Rechtsextremismus in Deutschland: Was bleibt, wenn der Schock geht?

In der vergangenen Woche sind in Halle zwei Menschen durch einen rechtsextremistischen Terroranschlag ums Leben gekommen. Am Wochenende mobilisierte das Bündnis Unteilbar zu einer Demonstration in Berlin mit schätzungsweise 10.000 Teilnehmenden. Deutsche Politikerinnen bekennen sich zum offensichtlich rechtsextremistischen Problem in ihrem Land. Was unsere Gesellschaft braucht? Konkrete Handlungsoptionen und ein Gefühl der Eigenverantwortlichkeit, wenn es um den Kampf gegen Rechts geht.

Angst um Leib und Leben: Für viele Minderheiten und marginalisierte Gruppierungen ist dieses Gefühl nicht mehr abstrakt, sondern real. Gedanken von BIPoC beim stetigen Erstarken der AFD, Gedanken bei selbst ernannten Sperrzonen aus Angst vor körperlichen Übergriffen oder verbalen Attacken. 2019 ist so wie die Vorjahre ein Jahr mit Empörungspotenzial. Es fühlt sich ein bisschen an, als würde die Welt Stück für Stück untergehen, in schlechten Nachrichten und Aussichten versinken und nur selten Lichtblicke preisgeben. Zwischen Überdruss und Verzweiflung gibt es vor allem eins: Zu wenig antirassistischen, gesellschaftlichen Konsens, wie er uns bei anderen Themen doch so viel leichter zu fallen scheint.

Das Problem der Anderen

Der Kampf ums Klima ist ein leichter, wenn es darum geht, seinen eigenen Allerwertesten zu retten. Die Zukunft des Planeten, der Kinder, der Menschheit. Das geht uns alle etwas an und ist ein kollektives Erdenbürger-Problem. Mit antisemitischen, rassistischen oder auch homo- oder transfeindlichen Übergriffen sieht das jedoch anders aus. Hier kocht jede betroffene Minderheit ihr eigenes Süppchen, weil am Ende noch immer zu wenige Menschen mit anpacken wollen. Ein Angriff auf eine jüdische Gemeinde am höchsten religiösen Feiertag Jom Kippur bleibt das jüdische Problem, der Angriff auf einen Eritreer im Juli signalisiert Gefahr für Schwarze Menschen, „nicht für mich“, „nicht für meine Gruppe“. Es liegt auf der Hand, wer am besten wegkommt, wenn sich besagte Übergriffe häufen und gezielt Jagd auf Menschen anderen Glaubens, anderer Hautfarbe oder Sexualität gemacht wird. Dem nicht-marginalisiertem Teil unserer Gesellschaft fehlt es an Mitgefühl, Verständnis und Solidarität. Was alle können, ist kollektiv zu trauern und über Unrecht und verlorene Menschenleben bestürzt sein. Jetzt aber geht es darum, konkret Haltung zu zeigen, eine Veränderung anzustoßen und die eigenen Denk- und Verhaltensmuster zu hinterfragen. Raus aus dem passiven Mitgefühl. Zuletzt haben wir es bei To-Go Bechern, Fernreisen oder Fleischkonsum getan, wir wissen also, dass das mit dem Umdenken funktioniert.

Solidarität kostet Kraft und Zeit.

Noch nie hat das Kreuz auf dem Wahlzettel gereicht. Antirassistisches Engagement ist auch nicht ausschließlich auf Demos oder bei linken Vereinen zu finden. Reflexion der Gesellschaftsstruktur, der eigenen Sozialisation, problematischer Angewohnheiten und mangelnder Politisierung. Es folgt die Auseinandersetzung mit Expertinnen und Experten auf dem Gebiet, zum Beispiel in Form von entsprechender Literatur, ergänzender Medien oder dem Besuch thematisch gebundener Veranstaltungen. Zum Schluss: das Umfeld mobilisieren, neue Verbündete aquarellieren und sich stetig mit dem politischen Spektrum und dem undemokratischen Gegner auseinandersetzen. Wir haben es mit einem Prozess zu tun, der uns mit Sicherheit etwas abverlangt, der aber nur durch die Bildung von Allianzen, einer Gemeinschaft und der stetigen Auseinandersetzung und Reflexion funktioniert. Bei sich selbst anfangen ist Voraussetzung, genauso wie das Ausnutzen der eigenen Kapazitäten.

Die Menschen, die nicht von Rassismus betroffen sind, merken als letzte, dass etwas im Argen ist. Sie sind eben nicht betroffen. Nicht ihre Familien. Nicht ihre Leute. Sie brauchen keine existenzielle Angst haben, dass ihr Glaube, ihre Religion, ihr Geschlecht oder ihre sexuelle Orientierung diskreditiert oder angefeindet werden könnten. Sie können nichts dafür, nicht betroffen zu sein. Sie können aber sehr wohl etwas dafür, wenn in Deutschland auf lange Sicht kein antirassistischer Konsens entsteht.

Quellen und Literatur zum Thema:

Deutsche Welle: Chronologie rechte Gewalt in Deutschland

TAZ: Wir haben versagt

Zeit Online: Diese Dinge sprechen eine Sprache

Matthias Quent über Rechtsterrorismus: „Es ist eine internationale Szene“

Deutschlandfunk Kultur: Rechtsterrorismus in der Bundesrepublik (Podcast)

Lage der Nation 160: Terror in Halle, Syrien, Brexit, Klimapaket, Feedback: Pendlerpauschale, Extinction Rebellion

Bücher zum Einstieg in Antirassistische Denkweisen:

Noah Sow: Deutschland Schwarz Weiß

Hier als Hörbuch über Spottify

Tupoka Ogette: Exit Racism

Alice Hasters: : Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen: aber wissen sollten

 

3 Kommentare

  1. Lale

    Vielleicht könntest Du auch ein paar Stellen nennen, die Sensibilisierungs- und/oder Empowerment-Workshops anbieten. Das hilft für einige sich weiterzubilden und andere sich zu stärken.

    Antworten
  2. Pingback: Cherry Picks #38 - amazed

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