Unbequeme Wahrheiten: Ich bin so richtig müde.

02.04.2020 Leben, Kolumne

Mindestens jeder zweite Abend hat aktuell die Fähigkeit dazu, die beinharte Realität mit an den Esstisch zu tackern. Diese Realität legt sich dann erst über die Pasta, über das geöffnete Bier und schließlich über die gesamte Stimmung, die sich gerade doch noch so normal und ganz okay angefühlt hat, im Nu aber jedes ausgelassene Gemüt und jedes herzhafte Lachen völlig unangemessen erscheinen lässt. Es ist schon komisch, wie sehr und wie schlecht zugleich sich der Mensch an aktuelle Umstände gewöhnen kann. Und wie dann plötzlich nicht mehr jeden Tag, sondern nur noch jeden zweiten, dritten oder vierten ganz dumm aus der Wäsche geschaut wird, immer dann, wenn die Realität so richtig rein-kickt. Und mit ihr der Weltschmerz, die Wut und die Sorge ums Morgen.

Engel links, Teufel rechts

Zwei Seiten kämpfen nämlich aktuell um die Vorherrschaft meiner Gedanken. Die eine Seite ist bestimmt von purer Verzweiflung in Anbetracht der eigenen Situation. Geprägt von Frustration ob des abgesagten Urlaubs, dem Bangen um die finanzielle Zukunft, der Angst um die eigene Familie und von akuter Vermissung, denn eigentlich möchte ich seit Wochen nichts lieber, als meine Mutter umarmen. Von der anderen Seite ermahnt mich immer wieder eine Stimme, die eindringlich daran erinnert, wie gut ich es habe. Dass es besser wird, alles, dass WIR das schaffen und dass die eigenen Bedürfnisse nach Nähe, Freund*innen und Familie für das Allgemeinwohl genau jetzt in den Hintergrund treten müssen – damit WIR am Ende eben in halbwegs ganzen Stücken wieder hier rausfinden.

Ich bin so richtig müde

Ich glaube, es ist ok, davon zwischendurch richtig müde zu werden. Müde von den Nachrichten, von etlichen Memes über Tiger King bishin zu Quarantäne Bingo, von der IBB Warteschlange, den immer gleichen Bananenbroten auf Social Media, den Workouts, den Homeoffices. Den Geschichten über Telkos, Zoom-Fails und Klopapier. Ich bin müde von Linda Zervakis und Ingo Zamperoni. Von schlechten Neuigkeiten und dem guten Wetter, das trotz allem so viele auf die Straßen lockt. Ich bin richtig müde.

Natürlich könnte ich mich jetzt also eigenständig gegenüber all diesen Triggern und Reizen verschließen. Ich liebe es doch aber, Mäuschen zu spielen, erahnen zu können, wie andere den Ausnahmezustand handhaben und Fehlendes kompensieren. Nur ist es eben so, dass ich, wenn andere laufen gehe, Yoga machen und Pflanzen umtopfen, meist noch immer im Bademantel auf der Bettkante meine Fußnägel feile und nahezu lethargisch darauf warte, dass wirklich etwas passieren möge.

Privilegien vs. Subjektives Leid

Was genau da überhaupt passieren soll, weiß ich nicht. Generell weiß ich gerade sehr wenig. Nur, dass das Selbstmitleid hier eigentlich keinen Raum einnehmen sollte und sowieso keinem weiterhilft – und doch: subjektives Leid muss doch trotz alledem eine Daseinsberechtigung haben, oder?

Ich bin am Ende. Und dann kommen wieder Tage, die so stinknormal verlaufen wie ein gewöhnlicher Samstag, Sonntag, Brückentag oder dieser Urlaub auf Balkonien, der in der Vorstellung irgendwie ein bisschen romantischer daher kommt als in der Realität. Minuten später: alles auf Anfang. Weil da die Freundin ist, die Mutter oder die Schwester, die doch viel weiter als eine kleine Spritztour entfernt lebt.

„Ist nicht so schlimm, lass uns endlich wiedersehen, nur kurz um den Block auf 1,5 Meter Distanz“, „Ich will zu meinen Eltern, ich werde schon nichts haben“, „Ich gehe für die Tafel Schokolade noch mal eben zum Supermarkt“. Ich fühle alle Gefühle. Ich will das alles. Das Picknick auf dem Feld, das Bier auf der Bank, die Umarmung von Mami. Ganz bestimmt auch, weil mich der Gedanke daran, wann zur Hölle das nächste, das erste Mal in diesem Jahr wieder Zeit sein wird, um all diese Dinge zu machen.

Subjektives Leid, der Schmerz des Verzichts und die Wut auf das nicht-personifizierte Böse, haben sich seit dieser Woche in mir richtig breitgemacht. Lassen mich handlungsunfähig werden, zu viele Zigaretten rauchen, aus dem Fenster starren. Sie beschämen mich auch – weil ich so ein Glückspilz bin und ich mir die Selbstisolation so schön gestalten kann, wie ich eben will, weil noch Arbeit habe und jeden Morgen die kurzen peinlichen Pausen bei Zoom genießen kann, weil mich täglich gleich zwei ganz besonders tolle Teams durch die staubige Laptop-Linse anstrahlen.

Es wird vorüber gehen

„We will get through this, but I will suffer“, ist irgendwie der Kompromiss zwischen kleinen, vielleicht sogar neu entdeckten Alltagsfreuden und all diesen lähmenden Fragen. Im Moment ist nur eines wichtig: Diese Regungslosigkeit akzeptieren zu lernen, ganz gleich, wann sie sich anschleicht und wie lange sie verweilt. Es wird ein Ende der Isolation geben. Und wir können alle dabei helfen, dass es schneller geht. 

13 Kommentare

  1. Romy

    Danke für die Ehrlichkeit zwischen Ich-nutze-die-Zeit-zur-Selbstoptimierung. Da fühlt man sich weniger allein beim erschöpft & teilweise gelähmt sein vom Durchleben der verschieden Phasen.

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  2. Sara

    Es wird ja in diesen Tagen viel Lob ausgeschüttet an all die sogenannten Held*innen des Gesundheitssystems. Ich möchte an dieser Stelle mal den Spieß umdrehen und als Vertreterin ebendessen sagen: Danke. Danke, dass ihr zuhause bleibt, obwohl es manchmal schwer ist. Dass ihr die Isolation und die Langeweile und die Angst um die eigene Gesundheit und die der Liebsten zuhause ertragt, um uns die Arbeit ein bisschen einfacher zu machen. Wir wissen es zu schätzen. Es gilt für uns alle: noch ein bisschen durchhalten. Tag für Tag. We will get through this <3

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  3. Lia

    Ach danke. Es gibt diese “ es ist angenehm alleine zu sein und zu putzen und das Internet bietet genug und das ist jetzt eben unsere neue Realität“ – Tage. Und dann diese Momente wo alles aufreißt: verdammte kacke, das ist nicht normal. Das ist ein Albtraum, nur dass der vor einem halben Jahr nicht mal denkbar gewesen wäre. Was spüre ich? Ich hab den Faden zu mir selbst verloren. Aus Selbstschutz. Und dann jeden Morgen wieder alles auf neu und wieder lebbar. Bis am Abend dann wieder zu lange wach, der Überforderung wegen. Sie ist also doch da. Ist also doch nicht so ein Spaß alles. Kurzum es ist jetzt momentan schwierig zu begreifen was das ist: eine Extremsituation. Aber in meinem Fall wäre das auch nicht förderlich jetzt. Besser später einmal sagen, das war wirklich wirklich schlimm. Und dann die Frage wie wird dieses später? Am Abend habe ich bulimische Rückfälle, panikattacken und weiß nicht wie weiter. sage mir verdammt ich brauche jemanden der mich in die arme nimmt und ich schreie innerlich ich will meine “ normalität“ zurück. Am schlimmsten ist es zu sehen wie diese für mich nur “ kleinen Veränderungen“ ( denn ich bin gottseidank privilegiert eine Wohnung zu haben und gehöre nicht zur Risikogruppe was den Virus betrifft) alles aushebeln. Es ist kompliziert wer nicht vom Virus betroffen ist, ist mitunter von den psychischen Folgen dieser Zeit betroffen. Und ich bin der Meinung, dass es auch unter den Isolierten Risikogruppen gibt. ( ohne jetzt zwischen Risikogruppen vergleiche zu ziehen!!!) Und selbst wer als an und für sich “ psychisch gesunder“ in das Ganze hineingegangen ist ist jetzt mit seiner eigenen Vulnerabilität konfrontiert. Und wie du schreibst es sind jetzt Ermüdungserscheinungen. Denn wem muss ich etwas beweisen, ganz ehrlich es gibt auch viel Schönes und Tragikkomisches in der ganzen Sache. Aber nun in der dritten Woche denke ich nur, lass mich das lebend überstehen. Und psychisch halbwegs unbeschadet. Das war der ehrlichste Text den ich jemals im Internet geschrieben habe. Und danke, danke Fabienne. Als ich deinen Text gelesen habe hatte ich Panikattacken. Danke, dass du es mit deinem Text geschafft hast zumindest mich aus dieser psychischen Isolation zu holen!

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  4. hirndiva

    Ich frage mich wieso niemand über die Menschen ( Frauen ) spricht, die unter ungewöhnlichen Bedingungen die Kinder der Eltern in systemrelevanten Berufen weiterhin betreuen…….meine Kolleginnen und ich. Also mach ich das jetzt an dieser Stelle. DANKE

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  5. Pingback: Montags-Update #252: Hallo Frühling! - Josie Loves

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