Aktivistin & Autorin Madeleine Hofmann über die Jugend von heute // Egoistisch, karrieregeil, unpolitisch? Nein, macht endlich Platz für die Jungen!

19.09.2018 Buch, Gesellschaft

Über junge Menschen gibt es eine Menge Vorurteile: unpolitisch, karrieregeil, egoistisch. Madeleine Hofmann nervte das so sehr, dass sie beschloss, endlich mal Klartext zu sprechen. Ihr Buch Macht Platz! Über die Jugend von heute und die Alten, die überall dick drin sitzen und über fehlenden Nachwuchs schimpfen, ist stellenweise wütend, gründlich recherchiert und will vor allem eins: wachrütteln. Die Alten, aber auch die Jungen. Dass Madeleine das Thema bewegt, wusste ich schon lange – wir beide lernten uns vor Jahren in einer Redaktion kennen. Bei einem Cappuccino erzählte Madeleine mir, warum es schwierig ist, überhaupt von einer „Generation“ zu sprechen, warum junge Menschen oft zu wenig erwarten und was sich ändern muss, damit sie in Deutschland etwas zu sagen haben.

Madeleine, dein Buch heißt Macht Platz! und ist ein Plädoyer dafür, die Jugend von heute endlich mitbestimmen zu lassen, politisch und gesellschaftlich. Wie kam es dazu – gab es einen Schlüsselmoment?

Ich habe mich ja schon länger mit dem Thema junge Menschen in der Politik beschäftigt und mir natürlich immer gewünscht, mal mehr dazu zu schreiben, als in einen Kolumnentext passt. Aber richtig dringend wollte ich sicher damit loslegen, als in Großbritannien und in den USA bei wichtigen Abstimmungen ganz klar die Jungen von den Älteren überstimmt wurden. Da wurde mir klar: Das könnte hier auch passieren!

Im Vorwort kündigst du an, mit Klischees aufzuräumen – was sind denn die größten Klischees über unsere Generation?

Am gängigsten – zumindest für die so genannte Generation Y – sind die Klischees egoistisch, unpolitisch, karrieregeil. Auf der anderen Seite heißt es dann aber auch wieder, wir seien faul und wollten gar nicht arbeiten. Also ein bunter Strauß an Widersprüchen.

Ist der Begriff „Generation“ überhaupt angebracht?

Das ist tatsächlich ein komplexer wissenschaftlicher Begriff, der meistens mit einer Art Erfahrungsgemeinschaft gleichgesetzt wird. Oft sind sich selbst Wissenschaftler*innen nicht einig, wie eine Generation zu definieren ist. Man sollte also vorsichtig sein mit dem Um-sich-Werfen von Generationen-Begriffen. Alle jungen Menschen in Deutschland kann man sicher nicht als eine Generation bezeichnen – damit würde man ja rund 35 Jahre über einen Kamm scheren! Deshalb versuche ich im Buch Gemeinsamkeiten der Jugend zu finden, die vielleicht das Merkmal einer Generation sein könnten und spreche entweder von „der Jugend“, „den Jungen“ oder „den jungen Generationen“.

In welchen Momenten fühlst du dich total deiner Generation zugehörig?

Wenn es so etwas wie „meine“ Generation überhaupt gibt, dann sicher am ehesten, wenn alle vor Freude ausrasten, weil Jan Böhmermann ein krasses 90er Jahre Remix-Musikvideo online gestellt hat, oder es jetzt Bum Bum Eis in Mini-Variante gibt. Das ist die kulturelle Seite. Politisch sind das eher Situationen, wie zum Beispiel, dass jemand sich nach einem Jahr schon wieder einen neuen Job sucht, weil der aktuelle Job nur befristet war, oder die permanente Wohnungssuche: Alle müssen für Jobs und Praktika umziehen, deshalb sind die Social-Media-Feeds voll von WG-Zimmer- und Wohnungsgesuchen.

Du schreibst, Generationengerechtigkeit interessiert ältere Menschen nur, wenn es um die eigenen Kinder oder Enkelkinder geht. Dabei ist Generationengerechtigkeit, das machst du deutlich, ein Thema, das uns alle angeht.

Ja, denn erstmal leben wir ja alle in diesem Land, auf diesem Planeten – aber die Jungen eben noch am längsten. Wer gibt also denjenigen, die die Folgen viel kürzer zu spüren bekommen das Recht, zum Beispiel die natürlichen Ressourcen aufzubrauchen und den Klimaschutz zu ignorieren? Auch sozialpolitisch muss es wieder mehr Solidarität geben. An Junge wird ja gerne der Satz gerichtet: Wir haben euch ja schon eure Bildung bezahlt, jetzt seid ihr mal dran. Aber dieses Gleichgewicht stimmt schon längst nicht mehr. Erstens wurde seit Jahren nicht genug in Bildung investiert, es gibt nicht genug Pädagog*innen, Schulgebäude sind marode, im Unterricht werden selten moderne, digitale Methoden angewandt. Und dann kommt hinzu, dass junge Menschen gerne das Versprechen des Generationenvertrags einlösen würden – nur gibt es nun mal erstmalig in Deutschland ab circa 2025 viel mehr Rentner als junge Menschen.

Der vielbeschworene demografische Wandel…

Genau! Da kann man nicht einfach erwarten, dass die Jungen doppelt bezahlen. Und wenn man sieht, wie viele der jungen Generation sich mit niedrigen Gehältern und befristeten Jobs abmühen, sich nicht mal eine eigene Wohnung leisten können, dann können hohe Sozialbeiträge ganz schön belastend sein. Würde die Politik also mehr Rücksicht auch auf die Bedürfnisse der Jugend nehmen, könnten alle davon profitieren.

Beim Thema Rente habe ich den Eindruck, dass wir Jungen uns da immer zwischen Panik und Resignation bewegen. Wie gehst du damit um?

Ich habe immer noch die Hoffnung, dass endlich eine nachhaltige Lösung für das Rentensystem gefunden wird – oder man sich einfach mal traut, ganz neue Wege zu gehen, statt immer nur kleine Pflaster aufs alte System zu kleben. Ein Hoffnungsschimmer war, dass die Große Koalition eine Rentenkommission eingesetzt hat, die Vorschläge für die Rentenpolitik erarbeitet. Als dann klar wurde, dass kein Mitglied unter 40 und die Meinung der Jungen zu diesem Thema unerwünscht ist, war ich sehr enttäuscht. Wir müssen da einfach lauter werden und die Politik zwingen, uns mitgestalten zu lassen.

Was ich mich ja manchmal frage: Empören wir Jungen uns zu wenig und nehmen zu viel einfach so hin? Erwarten wir zu wenig vom Sozialstaat?

Es gibt tatsächlich Untersuchungen dazu, dass junge Menschen in Deutschland nicht viel vom Sozialstaat erwarten – weil sie ihn nur seit der Agenda 2010 kennen, und das bedeutet: prekäre Arbeitsverhältnisse. Inzwischen hat sich die wirtschaftliche Situation in Deutschland aber enorm verbessert, wir sollten also auf jeden Fall wieder mehr fordern! Mit befristeten Verträgen, schlechten Gehältern und horrenden Sozialbeiträgen sollten wir uns auf keinen Fall abfinden.

A propos „empören“: Müssen erst Katastrophen wie der Brexit oder die Wahl Donald Trumps passieren, damit wir Jungen aufwachen und tatsächlich etwas tun?

 

 
 
 
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Diese Ereignisse haben sicher einige „wachgerüttelt“. Und auch in Deutschland sind viele erst aufgewacht, als die AfD schon in den Bundestag eingezogen ist. Leider ist es tatsächlich so, dass sich viele aus dem Politischen zurückziehen und erst aktiv werden, wenn die vermeintliche Katastrophe schon passiert ist. Klar, jeder hat ja auch mit seinem privaten Leben genug um die Ohren. Andererseits gibt es auch wieder diejenigen, die trotz Ausbildung, Studium und Job total engagiert sind. Im Buch stelle ich einige von ihnen vor, zum Beispiel Silvan Wagenknecht von Pulse of Europe, Katja Sinko von The European Moment oder Paulina Fröhlich von Kleiner Fünf. Aber alle Engagierten, mit denen ich gesprochen habe, beklagen auch, dass es schwierig ist, unter jungen Menschen eine Solidarität herzustellen, die vom Beklagen zum Anpacken motiviert.

Menschen wie Katja Sinko oder Paulina Fröhlich engagieren sich politisch und gesellschaftlich, abseits von Parteien. Was zeichnet diese Art des Engagements aus?

Es ist meist überparteilich und sozusagen projektbasiert – man widmet sich also einem speziellen Thema, das man wichtig findet, sucht sich Mitstreiter*innen und legt los. Die Methoden, mit denen gearbeitet wird, sind modern und vor allem: zielführend. Geflüchtete finden keinen Wohnraum? Wir gründen eine Plattform wie WG-gesucht. Bildungsträger*innen finden in der Politik zu wenig Gehör? Wir organisieren Treffen, um sie miteinander zu vernetzen.

Viele junge Menschen wählen auch deshalb eine solche Art des Engagements, weil sie sich laut Studien von politischen Parteien oft nicht vertreten fühlen und es schwierig finden, dort gehört und gefördert zu werden. Was müssten Parteien machen, um auch für junge Menschen wieder attraktiv zu werden?

Sie müssten viel flachere Hierarchien entwickeln. Junge lehnen starre Hierarchien oft ab – das heißt nicht, dass sie immer sofort Chef sein wollen. Es heißt, dass sie Probleme anpacken und mitgestalten wollen, statt ihre Zeit nur auf Stammtischen und Versammlungen totzuschlagen. Außerdem muss das Engagement für junge Menschen flexibler sein. Gerade wenn man sich noch in der Ausbildung oder im Studium befindet, wohnt man nicht immer am selben Ort, muss vielleicht verschiedene Schichten arbeiten, oder man hat schon eine Familie gegründet und findet nicht immer einen Babysitter – trotzdem muss es möglich sein, zum Beispiel via Skype an Besprechungen und Abstimmungen teilzunehmen. Das sind nur ein paar Punkte, mit denen man anfangen könnte.

Du sprichst davon, dass zwei Versprechen, die für unsere Elterngeneration galten, für uns nicht mehr gelten: „Unseren Kindern wird es einmal besser gehen“ und „Du kannst werden, was du willst“. Gibt es für unsere Generation überhaupt noch so etwas wie ein Versprechen?

Ich denke, das Versprechen, das gilt, ist, dass wir theoretisch sehr viele Möglichkeiten haben. Das bereitet ja auch vielen jungen Menschen Probleme: Sich für den richtigen von tausend verschiedenen Wegen zu entscheiden. Wir können auf verschiedensten Wegen Bildungsabschlüsse nachholen, sind sicherlich viel mobiler als es unsere Eltern in ihrer Jugend gewesen sind. Das Problem ist nur, dass es in der Praxis dann doch wieder nicht für alle möglich ist, all diese Wege einzuschlagen. Weil sie es sich vielleicht nicht leisten können, statt zu arbeiten ein paar Jahre zu studieren, oder das Praktikumsangebot im Ausland anzunehmen. Die Chancen, all die Möglichkeiten wahrzunehmen, sind noch sehr ungleich verteilt.

Harte Arbeit, das muss man auch feststellen, ist schon lange kein Erfolgsgarant mehr, genauso wenig wie eine gute Ausbildung, viele Praktika etc. Wie geht unsere Generation damit um?

Viele resignieren einfach. Auch wenn sie es vielleicht gar nicht wollen, ziehen sie für das Jobangebot eben ans andere Ende der Republik, befristete Verträge sind schon zur Normalität geworden, viele beschweren sich darüber gar nicht mehr. Aber das alles hat zur Folge, dass sich die Lebensplanung nach hinten verschiebt. Man befindet sich viel länger in der unsicheren Phase, in der man sich eine stabile Karriere aufbaut. Größere Investitionen wie in eine Wohnung oder gar ein Haus müssen warten, Familienplanung oft auch.

Mir scheint, dass die Jungen oft für Dinge kritisiert werden, für die sie selbst eigentlich nicht verantwortlich sind – zum Beispiel heißt es oft, die Jungen würden nur noch ans Weiterkommen und an ihre Karriere denken, aber irgendwie bleibt ihnen angesichts wirtschaftlich unsicherer Zeiten und allgegenwärtigem Leistungsdruck auch nichts anderes übrig. Aber müsste man sich dagegen als junger Mensch nicht viel mehr wehren?

Ja, wahrscheinlich sollte man sich nicht so unter Druck setzen lassen. Aber das ist ja immer leichter gesagt als getan. Ich denke, die Antwort auf das jahrelange Hetzen durchs Bildungssystem, dann Ausbildung, Studium, Praktika, Ausland, und trotzdem bitte noch möglichst jung sein, wenn man in den Beruf einsteigt, ist die aufkommende Forderung nach mehr Flexibilität bei den Arbeitszeitmodellen. Da kann man sich die Ruhe zurückholen, die man sich vorher selten gönnen konnte.

Hast du den Eindruck, dass sich schon etwas geändert hat? Dass beispielsweise Arbeitszeitmodelle flexibler werden, weil das besser zu den Bedürfnissen junger Arbeitnehmer*innen passt?

Man hört ja immer davon, dass junge Arbeitnehmer*innen jetzt alle Forderungen an Unternehmen stellen könnten, weil es weniger Arbeitskräfte gibt. Das trifft bisher allerdings nur auf einzelne Branchen und Regionen zu. Allgemein kann man davon noch nicht sprechen. Aber natürlich wurde die gesamte New-Work-Debatte vor allem von der Forderung der Jungen nach Work-Life-Balance ausgelöst. Auch ältere Arbeitnehmer*innen haben gemerkt, dass das eigentlich eine gute Sache ist und so verändert sich inzwischen viel, aber jedes Unternehmen ist da natürlich einzeln zu betrachten.

 
 
 
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Was muss sich grundsätzlich ändern, damit die Jungen in Deutschland auch etwas zu sagen haben?

Sie müssten von den Älteren ernst genommen werden. Das ist der wichtigste Punkt. Dann könnten zum Beispiel auf den Listen der Parteien junge Mitglieder aussichtsreiche Plätze bekommen und hätten eine Chance in den Landtag-, Bundestag oder ins Europaparlament einzuziehen. Außerdem könnte man das Wahlalter herabsetzen, um mehr jungen Menschen eine Stimme zu geben, man könnte Schüler*innen in Entscheidungen über Lehrinhalte und Schulgestaltung einbeziehen. Und auch in Unternehmen könnte man jungen Menschen mehr zutrauen, ihre Ideen öfter ernst nehmen, statt sie zu belächeln und als Spinnerei abzutun. Letztlich geht es ja nicht darum, jemanden zu verdrängen, sondern darum, das Gleichgewicht zwischen den Generationen wieder herzustellen – damit wir durch eine gute Durchmischung in allen Gesellschaftsbereichen gemeinsam über die Zukunft entscheiden.

Egoistisch, karrieregeil, unpolitisch. So lauten die Vorurteile, die sich junge Leute immer wieder gefallen lassen müssen. Sie sind die Minderheit in einem Land, in dem sich mittelalte Politiker als jung feiern und dabei Politik für die Alten machen. Doch die sind vom maroden Bildungssystem nicht betroffen, Digitalisierung kapieren sie nicht, und die explodierenden Kosten für soziale Absicherung zahlt ihr Nachwuchs. Wenn sich der jahrelange Investitionsstillstand auswirkt, legen sie längst die Füße in ihrer Altersresidenz hoch.“Schluss mit gestern!“, fordert die junge Journalistin und Aktivistin Madeleine Hofmann. In ihrem Buch räumt sie mit Klischees auf und präsentiert die Fakten über ihre zurückgedrängten Altersgenossen und deren wirtschaftliche Lage. „Lasst uns übernehmen,“ lautet ihre unmissverständliche Botschaft. Hofmanns Forderung: Die Jungen müssen endlich gehört werden und über die Zukunft der Gesellschaft mitbestimmen.

„Macht Platz“ ist erschienen im Campus Verlag.

2 Kommentare

  1. Sara

    Also die parteipolitische Antwort auf die Forderung nach mehr Partizipation auf digitalem Weg und mehr Berücksichtigung der Wünsche und Bedürfnisse junger Menschen, Frauen, Menschen, die Diskriminierung erfahren etc. ist die Partei „Demokratie in Bewegung“. http://www.bewegung.jetzt
    Die ganzen Strukturen wie Landesverbände, Plattformen für digitale Kommunikation, digitales Abstimmungssystem über Initiativen etc. bestehen. Nur muss halt auch mal jemand mitmachen, wenn solche Angebote geschaffen werden…!

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  2. Carola

    Toller Beitrag – gerne mehr davon!!

    Ich frage mich auch oft, was mit unserer „Generation“ los ist. Ich glaube nicht, dass heutzutage junge Leute unpolitisch sind. Es konnten immerhin 240.000 Menschen bei der #unteilbar Demonstration mitlaufen. Das ist toll und sollte viel öfter passieren, allerdings frage ich micht, warum nicht genauso viele Menschen für Themen wie unser miserables Bildungssystem, unser derzeit sehr schlecht aufgestelltes Gesundheitssystem und für eine bessere Lösung der Rente auf die Straße gehen. Warum empöhrt das keinen? Warum sind wir so „faul“? Daran muss sich was ändern!!

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