„Frauenliteratur: Abgewertet, vergessen, wiederentdeckt“ – und die Frage: Gibt es „weibliches“ Schreiben überhaupt?

14.09.2021 Buch, box2, Feminismus

Schon mal von Gabriele Reuter gehört? Sie veröffentlichte 1895 einen Roman namens Aus guter Familie, der sich sehr gut verkaufte und zu einem Erfolg wurde. Bereits im Jahr seines Erscheinens musste das Buch mehrfach nachgedruckt werden – so groß war die Nachfrage nach der Geschichte einer Frau, die in ihrer arrangierten Ehe unglücklich ist, eine Affäre beginnt, und letztendlich an den gesellschaftlichen Verhältnissen und Zwängen zerbricht. Die Kritik lobte das Werk, das Publikum liebte es. Aus guter Familie machte die damals 36-jährige Gabriele Reuter berühmt und zu einer Identifikationsfigur einer ganzen Generation. Trotzdem ist die Schriftstellerin heute nahezu vergessen. Ganz anders als Theodor Fontane, der im gleichen Jahr wie Reuter, 1895, und zur gleichen Thematik, einen Roman veröffentlichte: Effi Briest. Ein Buch, das von der Kritik gelobt und vom Publikum geliebt wurde. Und das heute zu den ganz großen deutschen Klassikern, zum Kanon, gehört – während Gabriele Reuter lange weder in der Literaturgeschichtsschreibung vorkam noch mit einer Gesamtausgabe ihrer Werke geadelt wurde.

Autorinnen im Abseits

Ich kannte Gabriele Reuter nicht und es ist Nicole Seifert zu verdanken, dass ich jetzt Lust habe, diese vergessene Schriftstellerin und ihr Werk wiederzuentdecken. Seifert ist promovierte Literaturwissenschaftlerin und gelernte Verlagsbuchhändlerin. Vor einigen Jahren fiel ihr auf, dass in ihrem Buchregal von Männern geschriebene Literatur überwog – und nahm sich daraufhin vor, eine Zeit lang nur noch Bücher von Frauen zu lesen. Daraus entstand der Blog Nacht und Tag, auf dem Seifert regelmäßig über sogenannte „Frauenliteratur“ (womit mehr oder weniger alles bezeichnet wird, was von Frauen stammt) schreibt. Letztes Jahr initiierte Seifert die Aktion #autorinnenschuber, als Antwort auf eine exklusiv männliche SZ-Edition von zehn Romanen der Weltliteratur. Jetzt hat Nicole Seifert ein Buch geschrieben darüber, warum von Frauen verfasste Literatur immer noch als kitschig, banal oder trivial gilt: FRAUENLITERATUR. Abgewertet, vergessen, wiederentdeckt (Kiepenheuer & Witsch) ist ein schlanker Essay von 180 Seiten, der untersucht, warum genau Schriftstellerinnen in Vergessenheit geraten und warum weiblichem Schreiben weniger Respekt entgegengebracht wird als männlichem.

Oft heißt es mit Blick auf die Historie, Frauen hätten eben kaum geschrieben und das, was sie geschrieben hätten, sei leider von mangelhafter Qualität gewesen und nicht vergleichbar mit dem Werk von Männern. Eine Behauptung, die Seifert widerlegt – mit zahlreichen Beispielen, darunter auch die bereits erwähnte Gabriele Reuter.

So zeigt Seifert, dass Reuter in den damaligen Besprechungen ihres Romans zwar als Frau nicht abgewertet wurde. Allerdings wurde ihr Roman häufiger als Fontanes Effi Briest in Sammelbesprechungen abgehandelt und als „Frauenliteratur“ besprochen. Seifert stellt fest:

„Damit war die entscheidende Weiche für die weitere literaturhistorische Einordnung gestellt: Nicht das Übersehen weiblicher Traditionslinien, sondern die kategoriale Abtrennung der weiblichen Schreibproduktion von der männlichen literarischen Tradition bringt die Autorinnen ins Abseits.“

 

 
 
 
 
 
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Typisch weiblich, typisch banal

Und das setzt sich bis heute fort. Das, worüber Reuter schrieb, wurde als „typisch weiblich“ gesehen, schließlich ging es um eine Frau im häuslichen Milieu. Fontane konnte das gleiche Thema behandeln, ohne dass es deswegen als banal oder „weiblich“ galt.

Was die Frage aufwirft: Gibt es das überhaupt, „weibliches“ Schreiben? Nicole Seifert hat darauf eine klare Antwort:

So würden beispielsweise weibliche Figuren in Entwicklungsromanen, anders als männliche Figuren, nicht „mit und in der Außenwelt“ kämpfen, sondern „mit den Beschränkungen, die ihnen die Gesellschaft qua Geschlecht auferlegt“. Was wiederum dazu führt, dass die Literaturkritik die Werke von Frauen und Männern mit zweierlei Maß misst.

Erinnern ist ein aktiver Prozess

 

 
 
 
 
 
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Nicole Seiferts Fazit lautet: Das Erinnern an und die Kanonisierung von Schriftstellerinnen und ihren Werken passiert nicht einfach so, es muss aktiv etwas dafür getan werden. So, wie auch Vergessen ein aktiver Prozess ist und so, wie aktiv etwas dafür getan wird, von Männern verfasste Literatur – die im Übrigen nie „Männerliteratur“ genannt wird – auf vielfältige Arten als irgendwie wichtiger und tiefgründiger darzustellen. Zum Beispiel, indem von Männern geschriebene Bücher in den Medien doppelt so häufig besprochen werden wie von Frauen geschriebene Bücher (zu diesem Ergebnis kam die Studie #frauenzählen). Zum Beispiel, indem der deutsche literarische Kanon, der fast ausschließlich aus weißen Männern besteht, als Ergebnis eines natürlichen Prozesses verteidigt wird, für den man(n) selbst ja gar nichts kann: Qualität setze sich eben durch, etc. etc.

Damit sich das ändert, muss an vielen Stellschrauben gedreht werden. Aber eine Sache haben wir selbst in der Hand: unser eigenes Leseverhalten. Seifert schreibt über die „tief verankerte Ablehnung und Abwertung des Weiblichen, die unserer Kultur seit Jahrtausenden inhärent ist“. Man könne diese nicht einfach abschütteln, aber sie sich bewusst machen und dagegen angehen: „Zum Beispiel, indem man mehr Bücher von Autorinnen liest, die Perspektive wechselt, hinhört, ernst nimmt.“

Seiferts bissiges, informatives und augenöffnendes Buch liefert dafür ganz viele wunderbare Anregungen und Munition – so, wie auch diese Verlage und Initiativen.

Ecco Verlag

Der Ecco Verlag verlegt seit dem Frühjahr 2021 unter dem Motto „Was wir lesen wollen“ ausschließlich Bücher von Frauen – deutschsprachig und international.

 

 
 
 
 
 
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Aviva Verlag

Schon seit 1997 gibt es den Aviva Verlag. Sein Ziel ist es, den literarischen Kanon um weibliche Stimmen zu erweitern. Ein besonderer Fokus liegt auf Autorinnen der 1920er- und 1930er-Jahre, und auch eine eigene biografische Reihe unter dem Motto „Nur keine Musen!“ bietet der Verlag.

Verlag Sechsundzwanzig

 

Der Schweizer Verlag Sechsundzwanzig versteht sich als Verlag für feministische Literatur und bietet seit 2020 ein Netzwerk für schreibende Frauen. Dahinter steht das Bedürfnis, die moderne Literaturwelt diverser und inklusiver zu gestalten.

 

 
 
 
 
 
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Dörlemann Verlag

 

Der Dörlemann Verlag veröffentlicht zwar auch Bücher von Männern, aber eben auch regelmäßig aktuelle oder neu aufgelegte und wiederentdeckte Werke von Frauen.

Ulrike Helmer Verlag

 

Auch der Ulrike Helmer Verlag ist kein reiner „Frauenverlag“ – aber der Großteil der veröffentlichten Bücher stammt von Frauen. Zu entdecken gibt es u.a. die Reihen Lesbisch lesen oder Edition Klassikerinnen.

 

 
 
 
 
 
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ebersbach & simon

 

ebersbach & simon steht für schön gestaltete Bücher von und über außergewöhnliche Frauen – ob moderne Literatur oder wiederentdeckte Klassiker.

Elisabeth Sandmann Verlag

 

Bekannt ist der Elisabeth Sandmann Verlag vor allem für sein Buch Frauen, die lesen, sind gefährlich (von Stefan Bollmann). Im Programm finden sich aber auch viele Biografien und Erinnerungen, sowie Bildbände und Sachbücher von Frauen.

 

 
 
 
 
 
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FrauenLesen

 

Wer noch mehr Inspiration zum Thema Schriftstellerinnen braucht, wird auf dem Twitter-Account @FrauenLesen fündig.

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2 Kommentare

  1. Kalsoumy Balde

    Lese das Buch gerade und finde es bis jetzt super interessant und muss so oft den Kopf schütteln bei all der Mysogynie in der Literaturbranche. Auf jeden Fall empfehlenswert vor allem an alle, die sich gerne mit Büchern beschäftigen und „hinter die Kulissen“ schauen wollen.

    Antworten
  2. Verena

    Liebe Julia

    vielen Dank für diese Leseempfehlung! Es stimmt, es ist normal geworden, dass es kaum weibliche ‚große‘ Literatur gibt. Umso schöner, wenn sie wieder ausgegraben wird.

    liebe Grüße

    Antworten

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