Kolumne // Die Angst mit unseren Partner*innen zusammenzuziehen. Und wieder auseinander.

08.11.2018 Kolumne

Es scheint mir, als hätte der andauernde Jahrtausendsommer in allen von uns einen bislang unbekannten Keim gesät – oder hat die Hitze bloß unsere Hirnströme fehlgelenkt? Der Grund meiner Verwunderung rührt daher, dass sich in meinem engeren Freundeskreis nach diesem sommerlichen Hoch ganz offensichtlich die Perspektiven um 180 Grad gedreht haben. Dort, wo es früher noch um Stundenpläne und Masterarbeiten, den letzten Flirt vom Wochenende oder Tinder-Liebschaften ging, stehen heute ganz andere Dinge auf der Tagesordnung zwischen Pasta, Wein und dem überfüllten Aschenbecher. Einige haben es bereits getan, andere sind gerade dabei und wieder andere zermartern sich das Hirn über das, was zu gleichem Maße nach Glückseligkeit und endgültiger Verdammnis schreit: Sich irgendwann vier Wände mit dem Partner oder der Partnerin zu teilen, scheint Weichen für eine rosige Zukunft mit unendlicher Zweisamkeit und romantischen Stunden auf dem Sofa zu stellen und gleichzeitig so viele Ängste zu schüren, wie kaum andere rahmengebende Entscheidungen in Beziehungen. 

„Wann sollte ich und wann sollte ich auf keinen Fall den Schritt des Zusammenziehens wagen? Und wovor habe ich eigentlich so verdammte Angst?“, hat mich vor kurzem erst eine gute Freundin gefragt. Und das ist es vielleicht: Diese verdammte Angst schon wieder, die uns in unseren kühnsten Träume begegnen und die stärksten Brücken einreißen will.

Wie machen das eigentlich die, die schon nach vier Monaten wissen, dass der geteilte Wohnraum das absolute Seelenheil bedeutet – und wann ist in viel längeren Beziehungen dagegen der richtige Moment? Im schlimmsten Falle trägt die eine Person permanent ein Päckchen mit dem ewigen Verlangen nach dem gemeinsamen Sofa mit sich herum und fragt sich, ob die eigene Idee dem anderen wohl auch so taugt wie einem selbst. Denn seien wir mal ehrlich: Ist die Woche besonders stressig, die Zeit extra knapp und der Gemütszustand an einem Siedepunkt, wäre es doch eine Wonne, den Liebsten oder die Liebste in der vertrauten Kuhle im Bett zu wissen, jeden Tag und das unabhängig von Terminen, mitgebrachter Unterwäsche und dem weiten Weg von Zehlendorf nach Hohenschönhausen. Es wäre alles so wunderbar einfach und gleichzeitig so furchtbar kompliziert. Auf einmal scheint alles absolut. Als hätte man viel mehr als einen Mietvertrag unterschrieben.

Als hätte man seine Segel für ganz festgelegte Routen gesetzt. Land in Sicht: Kurz nachdem wir auf der gemeinsamen Kreuzfahrt Namens „Liebes WG“  in See stechen, haben wir  die Wahl zwischen heile Familieninsel, dem Bermudadreieck samt Unwetter und dem nichts aka der endlosen Weiterfahrt, in der wir mit schlaffen Segeln nur vor uns herschippern. Luft raus.

Die Angst, sich für das geteilte Wohnen zu entscheiden, wird schnell dadurch geschürt, dass es vermeintlich keinen Schritt zurück gibt und viele von uns glauben, dies würde die Aufgabe der eigenen Flexibilität implizieren.

Stress und Zwang als neuer Begleiter der Zweisamkeit

Und natürlich gibt es sie, die Streitigkeiten über Dinge, die uns als Paar bislang nicht im geringsten gekümmert haben. All das ist dann gleich mit in die neue Wohnung eingezogen – und genau damit gilt es fortan umzugehen. Es geht darum, neu oder anders zusammenzuwachsen, auf andere Art und Weise zu kommunizieren, neu zu streiten und zu lieben. Im Prinzip ist alles anders – und doch bleibt alles so, wie in dem Leben davor, als jeder noch in sein eigens Bett schlüpfte, wenn es mal gekracht hat. Aber vielleicht ist es genau das: Weil man ganz vielleicht Gefühl hat, nicht fliehen zu können (sofern man sich für das Ein-Schlafzimmer-Modell entschieden hat). Und weil die potenzielle Endlichkeit flöten gegangen scheint.

Aber seien wir mal ehrlich: Wäre denn ein mögliches Scheitern des WG-Experiments automatisch ein Scheitern der Zweisamkeit? Um Himmels Willen nein! Zumindest nicht zwingend. Nicht, wenn man die Gründe einsieht und versteht – am besten so früh wie möglich. Nicht, wenn die Beziehung leidet, weil man eben zusammenwohnt – und nicht aus anderen Gründen. Warum erscheint uns das Konzept des gescheiterten Experiments so unfassbar fremd? Schließlich darf auch ein geteilter Wohnraum seine Zeit haben, die es zu genießen gilt, in der es unheimlich gut passt und funktioniert. Gleichzeitig darf aber auch die Kehrseite eintreffen: Die, in der beide Parteien wieder mehr Raum für eigene Projekte, Bedürfnisse und sich selbst brauchen. Warum soll es denn nur Schwarz und Weiß geben? 

Wenn man sich im Klaren darüber ist, dass Beziehungen immer mit viel Arbeit verbunden sind, entscheidet man sich bei Auflösung der gemeinsamen vier Wände eben nur für eine andere Form von Arbeit (wenn man denn so will) und für andere Energien, die sich wieder dem Kern der Beziehung widmen: Der reinen, rohen Liebe, neuer Horizonte, anderen Erwartungen und neugefundenen Zielen. Hört dabei am besten ganz auf euch selbst, denn am ehrlichsten sind am Ende die Entscheidungen, die frei von sozialen Erwartungen und gesellschaftlichen Konventionen getroffen wurden. Weil es eben auf die ganz eigene Art und Weise klappen muss. Etwas, was Beziehungen ohnehin zusehends verlernen:

 Zwischendurch die Scheuklappen aufsetzen und auf das konzentrieren, was hier im wir gerade passiert, was uns gut tut und was wir entscheiden wollen. Schüttelt den Schein der Anderen ab und glaubt nicht, dass dort drüben alles sowieso viel besser als bei euch läuft – und nur bei euch rein gar nichts funktioniert. Denn mit dem Druck, sich selbst, der besten Freundin oder der Familie gerecht zu werden, kann jedes noch so zu Ende gedachtes Vorhaben nach Hinten losgehen. Legt euer Tempo vor und entscheidet selbst, was wann genau richtig für euch ist. Nur so könnt ihr höchstwahrscheinlich gemeinsam glücklich sein. Egal ob zusammen in einer Wohnung, getrennt oder in einer gemeinsamen Wohnung mit getrennten Zimmern.

Bilder der Collage: Vogue US Produktion. Die gesamte Strecke findet ihr hier

3 Kommentare

  1. Tülay C.

    Liebe Fabienne, danke für deine immer tollen Kolumnen!!!
    Bei diesem Thema fehlt mir persönlich jedoch ein Gedankenpunkt, neben der vermeintlichen Bindungsangst: Der (un)bezahlbare Wohnraum, der einem nach einem möglichen Scheitern einer Beziehung droht.

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    1. Mila

      Tülay, das ist definitiv ein sehr guter Einwand. Vor allem, was die Großstädte betrifft. Ich selbst bin mal vor Jahren aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen – in eine kleinere. Dann, nach 3 Monaten (!) war klar, dass es nicht der richtige Schritt gewesen war. Also habe ich kurzerhand einen Nachmieter gesucht und bin zurückgezogen … um dann nach 1 Jahr endgültig auszuziehen … So was wäre heute in Berlin fast undenkbar: Es gibt kaum Wohnungen und wenn sind sie unbezahlbar, erst recht, wenn man neu einzieht und die Miete ordentlich hochgeschraubt werden kann.

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  2. Pingback: Cherry Picks #37 - amazed

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