5 Bücher, die ich im Sommer lesen werde

22.06.2020 Buch, box1

Ich bin derzeit eine schrecklich undisziplinierte Leserin, immer müde, meistens viel zu abgelenkt und ungeduldig noch dazu. Weil so viel los ist, da draußen, aber auch in mir drin. Deshalb verschlinge ich mal hier ein paar Zeilen und mal dort, aber bis das alles, was da gerade vor mir liegt, wirklich durchgelesen ist, wird vermutlich ein ganz Sommer vergehen.

* Triggerwarnung: Die vorgestellten Bücher enthalten teilweise Schilderungen über rassistische Gewalt und (körperliche) Gewalt gegenüber Frauen*

Ein Sommer, der mich aufgrund der vielen neu entdeckten Autorinnen aber ganz freudig stimmt. Ich hoffe so sehr, ein wenig zur Ruhe zu kommen, gemeinsam mit meiner kleinen Familie. Auch, bevor die Schule los geht. Ich hoffe, auf ein paar konzentrierte Stunden am See mit Olivia Wenzel, auf Zeit im Park nur mit mir und Candice Carty-Wiiliams, auf Frühstücks-Crossaints mit Mary MacLane und düstere Sommernächte mit Adeline Dieudonné. 

Nun ist es so, dass um „1000 Serpentinen Angst“  von Olivia Wenzel etwa überhaupt kein Weg mehr vorbei führt – auch ihr habt mir in persönlichen Nachrichten und Kommentaren schließlich immer wieder dieses meisterliche Debüt ans Herz gelegt. Längst gilt Wenzels Erstlingswerk als eines der wichtigsten deutschsprachigen Bücher des Jahres – es wird also Zeit.

 

Mit Jia Tolentinos Essay-Sammlung „Trick MIrror“ habe ich hingegen bereits begonnen. Und ich bin tatsächlich ein bisschen sprachlos. Jedes Kapitel ist so klug, so einnehmend und rasant geschrieben, dass ich manchmal das Gefühl habe, regelrecht von Tolentinos Worten durchgeschüttelt zu werden. Als würde die Autorin meinen Kopf zwischen ihre Hände nehmen und mit eindringlicher Stimme flüstern: Hör zu. Weil es um so vieles geht, um das Heute, um das Ich, das Ego und das Internet, um das Patriarchat, Gewalt, Liebe, Ecstasy und Social Media, es geht um Heldinnen, Politik und Trump, um die Optimierungssucht unserer Zeit und tausend Fragen. Tolentino hinterfragt und macht Mut, ist radikal ehrlich. Und die vielleicht wichtigste Essayistin unserer Zeit. Kritiker*innen weltweit meinen: Jia Tolentino ist Rebecca Solnit, Joan Didion und Susan Sontag zugleich, sozusagen die neue Intellektuelle der Millenials. Ich glaube, das ist nichtmal übertrieben. Und bin dankbar, diese einmalige Stimme für mich entdeckt zu haben.

Aber jetzt noch kurz zu Mary MacLane. Ich fasse es nämlich nicht: Gerade einmal 21 Seiten habe ich mir bisher aus ihrem Manifest weiblicher Selbstermächtigung zu Gemüte geführt, aber ich verstehe schon jetzt, weshalb die Welt damals, 1902,  bebte, als die 19-jährige Mary ihr Buch veröffentlichte. Und auch, weshalb wir MacLane und ihre starke Position gerade jetzt wiederentdecken. Sie scheint zweifelsohne eine scharfe Beobachterin, eine Philosophin und brillante Autorin gewesen zu sein. Eine, die mit einem lauten Donnerwetter gegen die Welt rebellierte, in der sie lebte. Sie hasste die Ödnis ihrer Zeit, aber liebte ihren Körper. Wollt mehr, oder gar: alles. In „Ich erwarte die Ankunft des Teufels“ zeigt sie sich überheblich, eingebildet, gelangweilt und doch: verletzlich und sauschlau. Vielleicht macht genau das die Faszination aus. Mary MacLane wollte überhaupt nicht gefallen. Aber sie wollte ein Star werden – ihrer selbst attestierten Genialität wegen. 

Alle Bücher für den Sommer auf einen Blick:

1000 Serpentinen Angst von Olivia Wenzel:

»Ich habe mehr Privilegien, als je eine Person in meiner Familie hatte. Und trotzdem bin ich am Arsch. Ich werde von mehr Leuten gehasst, als meine Großmutter es sich vorstellen kann. Am Tag der Bundestagswahl versuche ich ihr mit dieser Behauptung 20 Minuten lang auszureden, eine rechte Partei zu wählen.«

Eine junge Frau besucht ein Theaterstück über die Wende und ist die einzige schwarze Zuschauerin im Publikum. Mit ihrem Freund sitzt sie an einem Badesee in Brandenburg und sieht vier Neonazis kommen. In New York erlebt sie den Wahlsieg Trumps in einem fremden Hotelzimmer. Wütend und leidenschaftlich schaut sie auf unsere sich rasant verändernde Zeit und erzählt dabei auch die Geschichte ihrer Familie: von ihrer Mutter, die Punkerin in der DDR war und nie die Freiheit hatte, von der sie geträumt hat. Von ihrer Großmutter, deren linientreues Leben ihr Wohlstand und Sicherheit brachte. Und von ihrem Zwillingsbruder, der mit siebzehn ums Leben kam. Herzergreifend, vielstimmig und mit Humor schreibt Olivia Wenzel über Herkunft und Verlust, über Lebensfreude und Einsamkeit und über die Rollen, die von der Gesellschaft einem zugewiesen werden.

Queenie von Candice Carty-Williams:

Queenie Jenkins is a twenty-five-year-old Jamaican British woman living in London, straddling two cultures and slotting neatly into neither. She works at a national newspaper, where she’s constantly forced to compare herself to her white middle class peers. After a messy break up from her long-term white boyfriend, Queenie seeks comfort in all the wrong places…including several hazardous men who do a good job of occupying brain space and a bad job of affirming self-worth.

As Queenie careens from one questionable decision to another, she finds herself wondering, “What are you doing? Why are you doing it? Who do you want to be?”—all of the questions today’s woman must face in a world trying to answer them for her.

Ich erwarte die Ankunft des Teufels von Mary MacLane, übersetzt von Ann Cotten:

MacLane war völlig unbekannt, als sie 1902 ihr erstes, im Tagebuchstil verfasstes Buch veröffentlichte. Es wurde zum Skandal und seine Autorin zum Star. Reporter aus den Metropolen pilgerten in ihre Heimatstadt, Cocktails und Sportmannschaften wurden nach ihr benannt. Ihr Name wurde zum Inbegriff für rebellische junge Frauen.

Die 19-jährige Mary MacLane wünscht sich Napoleon oder am besten gleich den Teufel als Liebhaber. Sie träumt von einer Revolution, während sie mit ihren Mitmenschen im provinziellen Montana genauso wenig anfangen kann wie mit ihren häuslichen Pflichten und der kargen Landschaft. Mary fühlt sich einsam auf der Suche nach sich selbst und dem guten Leben – und feiert trotzdem kraftvoll das eigene Ich.

Auch über 100 Jahre später fasziniert es ungemein, wie virtuos und selbstverständlich Mary MacLane sämtliche Konventionen über den Haufen wirft, wie sie zwischen Größenwahn und Todessehnsucht, Resignation und Euphorie tänzelt. Zum ersten Mal in deutscher Übersetzung.

Eine Reihenhaussiedlung am Waldrand, wie es viele gibt. Im hellsten der Häuser wohnt ein zehnjähriges Mädchen mit seiner Familie. Alles normal. Wären da nicht die Leidenschaften des Vaters, der neben TV und Whisky vor allem den Rausch der Jagd liebt.

In diesem Sommer erhellt nur das Lachen ihres kleinen Bruders Gilles das Leben des Mädchens. Bis eines Abends vor ihren Augen eine Tragödie passiert. Nichts ist mehr wie zuvor. Mit der Energie und der Intelligenz einer mutigen Kämpferin setzt das Mädchen alles daran, sich und ihren Bruder vor dem väterlichen Einfluss zu retten. Von Sommer zu Sommer spürt sie immer deutlicher, dass sie selbst die Zukunft in sich trägt, wird immer selbstbewusster – ihr Körper aber auch immer weiblicher, sodass sie zusehends ins Visier ihres Vaters gerät.

Achtung: „Ein Roman, härter und brutaler und grausamer als jeder mir bekannte Thriller. Ein Roman, der mit Peitschenhieben durch die Seiten treibt. Ein ganz und gar unglaublicher Debüt-Roman, der absolut nicht geeignet ist für empfindsame Leser*innen.“

Das wirkliche Leben von Adeline Dieudonné, übersetzt von Sina de Malafosse:

Trick Mirror von Jia Tolentino:

Jia Tolentino is a peerless voice of her generation, tackling the conflicts, contradictions, and sea changes that define us and our time. Now, in this dazzling collection of nine entirely original essays, written with a rare combination of give and sharpness, wit and fearlessness, she delves into the forces that warp our vision, demonstrating an unparalleled stylistic potency and critical dexterity.

Trick Mirror is an enlightening, unforgettable trip through the river of self-delusion that surges just beneath the surface of our lives. This is a book about the incentives that shape us, and about how hard it is to see ourselves clearly through a culture that revolves around the self. In each essay, Tolentino writes about a cultural prism: the rise of the nightmare social internet; the advent of scamming as the definitive millennial ethos; the literary heroine’s journey from brave to blank to bitter; the punitive dream of optimization, which insists that everything, including our bodies, should become more efficient and beautiful until we die. Gleaming with Tolentino’s sense of humor and capacity to elucidate the impossibly complex in an instant, and marked by her desire to treat the reader with profound honesty, Trick Mirror is an instant classic of the worst decade yet.

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