Vier Bücher im Juni // Weil das Leben so viel kostet.

04.06.2019 Buch

»Das Leben bricht auseinander. Wir versuchen es in die Hand zu nehmen, versuchen es zusammenzuhalten. Bis uns irgendwann klar wird, dass wir es gar nicht zusammenhalten wollen.« Ich weiß nicht, ob mich überhaupt je ein Satz so sehr getroffen hat, bis ins Mark fuhren mir die Zeilen, als ich sie zum ersten Mal las, zum zweiten, dritten und vierten Mal. Weil sich mein Leben während der vergangenen Jahre niemals schleichend, sondern immer radikal änderte, wie ein Donnerwetter, das du eben noch gar nicht hast kommen sehen. Komisch daran finde ich bis heute, dass es jedes Mal nur kurz weh tat, das alles. Zwar heftig und doll, aber nie lange, weil hinter der nächsten Ecke tatsächlich stets die große Erkenntnis lauerte, dass ich überhaupt nicht komplett am Arsch, sondern vor allem endlich befreit bin. Von toxischen Beziehungen zum Beispiel, die ich eigentlich viel früher hätte nicht mehr zusammenhalten sollen. „Was das Leben kostet“ von Deborah Levy hat dabei so unendlich gut getan, schon in der englischen Originalfassung. Vielleicht, weil Levy uns mit jeder Seite, zumindest im ersten Teil des Buches, davor bewahrt, zurückzurudern, aus Angst oder Bequemlichkeit. Weil es keine Romantisierung und auch kein Happy End gibt – dafür aber endlich ein Werk, das den Schmerz ernst nimmt, das genau so weh tut wie wir.  Eines, das nicht schon wieder sagt: Alles wird gut, lach doch mal wieder. Sondern: Das hier ist richtig scheiße, aber es ist dein fucking Leben. Und es wird weitergehen.

Und dann ist da noch Carolin Emcke, die ich spätestens seit ihrem Beststeller „Gegen den Hass“ für eine der wichtigsten Stimmen der deutschen Literatur halte. „Ja heißt ja und…“ ist ein sehr persönliches Werk geworden, eine wortreiche Fragestellung, eine Enttarnung von andauernden Missständen, ein Appell und  zugleich Denkanstoß, der zeigt, was nach der #MeToo-Debatte folgen muss. Sexismus und (strukturelle) Gewalt müssen immer weiter besprochen werden, damit sich das Denken und Handeln ändern kann. Auch unser eigenes. Wer lange still war, wird plötzlich laut, statt weiter hinzunehmen. Begreift, dass der Mechanismus der Normalisierung tatsächlich omnipräsent und gerade deshalb so schrecklich falsch und gefährlich ist. Der sieht trotzdem nicht immer klar, muss sich immer wieder hinterfragen, justieren, sogar unbequem werden. Um es denen schwer zu machen, die Täter und nicht bloß Akteure sind. Emckes Stärke ist dabei zweifellos ihr Talent, uns auf Augenhöhe zu begegnen und in Worte zu packen, was sonst so gern Gehirne verknotet. 

Zwei weitere Bücher warten außerdem auf mich: „Hingabe“ von Patti Smith einerseits und jenes, auf das ich mich gerade am meisten freue: „Alles, was passiert ist.“ 

Patti Smith – „Hingabe“

„Warum schreibe ich? Ein sehr poetisches und persönliches Buch der Ausnahmekünstlerin Patti Smith.Punk-Ikone, Musikerin, Künstlerin, Schriftstellerin. Mühelos füllt Patti Smith all diese Rollen aus. In »Hingabe« veröffentlicht sie ihre erste literarische Erzählung und gewährt Einblicke in ihren Schreibprozess.

Warum muss man schreiben? Welche geheimnisvolle Macht steht hinter jenem Drang, Gesehenes, Geschehenes und Erlebtes, Gedanken und Gefühle zu Papier zu bringen und sie auf diese Weise für sich selbst zu ordnen? Dieser Frage geht Patti Smith in ihrem neuen Buch nach, auf ihre ganz eigene, unnachahmliche Weise. Und zum ersten Mal überhaupt schreibt sie auch fiktional. Eine Erzählung über eine Eisläuferin, die von ihremTraum, einfach »nur« zu laufen, über das Eis zu gleiten, so besessen ist, dass sie bereit ist, fast alles dafür zu tun. Flankiert wird diese Erzählung von essayistischen Texten, in denen Patti Smith von ihren Reisen schreibt, die sie auf den Spuren berühmter Schriftsteller*innen unternommen hat. Sie fährt nach Südfrankreich, in das Haus von Albert Camus, sie besucht das Grab von Simone Weil in England. Und sie durchstreift, immer mit dem Buch in der Hand, das Paris von Patrick Modiano. Jedes Erlebnis, alles, was sie sieht und fühlt, kann irgendwann Text werden. Patti Smith lässt uns teilhaben an ihrem kreativen Prozess, und wir erleben sie einmal mehr als eine der großen Künstlerinnen der Gegenwart.“

Carolin Emcke – „Ja heißt ja und…“

„Wie kann man nach der „MeToo-Debatte“ noch über Lust, Macht und Gleichheit denken und sprechen? Für Bestseller-Autorin und Friedenspreisträgerin Carolin Emcke hat die Debatte vor allem eines gezeigt: Es ist ein Gespräch über Missbrauch und Sexualität entstanden, das nicht wieder abgebrochen werden kann. Denn die Fragen bleiben: Welche Bilder und Begriffe prägen unsere Vorstellungen von Lust und Unlust? Wie lässt sich Gewalt entlarven und verhindern? Wie bilden sich die Strukturen und Normen, in die Männer und Frauen und alle dazwischen passen müssen? Was wird verschwiegen, wer muss ohnmächtig bleiben? Wie lassen sich Lust und Sexualität in ihrer Vielfalt ermöglichen – ohne Vereindeutigung? Indem sie eigene Erfahrungen, soziale Gewohnheiten, Musik und Literatur befragt, zeigt Carolin Emcke, wie kompliziert das Verhältnis von Sexualität und Wahrheit immer noch ist.“

Yrsa Daley-Ward – „Alles, was passiert ist“

„Dies ist die Geschichte von Yrsa Daley-Ward. Sie erzählt uns alles, was passiert ist. Auch die schrecklichen Dinge. Und die gab es weiß Gott. Sie erzählt uns von ihrer Kindheit im Nordwesten Englands, von ihrer wunderschönen, aber mit dem Leben hadernden Mutter Marcia, von deren Freund Linford, mit dem man mal Spaß, aber noch öfter Ärger hat, und von ihrem kleinen Bruder Roo, der sich in den Sternen am Himmel die ganze Welt ausmalt. Sie erzählt vom Aufwachsen und davon, wie es ist, die Macht und Unheimlichkeit der eigenen Sexualität zu entdecken, von dunklen Stunden voller bunter Pillen und Pülverchen und von Begegnungen mit den falschen Leuten. Ja, sie erzählt vom Schmerz. Aber auch vom Glück.“

»Wenn man Yrsa Daley-Ward liest, hält man die reine Wahrheit in Händen. Ihr Buch schwitzt und atmet vor unseren Augen, es ist ein herrliches lebendiges Wesen.« Florence Welch, Florence and the Machine

»Ein umwerfendes Buch voller lyrischer Kraft.« New York Times

Deborah Levy – „Was das Leben kostet“

»Das Leben bricht auseinander. Wir versuchen es in die Hand zu nehmen, versuchen es zusammenzuhalten. Bis uns irgendwann klar wird, dass wir es gar nicht zusammenhalten wollen.« Wenn sich das Leben ändert, tut es dies meist radikal. Deborah Levy und ihr Mann gehen getrennte Wege, ihre Mutter wird bald sterben. Doch die entstehende Lücke bedeutet auch Raum für Neues. In präziser und suggestiver Prosa erschreibt Levy sich aus den Bruchstücken ihres alten Selbst ein neues und fragt: Was heißt es, frei zu sein – als Künstlerin, als Frau, als Mutter oder Tochter? Und was ist der Preis dieser Freiheit? „Jeder Satz ein kleines Meisterwerk“, schreibt „The Telegraph“, und so wird aus einer individuellen Geschichte ein lebenskluges und fesselndes Zeugnis einer zutiefst menschlichen Erfahrung.“

„Herausragend und wunderschön, voller Witz und rasiermesserscharfer Einsichten.“ Financial Times

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