QuarantineReads #1 – Neun Bücher für alle, die gerade eigentlich viel zu müde zum Lesen sind

01.04.2020 Buch

Ich bin dieser Tage wahnsinnig froh über jedweden Anflug von positiver Energie und Optimismus, nie habe mich mehr nach Nonsense verzehrt, nach diesen raren federleichten Momenten, in denen der Kopf zwischen all den Gedanken an realen Bedrohungen endlich mal Pause machen darf. Nur sage ich euch ganz ehrlich: Hoffnungvolle Hashtags wie #QuarantäneAndChill sind für die meisten von uns doch nur eine wage, wenn auch herrliche Utopie, die wir aus den Sozialen Medien kennen, oder? Schonmal von gehört auf jeden Fall. Von Ying Yoga Live Sessions im Morgengrauen, stundenlanger Körperarbeit mit anschließendem Nackt-Töpfern oder selbstgebackenem Brot, das zwanzig Stunden reifen und währenddessen alle 40 Minuten gewendet werden muss. Nein, ehrlich. In meinem Ohren klingt das nach allem, was mir gerade wie warmer Honig erscheint, aber meistens muss ich da passen. Und mir ganz uneitel eingestehen: So wenig habe ich selten gebacken bekommen. Selbst das Lesen fällt mir mitunter schwer, dem Spagat zwischen Kinderbetreuung, Arbeit und allem, was Zuhause so anfällt, sei Dank. Nicht, dass wir es hier nicht schön hätten, ganz im Gegenteil. Diese gemeinsame Zeit ist kostbar. Und dennoch kann sie kräftezehrend sein. Deshalb habe ich für die 1. Ausgabe unserer #Quarantinereads ein paar Perlen aus meinem Bücherregal gezupft, die sich quasi wie von selbst lesen – sogar dann, wenn die Augenlider sich in Wahrheit nur noch nach Zahnstochern sehnen:

 

 1. Yrsa Daley-Ward  – Alles, was passiert ist 
    – übersetzt von Georg Runge

Yrsa Daley-Wards Worte sind einziger Rausch, sie schmerzen und euphorisieren, sie tragen uns an dunkle Ort und wieder hinaus, dorthin, wo am Ende eben doch immer alles gut wird, selbst wenn Narben bleiben:

„Dies ist die Geschichte von Yrsa Daley-Ward. Sie erzählt uns alles, was passiert ist. Auch die schrecklichen Dinge. Und die gab es weiß Gott. Sie erzählt uns von ihrer Kindheit im Nordwesten Englands, von ihrer wunderschönen, aber mit dem Leben hadernden Mutter Marcia, von deren Freund Linford, mit dem man mal Spaß, aber noch öfter Ärger hat, und von ihrem kleinen Bruder Roo, der sich in den Sternen am Himmel die ganze Welt ausmalt.

Sie erzählt vom Aufwachsen und davon, wie es ist, die Macht und Unheimlichkeit der eigenen Sexualität zu entdecken, von dunklen Stunden voller bunter Pillen und Pülverchen und von Begegnungen mit den falschen Leuten. Ja, sie erzählt vom Schmerz. Aber auch vom Glück.“

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 2. Elif Shafak – Unerhörte Stimmen 
    – übersetzt von Michaela Grabinger

Elif Shafak ist meinen Augen eine der begnadetsten Autorinnen unserer Zeit. Mit ihrem jüngsten Roman zeichnet sie nicht nur das berührendes Portait einer jungen Außenseiterin, sondern auch einer ganzen Stadt: Istanbul. Sie lauscht ebenjenen „unerhörten Stimmen“, die sonst sooft verschwinden, denen, die am Rande der Gesellschaft leben – und schreibt dabei in Wahrheit über nichts geringeres als Menschlichkeit und Courage in Zeiten, die nach kaum etwas dringender verlangen:

„So sehr Leila es auch dreht und wendet: Sie wurde ermordet. Wie konnte es zu dieser Tat kommen? Fieberhaft denkt sie zurück an die Schlüsselmomente ihres aufreibenden Lebens, an den Geschmack von gewürztem Ziegeneintopf aus ihrer Kindheit, an den Gestank der Straße der Bordelle, wo sie arbeitete, und den Geruch von Kardamomkaffee, den sie mit einem jungen Mann teilte, der zu ihrer großen Liebe wurde. Elif Shafak erzählt in ihrem neuen Roman von einer Frau, die am Rand der Gesellschaft Halt sucht, wo Freundschaften tief sind, aber das Glück flüchtig.“

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3. Angela Lehner – Vater Unser 

Wer „Vater Unser“ liest, fragt sich im Grunde permanent, ob das da gerade wirklich geschrieben steht, ob das sein kann, ob das nicht zu dolle ist, ob es sowas wirklich geben kann und wie wohl die Lehner tickt, die dieses Buch über eine keine Geisteskranke wohl ganz bestimmt schreiend vor lachen und weinend geschrieben haben muss, immer abwechselnd:

„Die Polizei hat sie hergebracht, in die psychiatrische Abteilung des alten Wiener Spitals. Nun erzählt sie dem Chefpsychiater Doktor Korb, warum es so kommen musste. Sie spricht vom Aufwachsen in der erzkatholischen Kärntner Dorfidylle. Vom Zusammenleben mit den Eltern und ihrem jüngeren Bruder Bernhard, den sie unbedingt retten will. Auf den Vater allerdings ist sie nicht gut zu sprechen. Töten will sie ihn am liebsten. Das behauptet sie zumindest. Denn manchmal ist die Frage nach Wahrheit oder Lüge selbst für den Leser nicht zu unterscheiden. In ihrem fulminanten Debüt lässt Angela Lehner eine Geistesgestörte auftreten, wie es sie noch nicht gegeben hat: hochkomisch, besserwisserisch und zutiefst manipulativ.“

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4. Dolly Alderton – Everything I know about love 

Everything I know about love habe ich während eines kurzen Urlaubs in Barcelona verschlungen. Denn das Buch ist ein leichtes, nicht kompliziert zu lesen, dennoch eloquent geschrieben, aber kein Hexenwerk. Man gleitet hindurch ohne zu stolpern, fragt sich zwischendurch, was da jetzt wohl noch kommen mag, aber dann: ein neuer Moment, neue Zeilen, die dich so fest in „Dolls“ Geschichte zurück saugen, dass ihr beide, Dolly und du, quasi eins werdet. Und überall diese kleinen Denkanstöße und all die aufkeimenden Fragen. Ob wir dieselben bleiben werden, wenn wir einmal groß sind, zum Beispiel. Und sich wirklich gar nichts ändern wird:

„When it comes to the trials and triumphs of becoming a grown up, journalist and former Sunday Times dating columnist Dolly Alderton has seen and tried it all. In her memoir, she vividly recounts falling in love, wrestling with self-sabotage, finding a job, throwing a socially disastrous Rod-Stewart themed house party, getting drunk, getting dumped, realising that Ivan from the corner shop is the only man you’ve ever been able to rely on, and finding that that your mates are always there at the end of every messy night out. It’s a book about bad dates, good friends and – above all else – about recognising that you and you alone are enough.“

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5. Sally Rooney – Normal People 

Was war ich glückselig, als ich bei einem Besuch in einem Londoner Buchladen das letzte Exemplar von Conversations with friends ergattern konnte, noch am gleichen Tag der Veröffentlichung, schließlich hatte ich mich seit Wochen auf diesen Moment gefreut. Mit viel Tee und Zigaretten setzte ich mich schließlich in die Sonne und hörte erst auf zu lesen, als alles vorüber war. Naja, jedenfalls fast. Ein paar Seiten spare ich mir meist auf, immer dann, wenn ich die ProtagonistInnen schon während des Lesens vermisse – in weiser Voraussicht sozusagen. Und dann kam „Normal People“. Hier scheiden sich, na klar, die Geister. Ist es nun besser oder viel schlechter als sein Vorgänger-Roman? Ich finde: einfach anders. Aber ganz bestimmt wunderbar. Und freue mich wie Bolle auf die geplante BBC-Serie zum Buch:

„Connell and Marianne grow up in the same small town in rural Ireland. The similarities end there; they are from very different worlds. When they both earn places at Trinity College in Dublin, a connection that has grown between them lasts long into the following years. This is an exquisite love story about how a person can change another person’s life – a simple yet profound realisation that unfolds beautifully over the course of the novel. It tells us how difficult it is to talk about how we feel and it tells us – blazingly – about cycles of domination, legitimacy and privilege. Alternating menace with overwhelming tenderness, Sally Rooney’s second novel breathes fiction with new life.“

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6. Emilie Pine – Notes to Self 

Emilie Pine schreibt mit einer derart entrüstenden Ehrlichkeit darüber, wie es ist, eine Frau im Jetzt zu sein, dass man beim Lesen ihrer Notes to Self mitunter schwer verwundert zurückbleibt – darüber, wie privat viele von uns sich doch geben, wie unsagbar verschlossen wir sind. Warum eigentlich? Wo es doch so viel zu erzählen und teilen gibt, Geschichten, die anderen Mut machen könnten. Weil wir eben niemals alleine sind. Weder in Trauer noch in unendlicher Freude:

In this dazzling debut, Emilie Pine speaks to the business of living as a woman in the 21st century – its extraordinary pain and its extraordinary joy. Courageous, humane and uncompromising, she writes with radical honesty on birth and death, on the grief of infertility, on caring for her alcoholic father, on taboos around female bodies and female pain, on sexual violence and violence against the self. Devastatingly poignant and profoundly wise – and joyful against the odds – Notes to Self offers a portrait not just of its author but of a whole generation.

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7. Rebecca Solnit – Wenn Männer mir die Welt erklären
   – übersetzt von Kathrin Razum, Bettina Münch

Rebecca Solnit schreibt das Offensichtliche mit einer derartigen Selbstverständlichkeit nieder, dass wir beim Lesen nicht selten peinlich berührt von unserem eigenen Brett vor der Birne zurückbleiben, vor dem permanenten Tapsen in den unendlichen Weiten der Normalisierung von sexistischem Gebaren. Mit dem Ende einer jeden Seite wollen wir uns an Stirn langen und laut schreien: Warum um alles in der Welt habe ich das nicht schon viel früher kapiert? Genau darin liegt wohl Solnits Stärke: Sie ist nicht kompliziert, sie ist explizit. Selten kommt sie mit bahnbrechenden, neuen Erkenntnissen um die Ecke, im Gegenteil: Sie beschreibt die Welt wie sie ist und hält ihr damit die eigene Fratze vor. Erschlagen wird man von diesem Buch dennoch nicht. Dafür aber ermutigt. Dazu laut zu werden und anderen unermüdlich zu erklären, was hier wirklich schief läuft.

„Ein Mann, der mit seinem Wissen prahlt, in der Annahme, dass seine Gesprächspartnerin ohnehin keine Ahnung hat – jede Frau hat diese Situation schon einmal erlebt. Rebecca Solnit untersucht die Mechanismen von Sexismus. Sie deckt Missstände auf, die meist gar nicht als solche erkannt werden, weil Übergriffe auf Frauen akzeptiert sind, als normal gelten. Sie schreibt über die Kernfamilie als Institution genauso wie über Gewalt gegen Frauen, französische Sex-Skandale, Virginia Woolf oder postkoloniale Machtverhältnisse. Leidenschaftlich, präzise und mit einem radikal neuen Blick zeigt Rebecca Solnit auf, was längst noch nicht selbstverständlich ist: Für die Gleichberechtigung von Frauen und Männern gilt es, die Stimme zu erheben.“

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8. Philipp Ruch – Schluss mit der Geduld 

Was wurde dieses Buch des Aktionskünstlers und Gründers des Zentrum für Politische Schönheit von den KritikerInnen zerrissen, keine Gnade ließen sie walten, nicht einmal für die besten aller Absichten. Und was wurde dieses Pamphlet in den Himmel gelobt, wie eine Bibel durch Kreuzberg getragen, verschenkt und besprochen, in jedem linken Winkel der Stadt. Ruch mag ein wenig selbstgefällig daher kommen, ja, er mag zu Übertreibungen und apokalyptischen Zukunftsszenarien tendieren, aber Unrecht hat er mit vielen seiner Gedanken meines Erachtens nach nicht, nein. Viel eher war das Lesen von Schluss mit der Geduld ein Genuss, eine Genugtuung, eine wütende Abrechnung mit all jenen, die lange nicht begreifen wollten, dass Nazis nunmal Nazis sind, auch wenn sie so aussehen als würden sie keiner Fliege etwas zu leide zu tun. Dass Nazis im Bundestag sitzen. Und dass das wirklich überhaupt gar keine gute Idee ist. Ich empfehle dieses Buch unbedingt, aber eben auch: Es mit der nötigen Distanz und einer großen Portion eigenem Hirn zu lesen. Aber keine Sorge: Die Seiten gehen trotzdem runter wie Butter:

„Rassismus, Fanatismus, Demokratiefeindlichkeit – es gibt reichlich und dringend Anlass, zu handeln. Doch viele meinen, nichts ausrichten zu können. Dabei kann jeder und jede etwas bewirken: Man kann gegen Rechtsradikalismus vorgehen. Man kann für den Klimaschutz kämpfen. Man kann die europäische Außenmauer einreißen. Man kann die Kinder in Syrien retten. WIR können das! Philipp Ruch zeigt, wie wir zum Glauben an die eigene Wirksamkeit zurückfinden, wie wir den Kampf ums Ganze auf den eigenen Alltag herunterbrechen können und welche konkreten Mittel in diesem Kampf tatsächlich die besten und wirkungsvollsten sind. Ein Buch gegen Unmenschlichkeit, Gleichgültigkeit, Ohnmacht und Entpolitisierung – ein leidenschaftlicher Aufruf zum Handeln.“

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9. Patti Smith – Just Kids 
    – übersetzt von. Clara Drechsler, Harald Hellmann 

Ihr werdet nun mit den Augen rollen und vielleicht so etwas sagen wie „Sorry, no news“, aber dieses Buch hat mich damals durch mein Studium getragen, geatmet habe ich es, geliebt und verehrt und wieder und wieder durchgeblättert, mir Sätze und ganze Seiten unterstrichen. Jedes Gefühl der Welt habe ich bestimmt zehnmal durchlebt, beim Lesen meine ich – ein Buch so intensiv und wild und frei wie das Leben eben sein sollte, wenn man noch so viel vor sich hat. Dazu stets: Horses, das beste Album von Patti, auf Platte. Und wieder: Ein tiefes Empfinden mit jedem Satz. So viel Liebe, so viel Freundschaft. Und immer wieder: Das Kaputte und die Tragik. Getragen von Patti Smiths grandiosem Schreibtstil, der aus ihrer Freundschaft zu Robert Mapplethorpe eine Geschichte für alle gemacht hat, die an sowas wie Seelenverwandtschaft glauben. Lest es, wenn ihr es noch nicht getan habt und verschenkt ist es jeden und jede, die noch das große Glück haben, „Just Kids“ zum allerersten Mal entdecken zu können:

„Patti Smith führt uns in das New York der frühen Siebzigerjahre, in eine Ära, die für sie vor allem von der tiefen Freundschaft zu einem Menschen geprägt wird: dem später zu Weltruhm gelangten Fotografen Robert Mapplethorpe. Just Kids erzählt die bewegende Geschichte zweier Seelenverwandter, die für und durch die Kunst leben, und entwirft zugleich ein betörendes Bild einer revolutionären Epoche. Als Patti Smith und Robert Mapplethorpe sich im Sommer 1967 in New York kennenlernen, sind sie beide 20 und ohne einen Pfennig in der Tasche auf der Suche nach einem freien Leben als Künstler. Eine intensive Liebesgeschichte beginnt, die später in eine tiefe Freundschaft übergeht. Von Brooklyn ziehen sie ins Chelsea Hotel, wo Patti Smith Bekanntschaft macht mit Janis Joplin, Allen Ginsberg, Sam Shepard, Todd Rundgren, Tom Verlaine und vielen anderen Künstlern. Patti Smith taucht ein in die Welt der Rockmusik und wird zu einer der einflussreichsten und stilprägendsten Künstlerinnen des Jahrzehnts. Auch wenn sich ihre Wege zwischendurch trennen, bleiben Patti und Robert bis zu dessen Tod im Jahr 1989 eng verbunden. Just Kids, halb Elegie, halb Romanze, entwirft ein so noch nicht gesehenes Bild einer aufregenden Epoche und besticht durch die Offenheit, Wärme, den feinen Humor und die große sprachliche Kraft, mit der Patti Smith erzählt. Radikal, zärtlich und unverwechselbar eigen ist hier die Künstlerin Patti Smith als Schriftstellerin zu entdecken. Mit zahlreichen Abbildungen aus dem Privatarchiv von Patti Smith und Robert Mapplethorpe.“

Hier entlang.

2 Kommentare

  1. Ellen

    Ich arbeite mich gerade durch diese Liste (danke!!) und angekommen bei Patti Smith frage ich mich, ob das Buch wohl besser in der englischen oder in der deutschen Version zu schmökern ist?

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