„OK, Boomer“ — Wie sich das Corona-Virus auf die Beziehung zu meiner Familie auswirkt

25.03.2020 Leben, Gesellschaft, box3

Das Corona-Virus (rebranded als #Covid_19) hat Auswirkungen auf uns alle. Auf unser Leben im Allgemeinen und unsere Jobs, Finanzen und Beziehungen im Speziellen. Überrascht hat mich aber doch, wie sehr das verdammte Virus meine Beziehung zu meiner Familie – vor allem zu meinen Eltern und Großeltern – beeinflusst. Dazu muss man wissen: Ich habe grundsätzlich ein gutes bis hervorragendes Verhältnis zu meiner Familie, telefoniere quasi täglich mit meinen Eltern, melde mich regelmäßig bei meinen Großeltern und stehe in ständigem Kontakt mit meiner Schwester. So weit, so gut. Nun ist da aber dieses Virus – und das sorgt dafür, dass ich mich im Umgang mit der lieben Familie plötzlich sowohl erwachsener als auch kindlicher fühle als sonst.

OK Boomer

Erwachsener weil, nun, meine Eltern sich angesichts einer globalen Pandemie erstaunlich uneinsichtig zeigen. Ein Problem, das nicht nur ich zu haben scheine: Eine angenervte Freundin berichtete davon, dass ihre Eltern weiterhin einen nächste Woche stattfindenden Geburtstag planen sowie ein großes Ostereiersuchen für die Enkel*innen, sich im Supermarkt zum Plausch mit Bekannten treffen und kritische Einwände mit einem fröhlichen „Wir passen doch auf!“ wegwischen. In einem New Yorker-Artikel mit dem schönen Titel Convincing Boomer Parents To Take The Coronavirus Seriously schreibt Michael Schulman über seine verzweifelten Versuche, seine Eltern zum Zuhausebleiben zu überreden:

“This role reversal was . . . novel. I still think of my parents as the grownups, the ones who lecture me about saving for retirement and intervene in squabbles with my little sister. It took a pandemic to thrust me into the role of the responsible adult and them into the role of the heedless children. I’m thirty-eight, and my mother and father are sixty-eight and seventy-four, respectively. Neither is retired, and both are in good shape. But people sixty-five and older—more than half of the baby-boomer population — are more susceptible to covid-19 and have a higher mortality rate, and my parents’ blithe behavior was as unsettling as the frantic warnings coming from hospitals in Italy.”

 
 
 
 
 
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Ein Beitrag geteilt von The New Yorker (@newyorkermag) am

Das Problem mit meinen Eltern ist, dass sie selbst durchaus davon überzeugt sind, alles richtig zu machen. „Wir bleiben zu Hause“ verkündeten sie gestern am Telefon. Der Ausflug in den Baumarkt, um Farbe für das Arbeitszimmer zu besorgen oder das Abendessen bei Freund*innen am Wochenende zählen für sie nicht, denn: „Wir halten Abstand!“ Dass Abstand halten in einer Privatwohnung, wo das listige Virus auf diversen Oberflächen lauern kann, keine Garantie dafür ist, dass man gesund bleibt – dieser Einwand meinerseits wurde mit beleidigtem Schweigen quittiert. Innerlich seufzte ich: OK Boomer. Dabei begreifen meine Eltern den Ernst der Lage sehr wohl, aber social distancing bedeutet für sie eben das, was sie darunter verstehen wollen. 

Als ich zu meinem 72-jährigen Vater sagte, er müsse aber wirklich auf sich aufpassen, kicherte (!) er: „Das ist ja nur für alte Leute gefährlich!“ Hö hö. Diese alten Leute aber, nämlich meine Großeltern, werden von meiner Mutter nahezu täglich besucht. „Ich warte nur darauf, dass Mama Oma und Opa mit Corona infiziert“ schrieb ich frustriert meiner Schwester und die antwortete: „Bitte beschwör es nicht!“ Darauf angesprochen, ob es denn wirklich sein muss, einer 87-Jährigen und einem 92-Jährigen in Zeiten wie diesen täglich einen Besuch abzustatten, kam, wie erwartet, eine verschnupfte Antwort: „Die brauchen ja Lebensmittel!“ Klar, aber Lebensmittel kann man auch vor die Tür stellen.

Plötzlich wieder Kind

Das alles macht mich langsam, aber sicher, verrückt. Zumal ich mir selbst in der Rolle der nörgelnden, vernünftigen Erwachsenen so gar nicht gefalle. In der Rolle des ewigen Kindes aber auch nicht – und genau darin finde ich mich dank Corona wieder zunehmend. Klar, in den Augen der Eltern und Großeltern wird man wohl nie so richtig erwachsen. Meine verstorbene Großmutter kniff auch sämtlichen Erwachsenen zur Begrüßung liebevoll (aber schmerzhaft) in die Wange: „Gut siehst du aus!“. Momentan aber fühle ich mich mehr als Kind denn je. Sprich: Alle machen sich Sorgen. Dass ich freiberuflich bin, findet in meiner Familie schon in normalen Zeiten niemand so richtig toll, weil, unsicher und überhaupt: die Rente! Nun ist da aber Corona und täglich erreichen mich besorgte Nachrichten meiner Mutter: „Brauchst du Geld? Sei ganz ehrlich!“ Ich weiß, was für ein enormes Privileg es ist, eine Familie zu haben, die mich finanziell unterstützen kann, sollte es notwendig sein. Aber ich will und werde schon klarkommen, das habe ich mehrfach betont. Ich habe dargelegt, wie ich finanziell für Krisenzeiten vorgesorgt habe, dass es momentan zwar nicht ideal, aber auch nicht ganz furchtbar ist. Ja, alle meine Veranstaltungen wurden abgesagt. Ja, das Geld fehlt. Aber ich lebe – glücklicherweise – nicht nur von Veranstaltungen.

Diese Dinge erkläre ich meiner Familie, wieder und wieder. Und trotzdem heißt es, wieder und wieder: „Wir machen uns Sorgen!“ Ich mache mir auch Sorgen. Und so sehr ich es schätze, dass meine Eltern mir helfen wollen – ernst genommen fühle ich mich von ihnen gerade nicht. Sie sind, so scheint mir, fest davon überzeugt, dass ich ihnen aus falschem Stolz etwas verschweige. Nämlich, wie schlimm es tatsächlich um mich bestellt ist. Meine Oma fragt sowieso seit Jahren, jedes Mal, wenn ich von einer meiner Veranstaltungen (eine Lesung, ein Vortrag) berichte: „Wirst du denn auch dafür bezahlt?“ Ja, Oma, werde ich, denn das ist mein Job. Warum, das scheint die ewige Frage zu sein, die meine Familie umtreibt, kann das Kind sich nicht einfach eine gutbezahlte Festanstellung suchen? Warum muss es darauf beharren, freiberuflich zu arbeiten? Man sieht ja, was dabei rauskommt!

 
 
 
 
 
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Ein Beitrag geteilt von Júlia Da Costa (@ajuliadacosta) am

Und so ist, dank Corona, momentan jedes Gespräch mit meiner Familie eine Art Verjüngungskur. Nie fühle ich mich mehr wie eine 12-Jährige, als nach einem Vortrag meines Vaters darüber, wie ich welche Finanzhilfen beantragen soll. Gleichzeitig lässt das Virus mich rasant altern – nicht nur, weil es mir Sorgenfalten in die Stirn gräbt, sondern weil ich mich selten (und in durchaus selbstgerechter Weise) verantwortungsvoller und erwachsener gefühlt habe. Wo wird das alles enden? Werde ich in ein paar Wochen oder Monaten blinzelnd ins Sonnenlicht treten, mit dem Körper einer 32-Jährigen und dem Gesicht einer 70-Jährigen? Wird im Verhältnis zu meiner Familie wieder alles so, wie es vor Corona war? Oder – und das ist meine Befürchtung – verstärkt Corona einfach gewisse Tendenzen und Konflikte, die sowieso schon da waren? Bei meiner Familie… und bei mir?

11 Kommentare

  1. Lisa

    Das kenne ich: Meine Mutter, 76, geht, wie es ihr beliebt, in den Supermarkt („ist eh keiner drin“) und lehnt alle Angebote, für sie einkaufen zu gehen, kategorisch ab. Mein Vater, 79, nicht mehr so mobil und aufgrund einschlägiger Vorerkrankungen sowieso Hochrisikogruppe, sieht nicht ein, warum nicht wie immer sein Friseur ins Haus kommen kann, um ihm sein Haar von 1,5cm auf 1,2cm zu stutzen, meine Schwiegermutter, 79, war einem Nervenzuzsammenbruch nahe, weil sie nicht in die Pasrfümerie gehen und ihr Marke-up wie immer kaufen konnte („aber das BRAUCHE ich und außerdem habe ich einen Gutschein“) – ich predige halt weiter vor mich hin.

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  2. Grace

    Same here! Am meisten sorgt sich meine WG um unsere sehr alten Nachbarn, die schon weit über 80 sind. Sie hatte gerade einen Herzinfarkt und kann sowieso nicht raus, aber er geht noch einkaufen. Ist ja auch das letzte an Freiheit was ihm geblieben ist…also wer kanns ihm verdenken. Und alles nach dem Motto: „Den zweiten Weltkrieg haben wir auch überlebt“. Was bleibt da noch zu sagen? Aber wir würden wirklich so gerne für sie einkaufen gehen, wenn wir jetzt schon nicht mehr regelmäßig rauf können. Aber gerade sind wir einfach schon froh, dass sie im 2. Stock nicht mehr die Fenster jede Woche putzt, puh.

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  3. Dami

    ich hab befürchtet, dass mich dein text genauso traurig macht, wie die meiste mediale berichterstattung über alte leute während dem corona virus – dem war aber nicht so, danke.
    es fing an mit texten, die versicherten, „dass der virus nicht so schlimm sei, es würden nur alte leute dran sterben“ (ich möchte aber auch nicht, dass alte menschen dran sterben!) und ging weiter zu texten, in denen sich darüber aufgeregt wird, dass alte einsame menschen noch alleine einkaufen gehen, obwohl man doch in seiner instastory verkündet hat, man würde für seine nachbarn einkaufen gehen, die müssen sich nur melden.
    finde die aktuelle situation sehr schwer. ich kann es absolut nachvollziehen, dass die plötzliche einsamkeit für alte menschen noch viel doller ist, als für jüngere, die sich mit netflix, tindergesprächen facetime-dinnerdates und spotifyplaylisten den tag über ganz gut beschäftigen können. trotzdem bin ich traurig, wenn ich ältere leute sehe, die mit handschuhen ihren rollator zum einkaufen fahren, sehe und trotzdem gehe ich auch für meine großeltern einkaufen, vermeide kontakt zu ihnen und bin froh, dass sie sich ihrer doppelten risiko-gruppen-zugehörigkeit bewusst sind und nur noch in den garten gehen. hoffentlich hält das alles nicht mehr so lang an.

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  4. Uschi

    Kleinigkeit und ein bisschen Klugscheißerei, aber: „Das Corona-Virus (rebranded als #Covid_19) hat Auswirkungen…“ Covid-19 ist der Name für die Erkrankung, die durch Sars-CoV-2 ausgelöst wird. Sars-CoV-2 ist mittlerweile als korrkte Nomenklatur für das Virus eingeführt.

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  5. Romy

    Liebe Julia, wie so oft in den letzten Tagen bin ich beim Lesen Deines Artikel zwischen lachen und weinen. Danke trotzdem oder gerade deswegen & fürs Nicht-einsam-fühlen beim gegenseitigen Sorgen in der Familie. Auf viel Gesundheit für all unsere (unbelehrbaren) Eltern!

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  6. Fine

    love it, feel it, danke für diese persönlichen Worte!! Gibt selten so momente wo ich den „Generation Gap“ so fühle wie momentan.

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  7. Michelle

    Bei meiner Familie ist es genau das Gegenteil. Meine zwei Tanten (eine leiblich, eine ihre Ehefrau) sind schon seit drei Wochen in absoluter Endzeitstimmung. Als ich vor drei Wochen erkältet in einem Skatepark saß und denen das erzählt habe, sind sie völlig ausgerastet, was mir denn einfalle. Schon ein paar Tage vorher begannen sie, mich mindestens stündlich mit den neuesten und wichtigsten Fakten und Links zuzuspammen (als ob ich das Wichtigste nicht auch so mitbekommen / lesen würde) und als ich ihnen sagte, dass ich das Thema relativ gelassen angehe (aber jetzt seit zwei Wochen auch Home Office mache, nur zum Einkaufen rausgehe und Freunde/Familie ewig nicht gesehen habe) reichte es ihnen auch nicht. „Die ignorante Jugend spricht aus dir“, musste ich mir anhören – dabei haben wir uns sonst eigentlich ganz lieb. Sehr komisch alles. Ach und eine der Tanten hortet übrigens Klopapier. I don‘t get it.

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    1. Michelle

      P.s.: Meiner Mama geht’s aber wie mir. Sie ist jetzt meine Verbündete (auf Distanz). 🙂

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  8. Claudine

    Ein hübsch geschriebener Text, aber wir alle, unabhängig, welcher Generation wir angehören, machen täglich Erfahrungen mit den Auswirkungen von Covid-19 auf unser Umfeld. Euch ärgern die „Boomer“ und noch ältere Menschen und es werden Geschichten gesammelt, die ihre Uneinsichtigkeit, Lächerlichkeit im Zusammenhang mit dem neuen Virus belegen sollen. Jede Generation hat aber ihre Uneinsichtigkeiten mit den neuen, freiheitseinschränkenden Gegebenheiten und ihre Mittel, sich persönlich darüber hinwegzusetzen. Jogger, auch in Gruppen, schnaufen Mitmenschen ins Gesicht, junge Männer trinken in großen Gruppen im Park Bier, Mütter mit kleinen Kindern rauschen angenervt,weil sie Ostern nicht wie gewohnt feiern können, schokoladezusammenklaubend durch die Supermärkte und halten keine Abstände ein, man feiert Coronapartys, die #boomerremover möchten gar durch absichtliche Ansteckung die unliebsame Generation vernichten bzw entmachten und freut sich offen über das Virus. Diese Hybris führt dazu, dass menschenverachtendes Verhalten sich etabliert: Junge husten den Alten absichtlich ins Gesicht. Sollten wir nicht aufhören, uns oder unsere Generation zu entlasten und immer den jeweils anderen Schuld zusprechen, sondern alle an einem Strang ziehen?

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