Wonder Woman // Gegen Sexismus ist selbst eine Superheldin machtlos

20.06.2017 Feminismus, Film

Die Erwartungen an Wonder Woman waren hoch: Ein Film über eine Superheldin und dann auch noch gedreht von einer Frau? Verrückt aber wahr: Diese Kombination funktioniert richtig gut!

Ehrlich gesagt: Ich hatte Angst, mir diesen Film anzuschauen. Ich hatte mich zu lange auf ihn gefreut, die Erwartungen waren turmhoch. „Und wenn der jetzt mies ist?“, dachte ich noch, als ich mich im Kinosessel niederließ. Schließlich sollte Wonder Woman beweisen, dass die Menschen sehr wohl über 90 Minuten lang eine Superheldin als Hauptperson auf der Leinwand sehen wollen und dass sie das wollen, obwohl eine Frau – Patty Jenkins – hinter der Kamera stand. Außerdem sollte Wonder Woman irgendwie feministisch, unterhaltsam und klug sein und dem sogenannten cinematic universe von DC Comics zu einem Comeback verhelfen. Sonst noch was?

Glücklicherweise ist Wonder Woman genauso ein Wunder, wie ihr Name verrät. Dabei ist der Film eigentlich eine ziemlich typische Origins-Geschichte: In Europa wütet der Erste Weltkrieg, aber Diana (Gal Gadot) wächst behütet auf der von Amazonen bevölkerten Insel Themyscira auf. Diana ist die Tochter von Amazonenkönigin Hippolyta (Connie Nielsen) und Nichte von deren Schwester Antiope (Robin Wright). Die Idylle wird gestört, als der US-amerikanische Spion Steve Trevor (Chris Pine) auf der Flucht vor deutschen Verfolgern abgeschossen wird und nahe der Insel ins Meer stürzt. Den anschließenden Kampf zwischen den Deutschen und den Amazonen gewinnen letztere zwar, müssen aber schwere Verluste hinnehmen. Diana erkennt, dass es nicht überall in der Welt so friedlich ist wie in ihrer Heimat und ist sich sicher: Kriegsgott Ares ist verantwortlich für all den Hass. Sie begleitet Steve Trevor undercover nach London, um von dort aus Ares zu finden und ihn zu töten – ist Ares tot, so glaubt Diana, endet der Krieg.

Dianas Superkraft: Mitgefühl

So weit, so traditionell: Held*in erkennt Berufung und macht sich auf den Weg, um Unschuldige zu retten. Doch Wonder Woman macht eine ganze Reihe von Dingen sehr viel besser als andere Filme des Genres. Zunächst einmal nimmt er sich Zeit – Zeit für Dialoge, Zeit für ruhige Momente und Emotionen. Szenen, in denen nicht viel passiert und die dem Film doch sofort einen ganz anderen Ton geben als beispielsweise Superman vs. Batman. Überhaupt, der Ton: Der ist an den richtigen Stellen humorvoll, an anderen gefühlvoll, aber niemals pathetisch.

Im Gegensatz zu Superman, den Avengers und anderen Superheld*innen schlägt Diana sich nicht mit Monstern oder monströsen Maschinen herum – die wahren Monster sind die Menschen, daran ändert auch der große Twist im letzten Drittel des Films nichts. Und im Gegensatz zu anderen Superheld*innen ist Dianas größte Stärke nicht ihre Superkraft, sondern ihr Mitgefühl, ihr Glaube an das Gute im Menschen. Auch das ist etwas, was Wonder Woman sehr gut macht: Der Film zeigt Dianas Entwicklung von einer naiven Amazone zu einer Frau, die lernen muss, dass die Welt viel komplexer ist als sie dachte, und dass sich Gut und Böse nicht immer so leicht voneinander trennen lassen.

Große Erwartungen

Ein paar Schwächen hat Wonder Woman natürlich auch: Warum alle Amazonen in einem seltsamen Fantasie-Akzent sprechen müssen (zumindest im englischen Original) und man sich bei den Deutschen nicht mal die Mühe gemacht hat, Dialoge tatsächlich auf Deutsch zu filmen und sie dann zu untertiteln (auch die Deutschen sprechen Englisch mit seltsamem Akzent), erschließt sich mir nicht. Außerdem: Zu wenig Robin Wright! Am bedauerlichsten ist aber, dass bei der Charakterisierung der Figur Isabel Maru alias Doctor Poison (Elena Anaya) so viel Potenzial verschenkt wurde: Über ihre Beweggründe, für die Deutschen ein neuartiges Giftgas zu entwickeln, über ihre Vorgeschichte erfährt man nichts. Schade, denn nach Wonder Woman selbst ist Doctor Poison eigentlich die spannendste Figur des Films.

Schwächen hin oder her: Als ich nach gut zwei Stunden aus meinem Kinosessel aufstand, war ich ehrlich berührt: Einen Film zu sehen, in dem die Superheldin nicht nur als Nebenrolle auftaucht, sondern ganz im Zentrum der Handlung steht, das macht was mit einem. „Na, viele der Effekte hat man ja schon in anderen Filmen gesehen, das war nichts Neues“, hörte ich einen jungen Mann ein paar Plätze weiter sagen. Arme Wonder Woman: Sie soll nicht nur Wegbereiterin für weitere Superheldinnen-Filme sein und beweisen, dass Frauen tatsächlich Regie führen und dabei für massig Umsatz sorgen können – nein, sie soll auch noch das Genre des Superhelden-Films neu erfinden. Gegen Sexismus ist eben selbst eine Superheldin machtlos.

4 Kommentare

  1. Sämi

    Hi Julia,
    Danke für dein Review. Eine Frage dazu von meiner Seite:
    Ich check nicht ganz, wo der Sexismus steckt? –> «Gegen Sexismus ist selbst Wonder Woman hilflos.»
    Mit lieben Grüssen
    Sämi

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  2. Theresa

    Ich sehe mir lediglich einen Film an, weil er mich interessiert, völlig außer Acht lassend, ob nun die Hauptdarsteller und Macher weiblich sind oder nicht. Am Ende erwarte ich einen guten Streifen. Und ich denke, das hat der Kerl auch. Eher würde ich es ihm höher anrechnen, dass es ihm nur um den Film ging und er eben nicht auf der Schiene fährt: Oh, ein Actionfilm von und mit Frauen, kann das gut werden? Dass er dabei nur den Film bewertet, ist gut und ganz sicher nicht sexistisch.

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  3. Susanne Reckzeh

    Ich gehe mir mal Wonder women anschauen,und danach werde ich ja sehen ob mir der Film gefallen hat oder nicht.

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