#CoronHaar Chat: Blonde Pony-Strähnen – Julia, traust du dich?

01.05.2020 Beauty, Leben

NIke:

Julia, du weißt ja: Die Selbstoptimierung genießt in Zeiten von Corona einen sauschlechten Ruf. Warum, verstehe ich bis heute nicht so ganz, aber dazu später vielleicht mehr. Jedenfalls postete die Autorin Giulia Becker („Das Leben ist eins der Härtesten„) aka @schwesterewald neulich das genaue Gegenteil von Homeoffice-Perfektion, nämlich ihr herausgewachsenes #Coronhaar. Das war herrlich und wirkte befreiend, weil die Community dazu aufgerufen war, es ihr gleich zu tun. Im Kollektiv wurde da schließlich jede bescheuerte Eitelkeit über Bord geworfen. Aber auch sonst ist die Quarantäne-Frisur ein beliebtes Thema. Sogar mein Zottel-Freund hat sich sein Haar irgendwann abrasiert. Viele sagen dann: „Weil mich ja eh niemand sieht“. Wäre es nicht schön, würden wir mit unserem Haar immer anstellen, wonach uns der Sinn steht? Getreu dem Motto „Dance like nobody’s watching“? 

Naja, jedenfalls wird mir auch schnell langweilig auf dem Kopf. Und ich glaube, es wird mal wieder Zeit für Veränderung. Da musste ich auch an dich denken. An unsere gemeinsame Vorliebe für, nunja, blonde Front-Strähnchen. Klingt erstmal daneben, ist es vielleicht auch, aber egal.

Julia:

Ich schalte derzeit ehrlicherweise auf Durchzug, wenn ich von „Selbstoptimierung in Corona-Zeiten“ höre, aber ich bin gespannt, was du dazu sagst. Was das Corona-Haar betrifft: Meines ist gerade schwarz-braun gescheckt, weil sich meine Tönung zum größten Teil herausgewaschen hat – ich wäre also definitiv bereit für blonde Strähnchen! Ein bisschen Angst habe ich ja noch, aber nachdem ich auf dieses Foto der Künstlerin Chloe Wise gestoßen bin, möchte ich es noch ein bisschen mehr:

 
 
 
 
 
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Ein Beitrag geteilt von Chloe Wise (@chloewise_) am

Nike:

Ich möchte dir hiermit Mut machen. Tu es, bitte, denn wenn nicht du, wer sonst? Nachdem ich so große Angst davor hatte, mir mein Haar blond zu färben, vor etwa zwei Jahren, bloß, um es am Ende dann sogar Blaugrün durch die Welt zu tragen, weiß ich: Wir nehmen uns da alle ein bisschen zu ernst. So viele Freiheiten bleiben uns doch gar nicht in diesem Leben. Ich sage nicht, dass das per se schlecht ist, denn Einschränkungen und Regeln helfen auf jeden Fall auch dabei, diese irre Menschheit ein Stückweit in Zaun zu halten, aber wenn wir uns sogar vor dem Ausleben dieser eher nichtigen „Freiheiten“ fürchten, dann will ich gar nicht wissen, wovon unsere Ängste uns noch abhalten. Vor allem wohl die Angst, nicht dazuzugehören. Nicht so richtig rein zu passen. Oder eben anzuecken. Angst vor dem „Was denken die anderen über mich?“. Aber schau doch nur, wie mystisch und interessant uns gar nicht ballaballa so eine blonde Strähne ausschauen kann:

 
 
 
 
 
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Ein von @sashapanika geteilter Beitrag am

Und jetzt sag mal, warum haderst du mit dir? Ich weiß ja schließlich, dass du seit Wochen davon träumst.

Julia

Hah, da hast du meine Ängste aber bestens beschrieben. Vor einiger Zeit habe ich sogar mal von der Last, allen gefallen zu wollen, geschrieben. Natürlich hast du aber mächtig recht, mit dem, was du da sagst. Weißt du, es liegt tatsächlich daran, dass man ständig verurteilt und bewertet wird und ich mich dem gerne entziehen würde. Was mir nämlich auch aufgefallen ist: Seit ich denke, dass mich ja sowieso niemand sieht, habe ich mir die Haare Schwarz gefärbt, liebäugele mit blonden Strähnen, trage häufiger Lippenstift und hülle mich sogar wieder in Kleidung, die fernab von Schwarz oder Weiß liegt. Dabei ist es doch wirklich doof, dass es erst so eine Ausgangssperre geben muss, um mich zu trauen. Hat sich da auch etwas bei dir verändert? Was das Bild betrifft: Mensch, da bekomme ich wieder Lust auf Sabrina und mystische Hexenserien — diese einzelne Strähne solltest du ganz unbedingt umsetzen, die würde super zu deiner Glitzerbrille passen. Und falls du doch mal wieder Lust auf Farbe bekommen solltest, kannst du die Strähne ja auch in Rosa tunken.

 
 
 
 
 
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Ein Beitrag geteilt von Vickey (@irl.fairy) am

Nike: 

Weißt du, wie bereichernd ich es gerade empfinde, zu hören, welche positiven Seiten du dieser Isolation abgewinnen kannst? Und damit meine ich nicht Utopien à la „Ich lerne jetzt chinesisch“, sondern vielmehr die Auseinandersetzung mit dir selbst und eigenen Bedürfnissen, mit dem, was du magst – fernab von Erwartungen, die die Außenwelt an dich richtet. Das klingt beinahe nach einer Art Befreiungsschlag.

Weil du gefragt hast: Auch ich merke, dass ich gerade etwas femininer und bunter gekleidet bin oder zu üppigeren Accessoires wie etwa großen Schlapphüten greife. Nicht, dass ich mich das normalerweise nicht trauen würde, aber oft fehlt mir die Energie, mich auf die darauf folgenden Diskussionen einzulassen. Ich bekomme über Social Media relativ häufig mitgeteilt, dass die ein oder andere Person sich darüber wundert, wie jemand, der schöne Kleidung und schöne Möble mag Feministin und politisch sein kann. Ich würde dann am liebsten antworten: Kapiere die Frage nicht. Auch, weil sie nicht zuletzt ein ein weiteres Ungleichgewicht aufzeigt. Oder werden z.B. männliche Vorstandsvorstände je gefragt, weshalb sie sich do dermaßen für Fußball interessieren?

Und trotzdem trage ich bei Podiumsdiskussionen tendenziell schwarze Rollkragenpullover oder kantige Blazer. Um ein bisschen mehr unterzugehen und auch, weil ich sonst gefühlt dreifach abliefern muss, um ernstgenommen zu werden. Blonde Strähnchen könnten also durchaus als Sozialexperiment durchgehen: Wie wird deine Umwelt auf die reagieren, dich behandeln? Würdest du dein Haar genauso tragen, wärest du gerade auf Wohnungssuche? Sowas eben. Ganz schnell merkt man da doch: Fuck, ich bin ja wirklich abhängig von der Meinung anderer. Geht es dir ähnlich?

 

 
 
 
 
 
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Ein Beitrag geteilt von Chloe Wise (@chloewise_) am

Julia:

Manchmal müssen es eben erst andere vormachen, bevor man merkt, dass es ja doch gar keine so schlechte Idee ist — auch, wenn es bloß um Haare geht. Ich kann mir jedenfalls vorstellen, dass es auch bei deinem Pony toll aussehen wird. Und wenn nicht: Es sind Haare und letztlich tragen wir ihnen sowieso schon viel zu viel Bedeutung zu (ich schließe mich da gar nicht aus).

Und ja, durch die Isolation ist man durchaus gezwungen, sich mit sich selbst auseinander zu setzen, was ich generell als wahnsinnig wichtig empfinde. Ich glaube aber auch, dass es helfen kann, neue Dinge (zum Beispiel mögliche Hobbys) auszutesten — solange man es denn eben macht, weil man selbst Lust darauf hat und nicht, weil man glaubt, andere würden es von einem verlangen.

Das mit deinen Outfits finde ich wahnsinnig spannend und erinnert mich (bezogen auf die Panel Talks) ein wenig an dämliche Aussagen über Frauen, die dem standardisierten, westlichen Schönheitsbild entsprechen und „dann auch noch schlau sind“. Da wird dann immer so getan, als wären das Dinge, die nicht zusammenpassen würden. Letztlich ist es doch aber völlig egal, wie wir aussehen, was wir tragen oder welche Haare wir auf dem Kopf haben. Ich verstehe dich aber natürlich trotzdem, man möchte es sich ja selbst nicht noch schwieriger machen — andererseits sollten wir vielleicht auch einfach mal mutig sein? Und: Ja, ich bin in jedem Fall von der Meinung anderer abhängig, auch, wenn ich derzeit versuche, daran zu arbeiten. Aber mal ehrlich, wie genau schafft man das? 

Nike:

Wenn ich das nur wüsste. Obwohl ich behaupten kann, mit der Zeit relativ immun gegenüber der Meinungen anderer geworden zu sein. Es stimmt also, was du sagst: oft ist da, zumindest in meinem Fall, vielmehr Bequemlichkeit als Unsicherheit im Spiel. Der Satz „Ich würde mich niemals trauen, dieses oder jenes zu tragen (und sei es eben diese Frisur), macht mich trotzdem traurig. Und meine Güte, was höre ich ihn oft. Warum? Weil der Mensch so verrückt danach ist, andere zu bewerten.

Klar, dass viele von uns also auch selbst Angst davor haben, Opfer dieser Bewertungen zu werden. Vielleicht auch, weil wir tendenziell zu negativen Beurteilungen neigen. Dem liegt wohl eine ziemlich simple Erklärung zugrunde: Die Auswahl der schlechten Eigenschaften, auf die wir uns nach einer kurzen Begegnung beziehen können, ist schlichtweg größer. Nett, sympathisch, lustig sein – das kann ja fast jeder. 

 
 
 
 
 
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Ein Beitrag geteilt von Brittany Xavier (@brittanyxavier) am

Ist das nich verrückt? Diesen Mechanismus habe ich mir in den vergangenen Jahren übrigens aktiv abtrainiert. Ich habe aktiv meinen Mund gehalten, wenn ich lästern wollte. Aktiv meinen Eindruck hinterfragt. Jedes Mal. Und es klappt: Man verbannt diesen toxischen Müll damit nicht nur aus der Gewohnheit, sondern auch aus dem Kopf. Käme mir jetzt etwa Brittany Xavier entgegen, würde ich nicht mehr denken „Upsi, bestimmt eingebildet“ (wie man das mit 14 so macht), sondern, pardon, „GEIL“. Ehm, verstehst du, was ich meine?

Julia: 

Du hast so recht! Ich habe mir das Lästern auch abgewöhnt und überlege stattdessen, warum mir negative Dinge überhaupt in den Sinn kommen. Ja, natürlich gibt es Menschen, die unfreundlich sind oder es in diesem Moment waren und durchaus gibt es Dinge, die mir nicht gefallen, wenn es aber um Äußerlichkeiten geht, dann doch oftmals, weil wir von kleinauf gelernt haben, dass etwas „nicht schön“ oder „unästhetisch“ ist. Ansonsten habe ich gemerkt, dass es eben doch oft mit den eigenen Unsicherheiten zu tun hat, weil man eingeschüchtert ist oder sich manche Dinge auch gerne trauen würde — vor allem, wenn es um andere Frauen geht. Früher habe ich in meinem damaligen (ausschließlich weiblichen) Freundeskreis Lästereien meist dann mitbekommen, wenn es um Frauen ging, die von Männern angehimmelt wurden. Bei dem Bild von Brittany Xavier denke übrigens auch „GEIEL“ — da fällt mir ein: Die Haarfarbe bzw. das Strähnchenkit stehen bereits in meinem Badezimmer bereit.

 
 
 
 
 
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Ein Beitrag geteilt von Poppy Almond (@poppyalmond) am

Nike:

Bei mir auch! Sollen wir es einfach wagen? Weißt du, ich bin Fan von solchen Experimenten und auch von jeglichen Frisuren, die ein wenig schräg aussehen. Mikro-Ponies, Mullets, sowas. Auch, weil mich beim Anblick stets das Gefühl beschleicht: Da hat jemand etwas nur für sich selbst getan. Ein wenig rebelliert. Auf Ideale geschissen. Und ignoriert, was die heteronormative Gesellschaft als „hübsch“ bewertet. Klar kann man jetzt mit der Ego-Keule um die Ecke kommen behaupten, es ginge am Ende trotzdem nur darum, interessant zu wirken. Ich möchte dem entgegenbringen: Was wäre denn so schlimm daran? Ist es falsch, sich schön zu fühlen, weil man langes, gesundes Haar trägt? Wohl auch nicht. Im Gegenteil. Also beides. Ich liebe es, wenn Menschen Markenzeichen tragen. Dicke Brillen, komische Frisuren, was auch immer. Wo wir wieder beim Anfang wären: Wir haben doch nur dieses einen Leben. Diesen einen Körper und diesen Kopf. Also los, Julia. Einfach machen. Oder?

Julia

Ja, bitte! Rebellion auf dem Kopf war bereits als Teenager mein einziges Mittel, um mich von meiner konservativen Erziehung zu befreien (blondes Haupthaar trug ich voller Stolz zu meinen besten Myspace-Zeiten) und bringt mir noch heute Spaß. Ich freue mich auf das Ergebnis — ganz gleich, wie lange es hält, hah! PS: Pics or it didn’t happen!

 
 
 
 
 
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Ein Beitrag geteilt von Brittany Xavier (@brittanyxavier) am

 
 
 
 
 
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Ein Beitrag geteilt von Sable Yong (@sabletoothtigre) am

3 Kommentare

  1. Romy

    Wenn nicht jetzt, wann dann?! Auch wenn ich persönlich Vergangenheits-beschädigt bin, da ich solche Strähnen – damals à la Geri Halliwell – selbst in meinen Jugendjahren trug.

    Antworten
  2. Cate

    haha, blonde Strähnen ums Gesicht hatte ich Ende der achtziger, leider gibts aus der Zeit keine Bilder, aber es sah sicher kreativ aus 😉

    viel Spaß euch mit den Frisurenexperiementen und nicht bewerten ist ein super Weg, den man auch für sich selber geht

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