andere haben die mir fehlenden Worte gefunden. Sie haben klug, wütend und traurig über das, was in Hanau passiert ist, was in Deutschland gerade passiert, geschrieben. Ein paar dieser Texte und Gedanken habe ich hier zusammengetragen – die Liste darf und soll gerne im Kommentarfeld ergänzt werden.

Rapperin Ebow: „Es gibt einen tiefen Rassismus in Deutschland“

Ebow, bürgerlich Ebru Düzgün, veröffentlichte 2019 ihr drittes Solo-Album (u.a. mit dem Song K4L, was „Kanak for Life“ bedeutet). Im Interview mit dem Spiegel sagt sie:

„In erster Linie war es ein Anschlag auf rassifizierte Menschen. Alle wollen sich nun damit identifizieren und ein Teil davon sein, damit sie überhaupt Mitleid empfinden können. Aber es gibt einen gewaltigen Unterschied: Weiße Personen müssen sich jetzt nicht mehr Gedanken um ihr Leben machen, ich schon. Und deswegen war das eben kein Anschlag auf uns alle. Dennoch sind nun alle in der Pflicht, etwas zu verändern.“

Warum Hanau kein Anschlag „auf uns alle“ ist, darüber schreibt auch Fabienne hier auf This is Jane Wayne.

Deniz Utlu: Sie riefen in die Leere

Ebenfalls für den Spiegel hat der Autor Deniz Utlu einen berührenden Gastbeitrag geschrieben:

„Eine türkische Zeitung hat im Krankenhaus einen jungen Überlebenden interviewt, der sich als Muhammet vorstellt. Er erzählt, wie er an der Schulter getroffen wurde und auf einen anderen Verletzten gefallen ist, der aus dem Hals blutete. Er erzählt, wie sie ineinander verwoben lagen. Unter ihm einer. Auf ihm andere. Der mit der Schusswunde am Hals habe ihm gesagt: ‚Mein Bruder, ich spüre meine Zunge nicht mehr, ich kann nicht atmen, sprich das Gebet für mich.‘ Ich kannte das türkische Wort für Gebet nicht, das der junge Verwundete verwendet hat: Kelime-i şehadet. Ich habe mir das Video fünf Mal angeschaut, türkischsprachige Freunde angerufen, weil ich verstehen wollte, was er sagt. Er erzählt in dem Video, wie er und der Verletzte, auf dem er lag, gemeinsam aufriefen, das Gebet Kelime-i şehadet zu sprechen. Aber es kam keine Antwort. Sie riefen in die Leere. Alle anderen waren tot.“

Aida Baghernejad: Und am Ende steht Hanau

In der Spex befürchtet Aida Baghernejad – wohl leider zu recht –, dass auch der Anschlag in Hanau nichts am gesellschaftlichen Umgang mit Rassismus ändern wird:

„Na, sind alle schon zum business as usual übergegangen nach den Morden von Hanau? Haben sie den Anschlag schon wieder eingeordnet in der Schublade „irre Einzeltäter”, vielleicht garniert mit der Bemerkung „radikalisiert durch das Internet”? Sind die Opfer schon wieder in Vergessenheit geraten? Sitzen Gauland, Weidel, Meuthen und Co. schon wieder in den Talkshows? Schreibt die Bild wieder irgendwas über den bösen faulen „Ausländer”, Hans-Georg Maaßen über gefährliche Linke, Ulf Poschardt über die Korrelation zwischen Freiheit und Hubraum? Wurden die Angehörigen schon wieder allein gelassen? Mit ihrer Trauer, ihrem Verlust, ihrem Schmerz, ihrer Angst? Und wenn sich jemand von ihnen wehrt, Aufklärung fordert, fragt, warum Polizei und Verfassungsschutz nicht längst den Mörder unter Beobachtung hatten, findet man diese Person schon wieder irgendwie penetrant?“

Mit anderen Worten: Hat die Gesellschaft also mal wieder nichts, aber auch gar nichts gelernt?“

Georg Seeßlen: Das Making-of eines Rechtsterroristen

Für Zeit Online analysiert Georg Seeßlen, warum es falsch ist, rechtsextreme Täter wie den von Hanau nur als geistig krank abzutun:

„[B]eides, Psychose wie politische Radikalisierung entfalten das terroristische Potential ganz offensichtlich auf der Grundlage von Normalitäten und Gewohnheiten. Die Täter tun wirklich, wovon zu schwadronieren längst erlaubt, gewohnt und hingenommen ist. Man kann über die Täter des rechten Terrorismus nichts sagen, ohne von der Gesellschaft zu sprechen, die sie hervorgebracht hat.“

Auch Annette Ramelsberger greift in der SZ dieses Thema auf:

„Es sind, wie man jetzt im Fall des Hanauer Attentäters sieht, traurige Gestalten, die sich selbst durch ihre Taten erhöhen, die aus einem Loser einen Herrenmenschen machen wollen. Ob sie verrückt, verwirrt oder verbohrt sind – das ist nur ein gradueller Unterschied. (…) Im juristischen Sinne sind diese Menschen in den allermeisten Fällen verantwortlich für ihre Taten und schuldfähig.“

Dunja Ramadan: Die Saat geht auf

Ebenfalls für die SZ schreibt Dunja Ramadan über den allgegenwärtigen Rassismus in Deutschland – und was er für die davon Betroffenen bedeutet:

„Es ist eigentlich so einfach, Rassismus zu verstehen. Alle hören dieselben Worte. Dennoch macht es einen großen Unterschied, wer zuhört – oder anders gesagt: ob jemand von der Botschaft betroffen ist oder nicht. Wer nicht direkt angesprochen ist, muss die Botschaft entschlüsseln, er muss das Gesagte richtig einschätzen. Bei rassistischer Hetze haben sich viele Menschen viel zu lange nicht die Mühe gemacht, dies zu tun und die möglichen Folgen in Betracht zu ziehen. Andere rollen mit den Augen, winken ab, verharmlosen. Weil sie es sich leisten können. Doch wer gemeint ist, hört die Zwischentöne, verharmlost nicht, zieht die Botschaft nicht ins Lächerliche, sondern denkt an die möglichen Konsequenzen des Gesagten. Wer gemeint ist, hört nicht weg.“

Sheila Mysorekar: Warum die Opfer Namen brauchen

Im Interview mit Deutschlandfunk Nova erklärt die Journalistin Sheila Mysorekar, warum die Opfer von Hanau Namen sowie eine Geschichte brauchen:

„Es sollten Leute aus Einwandererfamilien in Deutschland getroffen werden. Das ist eine Gruppe, die ohnehin mehr oder weniger gesichtslos ist in Deutschland.“

Behlül Yilmaz: Brücken lassen sich nicht einseitig bauen

Deutschlandfunk Kultur hat mit Behlül Yilmaz, Leiter des muslimischen Arbeitskreises Hanau, gesprochen. Er sagt:

„Niemand kann sich seine Eltern aussuchen. Niemand kann sich seine Hautfarbe aussuchen. Niemand kann sich aussuchen, in welchem Land er geboren wird. Wir sind alle Menschen. Wir gehören zu diesem Staat.“

Armin Ghassim: Wie der Hass zur Tugend wird

Für das ARD-Magazin Panorama beleuchtet Armin Ghassim kritisch die Rolle der Medien, wenn es um die Berichterstattung über, beispielsweise, Shisha-Bars oder Verbrechen geht:

„Mit der Änderung des Pressekodex in Folge der Kölner Silvesterübergriffe 2015/2016 ist die deutsche Medienbranche eingeknickt vor den Vorurteilen und Ängsten von rechts und aus der Mitte. Die Herkunft von Straftätern wird nun nicht mehr nur dann genannt, wenn sie mit der jeweiligen Tat zu tun hat, sondern immer dann, wenn ‚ein begründetes öffentliches Interesse‘ besteht. Die Folge war abzusehen und ist mittlerweile auch wissenschaftlich belegt: Eine Explosion der Berichterstattung über Kriminalität von Migranten und Menschen mit Migrationshintergrund, völlig unverhältnismäßig zu ihrer tatsächlichen Repräsentation in Kriminalitätsstatistiken. Vergleichbare Verbrechen, wie etwa die Ermordung der Partnerin, werden nur dann zum Politikum, wenn der Täter einen Migrationshintergrund hat.“

Zum gleichen Thema: Die tagesschau erklärt, warum sie in ihrer Berichterstattung zu Hanau nicht den Begriff „Fremdenfeindlichkeit“ benutzt:

„Rassistische Taten sollten aber auch so benannt werden. Die unglaubliche Tat von Hanau war rassistisch. Punkt. Da gibt es keine Zweifel. An so einem Tag – gerade an so einem Tag wie gestern mit einer so schlimmen Tat – muss unsere Sprache korrekt sein und wir müssen klar sagen, was ist.“

Das Netzwerk Neue Deutsche Medienmacher lobt diese Art der Berichterstattung.

Yanni Fischer: „Schülerinnen und Schüler wollen reden“

Im Interview mit der Frankfurter Rundschau plädiert Yanni Fischer, Lehrer und hessischer Koordinator des Netzwerks Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage, dafür, den Anschlag von Hanau im Unterricht zu thematisieren:

„Ja, solche Themen müssen besprochen und behandelt werden. Die Emotionen und Ängste von Schülerinnen und Schülern müssen ernst genommen werden. Es muss ein Raum geschaffen werden, wo sie gefragt werden, wie es ihnen geht. Wo sie das, was sie beschäftigt, verarbeiten und einordnen können. Dabei sollte auch deutlich gemacht werden, dass rechter Terror kein Problem von Einzelnen ist, sondern dass er uns alle angeht und alle betrifft. Generell sollten Lehrkräfte aber nicht nur nach Ereignissen wie jetzt in Hanau reagieren, sondern das Thema Alltagsrassismus und Diskriminierung auch sonst aufgreifen und für die Erfahrungen der Schülerinnen und Schüler ansprechbar sein – und Handreichungen geben für ein couragiertes und solidarisches Handeln.“

Nelli Tügel: Wer ist ‚wir‘?

Für den Freitag war Nelli Tügel in Hanau und hat dort eine Kundgebung für die Opfer des Anschlags besucht:

„,Ich habe kein Vertrauen mehr in die Mehrheitsgesellschaft‘, sagt Semih Doğanay und senkt den Blick. Er schaut auf die Kerzen vor sich. Doğanay hat Freunde und Verwandte in Hanau, er lebt seit über 30 Jahren in Deutschland. Er ist müde, sagt er. Er hat nicht viele Worte, er knetet die Hände. ‚Was sollen wir tun?‘ Ich starte einen Versuch: ‚Auf dem Banner steht: alle zusammenstehen‘. Meine Stimme wird zum Ende des Satzes höher, so dass es nicht wie eine Aussage klingt, sondern wie eine Frage. Herr Doğanay seufzt. Als Merkel gesagt habe, ‚Wir schaffen das‘, hätten Leute empört zurückgefragt: Wer ist wir? Wer soll es schaffen? Jetzt heißt es: Wir stehen zusammen ‚und diesmal frage ich zurück‘, sagt er: ‚Wo? Wer ist wir?‘“

Stimmen aus den sozialen Medien

Die Journalistin Şeyda Kurt weist darauf hin, welche Bedeutung Shisha-Bars für ihre Besucher*innen haben können:

Ein Punkt, den auch Hengameh Yaghoobifarah betont:

Die Autorin Alice Hasters (Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten) schreibt:

„Stellt euch einen Tropfen vor, der aufs Wasser fällt und Kreise zieht. Der Tropfen ist diese Tat und die Kreise sind die Menschen, die Communities, die von ihr betroffen sind. Verortet euch dort, um zu verstehen wo eure Verantwortungen liegen und wer Unterstützung von euch braucht.“

(Ein TIJW-Interview mit Alice zu ihrem Buch und zu Rassismus in Deutschland findet sich hier.)

Die Journalistin Yasmine M’Barek macht darauf aufmerksam, dass Aktivismus zwar wichtig ist – aber dann problematisch, wenn er verpflichtend und nur von gewissen Menschen, nämlich zum Beispiel von Rassismus betroffenen, erwartet wird:

„Und ein Gedanken, der mir dazu kam, der schwer wiegt, bei dem ich nicht wusste ob ich ihn ansprechen sollte: In all dem Kampf um den Erhalt unserer Identität stagniert sie schlichtweg. Im ständigen Verteidigen und aufmerksam-machen vieler BiPoCs (zu denen ich mich an dieser Stelle nicht vorrangig zähle), sondern insbesondere die Menschen die Aktivismus zum Beruf gemacht haben. Wir sind Journalisten, Psychologen, Ärzte, Autoren, Arbeiter, Wissenschaftler. Aber Aktivismus wird zum verpflichtenden Part, aufmerksam machen, ständige Kämpfe, Gespräche, relativiert werden. Und das kann es nicht sein. Es dürfen nicht nur diese Leute sein. Der Punkt, dass ich etwas Antirassistisches sage, macht mich nicht zur Aktivistin, sondern realpolitisch zum Menschen der gelernt hat, wo Rassismus ist, und wie er (strukturell) funktioniert. Es gibt gar keinen anderen Weg als dies zu tun. Aber unsere Identitäten sind nicht die reine Aufklärungsarbeit.“


Und sonst noch:

Auch auf der gerade laufenden Berlinale wurde den Opfern des Anschlags gedacht. Die Schauspielerin, Filmemacherin und Autorin Maryam Zaree sagte: „Wir können das so nicht stehen lassen, uns ist nicht zum Feiern zumute.“

Die Moderatorin und DJ @wanalimar stellte die Ermordeten in den Mittelpunkt und posierte in einem weißen T-Shirt mit deren Namen darauf:

 
 
 
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Fotos: Isa Foltin/Getty Images for BVLGARI, Matthias Nareyek/Getty Images

Nike hat für This is Jane Wayne eine Liste mit Büchern zusammengestellt, die jetzt jede*r lesen sollte (mit tollen Ergänzungen im Kommentarfeld).

 

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