TREND // Die 7 Entwicklungen in der Mode – laut Lidewij Edelkoort

28.11.2016 Mode, Gesellschaft

li edekoort

Lidewij Edelkoort dürfte mittlerweile auch fernab der Mode Branche, der Trend- und Konsumforschung für so manch eine oder einen mittlerweile ein Begriff sein, denn die gebürtige Niederländerin gilt als Orakel einer ganzen Branche, fasst Gegenwärtiges auf den Punkt zusammen, benennt Entwicklungen, die wir vielleicht längst spüren, bislang aber nicht in Worte fassen konnten und redet Tacheles in einem Zirkus, der zwar hin und wieder noch glitzert, dem es im Grunde allerdings ziemlich schlecht geht.

Mit ihrer These „Die Mode, wie wir sie kennen, ist totaus ihrem im vergangenen Jahr veröffentlichen Anti-Fashion Manifesto polarisierte damals, sollte allerdings recht behalten: Designer wechselten 2016 so oft wie noch nie die Positionen, das „See now, Buy now“-Konzept wurde fast flächendeckend umgesetzt und scheint den Rubel wider erwarten nicht ins Rollen zu bringen, und während manche Brands auf Extravaganz und laute Ohs setzen, dabei Schweißperlen auf der Stirn haben, drohen sie doch im kommenden Jahr nicht mehr „en vogue“ zu sein, setzen die anderen auf einfachste, aber absatzstarke Produkte ohne Whaows andere Spektakel. Was ist da los? Und wie kommen wir daraus? In einem Interview mit der deutschen Welle setzte man sich mit der Trendforscherin Edelkoort erneut an den Tisch. Das Ergebnis? Eine kleine Bestandsaufnahme ihrer Thesen, ihrer Vorhersagen – und ein Status Quo. Es sind keine völlig neuen Erkenntnisse, die da auf uns warten, aber es sind kleine Belege, die uns die Codes der Mode und die Zeichen der Zeit ziemlich anschaulich erklären:

  • „Emancipation of everything“ 

„The presidential election in the US brought the whole idea of women’s rights back. It’s the Revival of female emancipation“: Feminismus wird wieder groß geschrieben, Frauen organisieren sich, starten „Round Tables“ und wollen wieder was bewegen. Gloria Steinem und Annie Leibovitz eröffneten eine Ausstellung mit Frauenportraits, die schon bald auf Welttournee gehen wird. Auch wir erleben das in Deutschland mehr und mehr: @_innen & TrusttheGirls, um nur zwei öffentliche Beispiele zu nennen.

feminismus-2016-thisisjanewayne Dazu auch: „5 Gründe, warum wir jetzt alle Feminist*innen sein sollten.feminism-instagam-accounts-thisisjanewayne Dazu auch: „We should all be feminists“ und „Who to follow: feministische Instagram Accounts
feminismus-und-konsumDazu auch: Feminismus & Konsum.

  • The new Generation of Men

Sie kümmern sich vermehrt um ihre Kinder, wollen eine friedliche Welt und haben keine Angst mehr vor emanzipierten Frauen. Wie sich das in der Mode äußert: Männliche Mode wird weicher, femininer und die Farbpalette wird pastelliger, so Li Edelkoort.

„Dieses ganze System funktioniert nicht mehr. Das Rad dreht und dreht sich immer schneller und tötet damit nicht nur Kreativität, sondern das ganze Business. Die meisten hier überleben am Ende doch nur mit Taschen und Parfums,“ erklärt auch Demna Gvasalia im Rahmen eines Interviews mit Business of Fashion. Eigentlich nur logisch, dass es nun endlich auch den Geschlechtergrenzen an den Kragen geht. Männer- und Frauenmode gehört neuerdings zusammen, nicht nur bei Vetements, sondern auch bei Burberry, Givenchy oder Gucci. Während der gerade zu Ende gegangenen Männermodeschauen sah man so viele weibliche Models wie noch nie auf dem Laufsteg. Vermutlich auch, weil der Mann gerade das wird, was unsere Gesellschaft als weiblich bezeichnet, auch in der Mode: Verspielte Anzüge sieht man dort, florale Spitze, enge Hosen und sogar Röcke. Aber auch wegen kluger Marketing-Gründe, denn nirgendwo sonst erntet man für fast unsichtbare Zwischenkollektionen so viel Aufmerksamkeit wie auf dem Runway der Hauptkollektion des anderen Geschlechts.

Acne Studios S/S 2016 Men.

Acne Studios S/S 2016 Men.

Prada S/S 2017 Men

Prada S/S 2017 Men

Gucci S/S 2016 Men.

Gucci S/S 2016 Men.

  • „But in these times of fear, in the big parts of the world, in densely structured fighting societies, fashion tends to become very extravagant.“

Reifröcke, Ballonärmel, weiße Kragen, üppige Volants, auffällige Details = Theatralische Kleidung, Opulenz und ganz viel Extravaganz.

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Miu Miu A/W 2016

vivettaVivetta.

Gucci S/S 2016 Campaign.

Gucci S/S 2016 Campaign.

Aber es gibt auch die andere Seite, die sichere Nummer:

  • „Fashion gets political when clothes become uniforms“

Designerwechsel und mehr Druck führen zu noch mehr Sicherheit. „There is no end to the greed, so the brands are spreading themselves thin. They cannot take any risk anymore. They focus on the small things, primarily the leather goods since they are easier to sell, and their employees are sick of this style of work. So fashion takes a step back and becomes the accessory to the accessories. Fashion has lost its meaning.“ Das Resultat: Weniger Risiko und Kleidung, die für alle Geschlechter funktioniert: Wie Shirts oder Hoodies.

BOSS Pre Fall 2016

BOSS Pre Fall 2016

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„I read a book on fascism in Germany in the 1930s, and almost page by page I was reminded of the rhetoric of today in France and Great Britain, so I knew that this would happen, because we as a species don’t learn.“

„Fascism is triggered by fear, the fear of the loss of income, of autonomy, of voice. The masses live in fear, and therefore want to obey. They want to listen to a stronger power so they can live in obedience, which is the hallmark of fascism.“

  • Die Abkehr: Mehr Underground = Layering, verworrene Materialien, Samt und Nomaden-inspirierte Looks, die uns die Möglichkeit einräumen, einfach und sofort Reißaus zu nehmen, so Li Edelkoort.

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Nomadenlook à la „The Row„.

velvet_2016Das Samt-Revival.

Aber was kommt?

  • „Affordable Luxury“
Jacquemus A/W 2017

Jacquemus A/W 2016

Jacquemus S/S 2017

Jacquemus S/S 2017

Ein gute Preis-Leistungs-Verhältnis, eine gute Balance zwischen Langlebigkeit und guter Qualität. „What we’re trying to do is to bridge Silicon Valley and Hudson Valley, technology and nature. I’m talking about computerized yarns that can emit sound waves, light, that can carry medical or even defensive equipment, that can change color or become a musical instrument.“

  • However, the imperative of it all is to go to the humble beginnings. We are looking at techniques from centuries ago, from the beginning of time, actually, but we interweave them avant-garde. It’s very exciting!

Mode aus dem 3D Drucker wie bei Chanel & Iris van Herpen.

Das Interview mit Li Edelkoort und der deutschen Welle gibt es hier noch mal etwas gekürzt auf deutsch. Noch mehr Thesen von Li Edelkoort hat Zsuzsana Toth für Hey Woman zusammen gefasst.

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