Vier Bücher im September: Von sexueller Selbstbestimmung, einer sehnsüchtig erwarteten Fortsetzung, Hintergründen zum Skandal des Jahres & einer wichtigen Auseinandersetzung mit Alltagsrassismus

23.09.2019 Buch

Die Fortsetzung von „Der Report der Magd“, was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, dem Recherche-Bericht zur Harvey Weinstein Affäre & eine Antwort auf: Wie frei sind Frauen wirklich, sexuell gesehen?

Vier Bücher, die euch selbstverständlich nicht nur durch den restlichen September begleiten sollen, sondern noch viel, viel länger. Vier Bücher, die ich euch im neunten Monat des Jahres aber besonders gern ans Herzen lege:

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Margaret Atwood: Die Zeuginnen

Wer hätte gedacht, dass das Buch, das ich damals (glücklicherweise!) im Englisch-LK lesen musste, dank Donald Trumps Wahl zum US-Präsidenten 2016 einen richtigen Hype erleben würde? Die Rede ist natürlich von Der Report der Magd (engl. The Handmaid’s Tale), in dem Margaret Atwood die Vision der totalitären Theokratie Gilead entwirft, in der Frauen keine Rechte haben: Nach einer Naturkatastrophe sind nur noch wenige Frauen fruchtbar und müssen als sogenannte „Mägde“ in einem Haushalt dienen, wo sie vom Oberhaupt dieses Haushalts, dem Kommandanten, regelmäßig rituell vergewaltigt wird. Atwoods 1985 veröffentlichtes Buch hat in den letzten Jahres eine Art zweite Karriere gemacht, landetet wieder auf Bestsellerlisten und wurde mit Elisabeth Moss in der Rolle der Offred erfolgreich verfilmt. Gilead scheint in Zeiten, in denen die reproduktiven Rechte von Frauen eingeschränkt und bedroht werden, plötzlich gar nicht mehr wie eine ferne Dystopie, sondern wie ein sehr reales Szenario. Kein Wunder, dass Atwood immer wieder nach einer Fortsetzung gefragt wurde. Die liefert sie nun mit Die Zeuginnen (engl. The Testaments). Im Mittelpunkt steht dieses Mal nicht die Magd Offred, sondern u.a. Tante Lydia, die dafür sorgt, dass die Mädge schön brav ihren Dienst im Namen des Herrn erfüllen. Fortsetzungen sind nicht immer eine gute Idee, aber in diesem Fall offenbar schon: Kritiker*innen sind positiv bis begeistert, das Buch hat es auf die Shortliste des renommierten Booker Prize geschafft.

Kleiner Tipp: Wer erst mal reinlesen möchte, findet auf Spiegel Online einen Auszug aus Die Zeuginnen.

Margaret Atwood: Die Zeuginnen ist am 10. September 2019 im Berlin Verlag erschienen und auch hier erhältlich.

Alice Hasters: Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen

Wenn es in den letzten Jahren ein Buch über Rassismus gab, das jeder halbwegs aufgeklärte Mensch gelesen hat, dann war es dieses: Why I’m no longer talking to white people about race von der britischen Autorin Reni Eddo-Lodge. Während ich das Buch las, wünschte ich mir, dass es sowas auch auf Deutsch gäbe – und ich meine nicht, eine deutsche Übersetzung des Buchs (die gibt es), sondern ein Buch, das für Deutschland das macht, was Eddo-Lodge für ihre Heimat England gemacht hat: ein persönlicher, dennoch analytischer Bericht darüber, wie sich Rassismus für Betroffene anfühlt. Zum Glück gibt es Alice Hasters, die nicht nur den tollen Podcast Feuer & Brot macht, sondern nun ein Buch über ihre rassistischen Erfahrungen als Afrodeutsche geschrieben hat: Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen heißt es und beschreibt Alice‘ Alltag als schwarze Frau in Deutschland. Alice will zeigen, dass Rassismus nicht nur ein Problem am rechten Rand der Gesellschaft und wie notwendig die Auseinandersetzung mit dem eigenen rassistischen Verhalten ist. Ein notwendiges, wichtiges Buch.

Kleiner Tipp: Neben dieser Neuerscheinung dürfte euch auch Eure Heimat ist unser Albtraum (herausgegeben von Fatma Aydemir und Hengameh Yaghoobifarah) und Deutschland Schwarz Weiß (von Noah Sow) wunderbar interessieren.

Alice Hasters: Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen erscheint  heute bei hanserblau und ist auch hier erhältlich.

Jodi Kantor und Megan Twohey: She Said

Zwei Berichte brachten Harvey Weinstein zu Fall: Der von Ronan Farrow im New Yorker sowie der von Jodi Kantor und Megan Twohey in der New York Times. 2018 gab es für die drei Journalist*innen den Pulitzer-Preis, nun beschreiben Kantor und Twohey in ihrem Buch She said, wie sie bei ihren Recherchen vorgingen, wie sich die Weinstein-Geschichte Stück für Stück zusammensetzte und welche Konsequenzen das alles hatte (Stichwort #MeToo). Das Buch zeigt die Arbeit, die hinter der Geschichte steckt, die psychische Belastung der Journalistinnen wie vieler ihrer Gesprächspartner*innen. Es ist eine streckenweise befriedigende, aber auch emotionale Lektüre. Was bleibt ist vor allem Bewunderung für die Hartnäckigkeit der Journalistinnen und den Mut der Frauen, die sich mit ihren Anschuldigungen gegen Weinstein in die Öffentlichkeit wagten – darunter Frauen, die persönlich in einer schwierigen Situation waren, denen absolut klar war, welche Nachteile ihre Aussage haben würde.

Kleiner Tipp: Mit der New York Times sprechen Kantor und Twohey über ihr Buch und über #MeToo. Eine gute Ergänzung zu She said ist The education of Brett Cavanaugh (veröffentlicht am 17. September): Cavanaugh wurde bekanntlich trotz schwerwiegender Vorwürfe sexuellen Fehlverhaltens als Richter an den Supreme Court berufen. Für ihr Buch haben die Journalistinnen Robin Pogrebin und Kate Kelly mit zahlreichen Menschen gesprochen, die die Vorwürfe gegen Cavanaugh bestätigen oder sogar erweitern.

Jodi Kantor und Megan Twohey: She said ist am 10. September 2019 im Penguin Verlag erschienen und ist auch hier erhältlich.

Theresa Lachner: Lvstprinzip

Frauen sind, was Sexualität angeht, heute angeblich wahnsinnig frei: Sie können Sex haben, mit wem sie wollen, wie sie wollen, wo sie wollen, sie lachen über angebliche Tabus und haben zu Hause garantiert einen Vibrator in der Schublade. Aber: Wie frei sind Frauen wirklich, sexuell gesehen? Dieser Frage geht Theresa Lachner seit Jahren auf ihrem erfolgreichen Blog Lvstprinzip (Tagline „Freiraum für sexuelle Gedanken“) nach. Sex schreibt sie, sei ein „Spiegel unserer Gesellschaft“, weshalb das Schreiben über ihn nie langweilig werde. Eine Tatsache, die durch die Veröffentlichung von Theresas erstem Buch bewiesen wird: Lvstprinzip heißt es, so wie ihr Blog – und ist genauso unerschrocken, lustig und direkt wie dieser. Theresa schreibt über ihren Weg zur erfolgreichsten deutschen Sex-Bloggerin und welche Kämpfe das oft mit sich bringt. Sie berichtet von weiblicher Ejakulation und Pornodrehs, von Bondage-Workshops und Tantra-Seminaren. Vor allem aber geht es um die Suche nach sich selbst, darum, ein Zuhause zu finden – und sich frei zu machen davon, dass man als Frau angeblich immer zu viel ist, zu freizügig, zu erfolgreich, zu dick, zu dünn. Frei sein, zeigt Theresa, hat eben auch mit Sex zu tun.

Kleiner Tipp: M von Anna Gien und Marleen Stark erzählt von der namenlosen M., die sich durch die Berliner Kunstszene vögelt. Es geht um weibliches Begehren, um Selbstermächtigung – geschrieben in einer oft schonungslosen, nahezu brutalen Sprache, die Leser*innen nicht unberührt lässt.

Therese Lachner: Lvstprinzip ist am 13. September 2019 bei Blumenbar erschienen und ist auch hier erhältlich. 

Vier Bücher im September: Von sexueller Selbstbestimmung, einer sehnsüchtig erwarteten Fortsetzung, Hintergründen zum Skandal des Jahres & einer wichtigen Auseinandersetzung mit Alltagsrassismus

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