Schule gegen Rassismus: Warum afroamerikanische Geschichte auf den Lehrplan jeder Schule gehört

Noch immer wird in Schulen auf der ganzen Welt wenig über die Geschichte Schwarzer Menschen gelehrt. Die Schriftstellerin und Medienpersönlichkeit Afua Hirsch untersucht nur einige der Lücken in unserem Bildungssystem und weist darauf hin, dass der Sklavenhandel in Wirklichkeit weiße Geschichte ist.

Schule gegen Rassismus: Für ein respektvolles Miteinander ist Bildung unerlässlich. Was sich in den Lehrinhalten ändern muss.

Der Geschichtsunterricht in meiner Kindheit in Großbritannien hatte etwas Seltsames an sich. Wir lernten über die Römer, das Mittelalter, die Tudors – und machten dann einen Sprung zum Ersten und Zweiten Weltkrieg.

Damals hatte ich instinktiv das Gefühl, dass etwas fehlte. Diese Lücke in meinem Wissen, so stellte sich später raus, umfasste etwa 400 Jahre und den gesamte Zeitraum der britischen imperialen Expansion, die Erfindung des Rassismus und der Besitzsklaverei, und die Inanspruchnahme afrikanischer Körper, Arbeitskraft und Ressourcen zur Finanzierung der industriellen Revolution und sogar der beiden Weltkriege, die meine Schule ja auf dem Lehrplan hatte.

Keine Nation denkt gerne an ihre dunklen Zeiten zurück und stattdessen lieber an Momente des vermeintlichen Sieges (sowohl militärisch als auch moralisch), die den Patriotismus und das Selbstwertgefühl der heutigen Generation stärken. Deutschland – eine Nation, die als einzige in Europa ein ernsthaftes Programm ehrlicher Reflexion über ihre dunkelsten Zeiten unter Hitler unternommen hat – ignoriert noch immer weitgehend seine Schwarze Geschichte.

Den Deutschen wird zwar beigebracht, zu hinterfragen, wie so viele am Antisemitismus und der systematischen Ermordung von Juden beteiligt gewesen sein konnten. Doch erst in den letzten Monaten haben deutsche PolitikerInnen begonnen, sich mit der Geschichte des anti-Schwarzen Rassismus in Deutschland auseinanderzusetzen. Viele Deutsche sind sich einfach nicht bewusst, dass die Ermordung von 65 000 Herero und 10 000 Nama in Namibia zwischen 1904 und 1908 von den Vereinten Nationen als der erste Völkermord des 20. Jahrhundert gehandelt wird.

Die Auslöschung dieser Geschichten war kein Versehen, sondern Absicht. In den USA, wo die Brutalität der Polizei tief ins Bewusstsein der Welt vorgedrungen ist und amerikanischen Rassismus in den Vordergrund gerückt hat, wird die Sklaverei anerkannt – was unmöglich zu vermeiden ist – aber nur sehr wenige von den Verbrechen, die ihr folgten.

Schwarze Geschichte verstehen lernen – ein unerlässlicher Schritt für Schule gegen Rassismus

Viele AmerikanerInnen werden nie über den Angriff auf den afroamerikanischen Reichtum aufgeklärt, der in den Generationen nach der Versklavung entgegen aller Widrigkeiten aufgebaut wurde. Wie viele haben zum Beispiel von dem Massaker von 1921 in Tulsa, Oklahoma, gehört? Zu der Zeit war es die wohlhabendste Schwarze Gemeinschaft in den USA, damals bekannt als “Black Wall Street”, als ein weißer Mob, von Beamten der Stadt mit Waffen ausgestattet, vorsätzlich 1 200 Häuser, Geschäfte, 12 Kirchen, eine Schule, ein Krankenhaus und eine Bibliothek in Brand steckte und Hunderte von Menschen tötete. Die Geschichte der Gewalt nicht nur gegen das Leben der AfroamerikanerInnen, sondern auch gegen ihr Vermögen offenbart die Absicht der weißen Machtsysteme der USA, das Wohlergehen von Schwarzen Menschen zu verhindern.

The statue of late 17th century slave trader Edward Colston is pushed into the river Avon during the Black Lives Matter Protest in Bristol, England, June 2020 © Photography Giulia Spadafora/Getty Images

Der weltweite Erfolg der afroamerikanischen Kultur hat das Bewusstsein dafür geschärft, dass versklavte AfrikanerInnen in die USA transportiert wurden. Es ist jedoch wenig bekannt, wie viele Schwarze Menschen nach Brasilien verschleppt wurden, wo es – zum Beispiel allein im Bundesstaat Pernambuco – mehr versklavte AfrikanerInnen gab als in der gesamten USA. Wenn Schwarze Menschen in Häfen wie Rio de Janeiro von Schiffen entladen wurden, wurden diejenigen, die zu schwach waren, um weitermachen zu können, in Massengräber neben Kaianlagen wie dem immer noch zu wenig bekannten Valongo-Kai geworfen. Damals warfen die Einheimischen ihren Hausmüll zusammen mit den Leichen afrikanischer Männer, Frauen und Kinder in die Gräber, die dann verbrannt wurden.

Es ist von entscheidender Bedeutung, die Geschichte des transatlantischen Sklavenhandels zu verstehen, denn die Gier, die ihn umgab, motivierte die Erfindung von Ideen rund um Race, die wir auch heute noch gebrauchen. Race existiert nicht als biologische Tatsache – es war eine soziale Idee, die einige der größten Philosophen der Welt mitgestaltet haben. Berühmte Denker des 17. und 18. Jahrhunderts, darunter Immanuel Kant und John Locke – letzterer bekannt als der “Vater des Liberalismus” – propagierten Theorien über die angeborene afrikanische Minderwertigkeit, eine Ideologie, die notwendig war, um den Handel mit Schwarzen Personen als bewegliche Habe zu rechtfertigen und sie ihrer Menschlichkeit zu berauben.

Gleichzeitig verrät uns der Sklavenhandel mehr über weiße Geschichte als alles andere – ein Handel, der von weißen Menschen erdacht und weitgehend organisiert wurde, um den europäischen Nationen und ihren Kolonien im Doppelkontinent Amerika zu nützen. Obwohl der Rassismus, von dem er abhängig war, in andere Kontinente exportiert wurde – Japan etwa hat seine ganz eigene Geschichte des Rassismus gegenüber Schwarzen Menschen, die mindestens bis ins 16. Jahrhundert zurückreicht –, war er weitgehend ein Produkt der europäischen Kultur und des Kapitalismus.

Schwarze Geschichte hingegen existierte bereits Jahrtausende vor diesem Jahrhunderte andauernden Verbrechen und besteht selbstverständlich auch nach dessem Ende weiter. Alte und mittelalterliche afrikanische Imperien werden selten studiert, selbst in afrikanischen Ländern (die immer noch versuchen, die durch den europäischen Kolonialismus auferlegten Lehrpläne wieder abzuschütteln), geschweige denn außerhalb des Kontinents.

Hier geht es zur Petition „Deutsche Kolonialgeschichte und Anti-Rassismus in den Berliner Lehrplan!“ (Weitere Bundesländer findet ihr auf der Webseite der Petition).

 

– Dieser Text von Afua Hirsch ist ein Auszug und stammt aus unserer VOGUE COMMUNITY. Den gesamten Artikel könnt ihr bei der deutschen Vogue lesen.  –

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