„Cry Me a River“ oder: Warum es gar nicht schlimm ist, schnell weinen zu müssen

26.06.2020 Leben, Gesellschaft, box1

Neulich, es war irgendein Wochenende, an dem die Sonne schien und vielleicht keine einzige Wolke am Himmel zu sehen war, tippte ich die Worte „Hilfe, ich fange schnell an zu weinen“ in die Suchleiste meines Browsers. Ich weiß nicht genau, welche Antwort ich mir erhoffte als ich auf „Enter“ drückte, vielleicht einen Foreneintrag, in dem gleichgesinnte Menschen ähnliche Umstände preisgaben oder aber einen psychologischen Artikel, der mir erklärte, dass ich völlig gesund sei, auch wenn mir die Tränen zuweilen ein wenig zu schnell in die Augen schießen. Tatsächlich spuckte mir die Suchmaschine ganze 63.700.000 Ergebnisse innerhalb von 46 Sekunden aus, was mir zumindest in diesem Moment das Gefühl vermittelte, weniger alleine zu sein. Wie es aber manchmal eben so ist, mit diesem trügerischen Schein, realisierte ich bereits kurze Zeit später, dass da draußen ganz und gar keine Massen an wohlwollenden Worten, die mir freundlich zulächelten und „Hey, es ist völlig okay, schnell losheulen zu müssen“-Blicke zuwarfen, auf mich warteten, denn: Statt besagter Foreneinträge, von denen ich auf den ersten zehn Seiten lediglich zwei vorfand, und besänftigender Psychologie-Artikel, versammelten sich dort vor allem Beiträge, die mit Tipps und Tricks um sich warfen, um die lästige Angelegenheit ein für alle Mal loszuwerden.

Na gut, dachte ich, nachdem ich den Bildschirm einige Sekunden lang angestarrt hatte, völlig zu Unrecht waren all die „Wie du deine Tränen unterdrückst oder verzögerst“-Tutorials natürlich nicht so zahlreich geschrieben worden. Immerhin hegte auch ich in 99 Prozent der Fälle den Wunsch, bloß nicht schon wieder loszuheulen. Dass Tränen nämlich nicht nur erleichternd und befreiend sind, sondern oftmals als ein Zeichen von Schwäche und Kontrollverlust abgetan werden, lernte ich bereits in frühen Jahren, als meine Schwester genervt mit den Augen rollte und mir „Heulsuse“ hinterherrief, spätestens aber, als mir eine Freundin anvertraute, sie sei ja „auch so nah am Wasser gebaut“, was oftmals „ganz schön peinlich“ sei. Und dennoch kam ich beim Anblick all der Beiträge, die vom bebilderten Wiki How bis zu weitaus tiefgründigeren Ausführungen der New York Times (inklusive fragwürdiger Methoden, wie etwa die Fingernägel in die Haut zu graben) reichten, nicht umhin, mich zu fragen, ob das eigentliche Problem nicht vielmehr darin lag, Tränen per se als Schwäche abzutun und damit anderen Menschen die Möglichkeit ohne Scham zu weinen, in Teilen abzusprechen. Natürlich stimme auch ich der Argumentation, es gebe nun einmal unangebrachte Momente für einen Tränenschwall, zu — insbesondere dann, wenn es sich um schluchzende Zusammenbrüche handelt, die natürlich nicht in allen Situationen angemessen sind. In den meisten Fällen aber, sprechen wir vielmehr über stille, zumindest aber wenig geräuschvolle Tränen ganz ohne Hysterie, statt über dramatische Heulkrämpfe (die in gewissen Situationen natürlich dennoch angebracht sind).

 

 
 
 
 
 
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„Auf der Arbeit gehe ich zum Weinen auf die Toilette“

Als besonders kritische Momente werden insbesondere solche, in denen das Gegenüber Autorität und Seriosität verlangt, zumindest aber erwartet, angesehen — auch, wenn in diesen Situationen nicht weniger häufig Tränen fließen. So schrieb etwa die Autorin Taffy Brodesser-Akner einst darüber, regelmäßig vor der Leiterin des Kindergartens ihres Sohnes oder aber im Büro ihres früheren Vorgesetzten geweint zu haben. Letzteres führte dazu, dass sie durch eine Kollegin, die in Druck- und Stresssituationen zwar nicht weinte, dafür aber rote Flecken bekam, ersetzt wurde. Der Grund: Ihr Chef habe es satt von „ihren Tränen als Geisel gehalten zu werden“ und warf ihr im gleichen Zuge Manipulation vor (Brodesser-Akner wies den Vorwurf von sich). Tatsächlich aber kommt das Weinen auf der Arbeit häufiger vor, als wir glauben, auch, wenn es noch immer als Tabu gilt. Einer Studie zufolge weinte sogar etwa die Hälfte aller Angestellten, während sie auf der Arbeit waren. Im Januar dieses Jahres befragte die Redakteurin Haley Nahman über 1000 Menschen zu eben jenen Momenten. Zu den zahlreichen Antworten zählten etwa Aussagen wie „Ich weine auf der Einzeltoilette“ oder „Wenn ich nur kurz weinen muss, mache ich es am Schreibtisch“. Dabei erwähnten die Personen auch, dass die Tränen oftmals aufgrund von Frust, Druck, Versagensängsten, Stress oder aber harschen Worten flossen. Doch auch, wenn in diesen Situationen oftmals Scham mitschwingt, sollten wir uns nicht verrückt machen, wie die Buchautorin und ehemalige Managerin Alison Green in einem Interview mit der New York Times sagte. Zwar sollte es nicht ständig passieren, in den meisten Fällen aber hätten „gute Manager“ Verständnis für Emotionen. Zudem empfiehlt sie einen offenen Umgang, der nicht nur den Hinweis auf die eigenen Tränen, sondern auch eine Entschuldigung sowie die Interessensbekundung am Feedback beinhaltet. Der Tipp einer MR-Leserin, die früher häufiger auf der Arbeit weinte, lautete übrigens wie folgt: „Ich habe meine emotionale Investition in die Arbeit reduziert.“

Wein‘ doch mal

Während des Weinens, spätestens aber danach, bauen wir Stress ab und entspannen uns wieder − es ist also, ganz allgemein gesprochen, ganz schön hilfreich. Das liegt übrigens nicht nur an der damit verbundenen tiefen Atmung, die beim Stressabbau hilft, wie Lisa Feldman Barrett, Psychologie-Professorin, einst in einem Interview mit NYT sagte, sondern auch daran, dass es in Streitsituationen mit Partner*innen, Familie und Freund*innen als Eisbrecher fungieren kann, denn es zeigt: Hi, ich bin menschlich und verletzlich, auch, wenn ich mich gerade vielleicht wie ein Eisklotz verhalten habe. Anderen wiederum helfen die Tränen, um klarer zu sehen: Die Autorin Katherine Rosman erzählte in ihrem Artikel „Why Am I Crying All the Time?“ etwa von Büchern („Beaches“ von Iris Rainer Dart), Filmen („This Is Us“) und Serien („The Queer Eye“), die sie lese und anschaue, wenn sie mal wieder das Bedürfnis, so richtig zu weinen, habe. Anschließend gehe es ihr nicht nur besser, sie sei auch produktiver. Vielleicht also sollten wir uns künftig ganz bewusst an all die positiven Aspekte unserer Tränen erinnern, statt beschämt nach besänftigenden Artikeln und Gleichgesinnten zu googeln, dann ist es nämlich auch gar nicht mehr so peinlich, wie wir vielleicht glauben.

 

Anmerkung: Nicht alle Tränen sind harmlos. Solltest du oder jemanden, die / den du kennst, oft traurig sein und niedergechlagen sein, wende dich an eine Vertrauensperson, an die Deutsche Depressionshilfe (0800 / 33 44 533) oder an die Telefonseelsorge (0800 – 111 0 111 oder 0800 – 111 0 222).

 

4 Kommentare

  1. Frauke

    Hallo Julia,
    danke für dieses Thema.
    Ich würde sogar noch einen Schritt weiter gehen: Weinen ist v. a. deshalb so negativ behaftet, weil wir so erzogen worden sind. Das ist leider ein alter Erziehungsgrundsatz aus dem Dritten Reich, wo jegliche Schwäche abgelehnt wurde – und weinen galt als Schwäche – , damit gute Soldaten ausgebildet werden können. Die von gewünschtetes-Wunschkind. de erklären das sehr gut.
    Außerdem können viele nicht damit umgehen, wenn das Gegenüber weint, s. der Chef in deinem Artikel, der von emotionaler Erpressung spricht.
    Beides – das Aushaltenkönnen und das Erbe der Nazierziehung – sorgt dafür, dass es auch heute immer noch Eltern gibt, die ihren Kinder das Weinen abgewöhnen wollen (z.B. „Das hat doch gar nicht weh getan“, Ist doch nicht so schlimm“).
    Das Anerkennen und Zulassen von Gefühlen hat in unserer Gesellschaft leider einen viel zu geringen Stellenwert.
    Viele Grüße
    Frauke

    Antworten
  2. Julia Carevic Artikelautor

    Danke ihr Lieben, für euren Input – ich lerne immer so viel von euch dazu, setze mich anschließend noch einmal mit den angesprochenen Thematiken und mit mir selbst auseinander & möchte dafür einfach mal ein dickes Dankeschön an euch aussprechen.

    Antworten
  3. Pingback: Montags-Update #271 - Josie Loves

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