Unbequeme Wahrheiten // Pärchenurlaub ist verdammt anstrengend

Es gibt diese Art Mensch, die Urlaub aus Prinzip macht. Urlaub machen, weil zu viel Geld, Urlaub machen, weil zu viel Zeit, Urlaub machen, weil man es eben so macht. Verreisen ob mit Bus, Bahn oder Flugzeug war mir lange Zeit so gut wie nicht vergönnt und auch in meinem Elternhaus kein großes Thema. Eher die Extrawurst schlechthin, etwas ganz besonderes und nur selten im Budget. Schon immer also, war die Zeit vorher besonders aufregend und geprägt von vorfreudigen Einschlafproblemen. Daran hat sich bis heute fast nichts geändert, außer, dass sich alle Gefühle einen Tick weniger fein anfühlen. Vor allem, wenn es mit der besseren Hälfte auf Reisen geht.

Als Charlotte Roche und ihr Martin kürzlich in Folge 8 von Paardiologie die Bombe über Markus, Barbara, und den gemeinsamen Urlaub mit Kind und Kegel platzen ließen, fiel mir ein unglaublicher Stein vom Herzen. Seinen Urlaub im Nachhinein ätzend finden? Gar zugeben, dass man sich mit der Auszeit eher geschadet als geschont hat, ist doch eines der Tabus der Wohlstandsgesellschaft. Da fährt man schon in die Ferne und kommt angestrengt, ausgelaugt und undankbar nach Hause: Charlotte hat’s getan und dann auch noch alles verraten. Big Up. So subsumiert sie mit ihrem Mann die Essenzen eines gescheiterten Urlaubsglücks in Zusammenhang mit anderen Paaren, den eigenen oder den mitgebrachten Kindern, die sich querstellen, anzicken oder schlichtweg gegenseitig auf den Geist gehen. Ich füge für mich hinzu: Den immensen Stress beim Urlaub als Paar. Unruhe, Erwartungen und Druck inklusive.

 
 
 
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Ein Beitrag geteilt von Fabienne Sand (@ffabae) am

[typedjs] Ist die Stimmung nämlich nicht so wie ausgemalt, nicht wie die Essenz von Call Me By Your Name in einem einwöchigen Loop, bin ich die erste die spitzfindig und schmollend im Liegestuhl sitzt.[/typedjs]

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Gerade dann, wenn der gemeinsame Trip nicht selbstverständlich ist, ist doch der Druck auf die absolute Vollkommenheit dieses Events immens. Das merke ich immer dann, wenn ich zwei Wochen vorher schon das Gefühl bekomme, noch „etwas erledigen zu müssen.“ Ja was denn? Die Urlaubsgarderobe? Die Bikinizone? Noch mal jemanden treffen um „Lebewohl“ zu sagen? Ja genau. Und abends dann nervös recherchieren, wie gut die Region sich anbietet für Tagestrips und romantische Abendessen. Darauf plädieren, dass die Unterkunft eine Dachtrasse mit Meerblick vorweist (…) und Instagram nach den beliebtesten Hot Spots der Region durchforsten. Oder bin ich die Einzige, die vor und während des Urlaubs mit dem Partner/der Partnerin totalen Druck verspürt und wie besessen darauf pocht, dass alles perfekt sein muss? Der Strand, das Essen, der Sex?

Sieben Tage, selten länger, ist meine Fähigkeit, mich zu entspannen definitiv von der Stimmung der Beziehung beeinflusst. Ist die Stimmung nämlich nicht so wie ausgemalt, nicht wie die Essenz von Call Me By Your Name in einem einwöchigen Loop, bin ich die erste die spitzfindig und schmollend im Liegestuhl sitzt. Und dabei habe ich mir Druck und Stress ganz alleine zuzuschreiben, schaue ich mir nämlich viel zu gerne langweilige Urlaubsbilder anderer auf üblichen verdächtigen Social Media Outlets an und bewundere ungeniert und unreflektiert, wie gut es doch die anderen haben. Autsch. Ungut. Was sagt es aus über mich, dass der Urlaub mit dem Signifficant Other neben dem Jahreshighlight zugleich auch immer ein echter Triggerpunkt ist, was die eigene Beziehung angeht?

Noch nicht zusammenwohnend, stets am wuseln mit konträren Tagesabläufen und ohnehin zu viel um die Ohren, ist diese spezielle Zeit im Kalender so besonders, dass ihr jeglicher Druck obliegt, sämtliche Unannehmlichkeiten des Alltags auszubügeln. Gar das wettzumachen, was einem im Tagesgeschehen durch die Finger rinnt, sich anstaut oder vertagt wird. Das falsche Restaurant, die falsche Ferienwohnung, die falsche Langeweile am Ferienort sind ein Desaster,

wenn man sich doch so gewünscht hat, dass alles wieder gut wird, wenn man sich erst einmal Zeit für einander nimmt. Funktioniert das nicht so wie geplant, scheint nichts mehr zu gehen, man gescheitert am Beisammensein und ohnehin in miserabler Verfassung: Was macht noch Sinn, wenn’s im Urlaub hapert? Und dabei ist diese Zeit im Jahr vielleicht so aussagekräftig, wie ein zickiger Morgen in einer vollen Berufswoche: Gar nicht.

Genau so wenig wie das perfekt geplante Date ist der perfekt geplante Urlaub in trauter Zweisamkeit ein Garant für intaktes Liebesglück. Genauso wenig ist es nötig, sich bei Musik, Wetter, Umgebung und Verliebtheit nach links und rechts umzudrehen. Nach Elio und Oliver schon gar nicht. Optimal wenn diese Perfektion einfach kommt, weil man sie ohnehin nicht bemerkt. Zudem: Wissen was man will. Braucht man Entspannung, ist eine Stadt mit Sicherheit nicht das richtige Domizil. Wer sich davor grämt eine Woche am Strand zu liegen, sollte über Aktivurlaub nachdenken. Auch prima: Ruhe zu bewahren und tief durchzuatmen, wenn alles dann doch nicht kommt, wie man wollte. Heute fahre ich am besten damit, mich im Pärchenurlaub verstärkt um mein eigenes Wohlbefinden zu kümmern. Irgendwie kam alles drum herum beim letzten Mal von ganz alleine. So wie sonst auch.

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